Derzeit in den Vorarlberger Kinos: The Zone of Interest (Foto: Filmcoopi Zürich)
Silvia Thurner · 16. Aug 2011 · Musik

Gegen eine Welt der Intoleranz und Bosheit – Das Hallé Orchestra Manchester präsentierte gesellschaftspolitische musikalische Statements

Als Gastorchester wurde das renommierte englische Hallé Orchestra unter seinem Chefdirigenten Mark Elder zu den Bregenzer Festspielen eingeladen. Vor allem die Deutung der „Suite nach Gedichten von Michelangelo“ von Dmitri Schostakowitsch war eine Entdeckung und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Alexei Tanovitski sang mit einer voluminösen und zugleich sensibel geführten Bassstimme das aussagekräftige Werk. In Tschaikowskis Symphonie Pathétique zeichnete das junge, mit vielen Frauen besetzte Orchester, in erster Linie die großen musikalischen Gegensätze wirkungsvoll nach.

Die Werkauswahl mit Schostakowitsch und Tschaikowsky wirkte intensiv. Beide Komponisten hatten ihr Leben lang mit äußeren Widrigkeiten der Politik und Gesellschaft zu kämpfen. Schostakowitsch musste sich mit dem Sowjetregime auseinandersetzen und war zu Konfrontationen gezwungen, die seine kompositorische Arbeit maßgeblich mitbestimmten. Mit der Michelangelo-Suite hat er einen Ausdruck für sein Leiden gefunden. Als Homosexueller passte Tschaikowsky nicht in die Gesellschaftsstrukturen seiner Zeit und scheiterte schließlich daran, seine sechste Symphonie ist ein Zeichen dafür.

Dmitiri Schostakowitschs „Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti“ für Bass und Orchetser, op. 145a ist eine Anklage gegen untragbare politische Zustände und Repressalien. Die Spannung für die musikalische Anlage der Lieder bezog der Komponist aus dem Text sowie aus einem großen Orchesterapparat, dessen breite Klangfarbenpalette er auf das Wesentliche reduziert zum Einsatz brachte.

Das Hallé Orchestra Manchester und Mark Elder konzentrierten sich genau auf die kompositorischen Vorgaben und betonten symbolisch eingesetzte Intervalle sowie harmonische Beziehungsmuster besonders deutlich. Kongenial interpretierte der Bassist Alexei Tanovitski die Lieder. Sein opernhafter Duktus bewirkte kraftvolle Überhöhungen. Bewundernswert regulierte er sein Stimmvolumen, so dass die Liedparts überaus nuanciert ausgeleuchtet wurden. Auch das Zusammenspiel mit dem Orchester verstärkte die dichte Atmosphäre.

Ambivalente Gemütsverfassungen

In Tschaikowskys Symphonie Nr. 6 loteten das Hallé Orchestra Manchester und Mark Elder vor allem die Gegensatzpaare und die Ambivalenz der emotionalen Themengestalten aus. Mark Elder führte die MusikerInnen leger, ließ den orchestralen Kräften freien Lauf und bewirkte damit zahlreiche musikalische Höhepunkte. So wurde die Gesamtanlage des Werkes gut modelliert. Allerdings fehlte der Interpretation eine übergeordnete Spannkraft und innere Ruhe, dies war an einigen motivischen Nahtstellen sowie abschnittweise im eher unausgewogenen Gesamtklang des Orchesters hörbar. Nachdem sich die Energie im fulminanten Allegro molto vivace entladen hatte, fand das Orchester in einem gut ausbalancierten Adagio lamentoso ganz zu sich selbst.