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11.06.2009 |  Silvia Thurner

Hassgeschichte als „Neue MusikLesebuch“ präsentiert

Vor gut einem Jahr wurde Gerold Amanns „Hassgeschichte“ in Bludenz erstmals aufgeführt. Dabei wurde klar, dass es sich um ein außerordentliches Werk handelt, dem der Komponist eine eigene kompositorische Idee zugrunde gelegt hatte. Verbunden mit magischen Zeichen aus dem 15. und 16. Jahrhundert und auf dem Palindrom „Ruhe liegt im Tier - reit mit geile Hur“ beruhend, verströmt die streng gebundene Musik einen archaischen Charakter. Ulrich Gabriel hat die Komposition nun in Form eines sehr schön gestalteten „Neue Musik Lesebuchs“ publiziert.

Anlässlich der Präsentation des „Neue Musik Lesebuches“ im ORF Publikumsstudio in Dornbirn erzählte Ulrich Gabriel über die Grundgedanken dieses neuartigen Produktes. „Im Unterschied zur Bildenden Kunst und zur Literatur kennt die komponierte Musik außer dem Tonträger als Massenprodukt einerseits und der Partitur für den Spezialisten andererseits bisher kein haptisches Produkt, das nicht nur das Klangergebnis, sondern auch den Bauplan, die Struktur und die Organisation liefert. Das Neue Musiklesebuch tut das“, so der Herausgeber. Das geschmackvoll aufbereitete Buch mit einem ins Cover integrierten Tonträger bietet Informationen über den Komponisten, eine Werkbesprechung, den zugrunde liegenden Text und die Noten in einer übersichtlichen Form. Weil die Abschnitte der „Hassgeschichte“ inhaltlich in Szenen gegliedert sind, denen jeweils ein Text zugrunde liegt, ist der musikalische Ablauf gut nachvollziehbar. Quasi in Anlehnung an eine Grafik aus der Bildenden Kunst, liegt das Buch mit fortlaufender Nummerierung und vom Komponisten signiert in einer kleinen Auflage auf. Zweifellos ist das eine zukunftsweisende Idee. Auch die von Ulrich Gabriel weiterführenden Überlegungen zu einem „Musiksalon“ könnten den Ausgangspunkt für spannende Hör- und Leseerlebnisse mit Neuer Musik sein.

Das Lamento über die Neue Musik

Ein Manko wies die ansonsten gelungene Präsentation des Musiklesebuches jedoch auf, denn allzu sehr im Vordergrund standen die Schwierigkeiten bei der Realisierung dieses Projektes. Die zeitgenössische Musik ist für die Kultur essentiell wichtig. Das ist nicht nur gegenwärtig so, sondern war immer schon so. Jedoch die Rezeption der Neuen Musik hat sich im Vergleich zu früheren Zeiten geändert. Heutzutage wird Neue Musik viel zu oft mit Hürden und Unwägbarkeiten in Verbindung gebracht. Ständig wird betont, wie wichtig deren Vermittlung sei, wie langwierig und kostspielig Aufführungsprozesse sind und so weiter. Diese Hinweise sind nicht falsch, doch das allgegenwärtige Lamentieren schadet letztlich der Musik selbst. Anstatt Musik in ihrer Eigenart als Selbstverständlichkeit zu präsentieren, werden unnötige Vorbehalte und Vorurteile ständig neu genährt. Letztlich ist es die Hörerfahrung, die den ZuhörerInnen in den Konzertsälen dazu verhilft, die mitteilsame Schönheit der Neuen Musik erleben zu können. Je öfter, umso besser. Bleibt zu hoffen, dass Ulrich Gabriel in seiner „Unartproduktion“ noch viele „Neue MusikLesebücher“ heraus bringt.

Ein Hör- und Leseerlebnis

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Gerold Amann und Ulrich Gabriel auf der Couch

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