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26.01.2019 |  Peter Bader

Fusion vom Feinsten mit Irritationen

Die Präsentation der ersten Solo-CD des Vorarlberger E-Gitarristen Klaus Michler im Dornbirner Spielboden am Donnerstagabend sorgte für ein volles Haus.

Kennern der Vorarlberger Popularmusik-Szene ist der 55-jährige E-Gitarrist Klaus Michler schon länger ein Begriff. Ob als Begründer und Mastermind der jährlichen Ferry-Jam am Lochauer Seeufer oder als hochtalentierter Musiker in diversen Bands, Michler, der unter dem Logo „km special“ firmiert, hat in den letzten Jahren von sich reden gemacht. Dabei ist es vor allem der „Fusion“-Sound, der ihn besonders begeistert.
Der studierte Pharmazeut und Betreiber einer Lochauer Apotheke versammelte in den letzten Monaten fünf Jazz-Rock-Musiker mit illustren Namen um sich, um sein Debüt-Solo-Album „fusion project 1“ in Teddy Maiers Ton-Zoo-Studios in Dornbirn einzuspielen. Hierbei war die Freundschaft zu Andi Steirer von der Band Ostinato hilfreich. So ergab es sich, dass Michler die Rhythm Section dieser bekannten Wiener Formation für sein Band-Projekt gewinnen konnte. Das Fundament der Band bilden somit: Tommy Böröcz (Drums), Andi Steirer (Percussion) und Robert Riegler (Bass).
Und: Michler ist seit dem Schuljahr 2015/16 Gitarrist in einem Workshop von Peter Madsen am Dornbirner Jazzseminar. Der bekannte US-amerikanische Spitzen-Jazzpianist Madsen war sofort bereit, die Keyboards in Michlers neuer Gruppe zu spielen. Madsen war es auch, der Michler den australischen Posaunisten Adrian Mears als weiteres Band-Mitglied vorschlug.
Man kann sich vorstellen, dass es nicht einfach ist, Termine für gemeinsame Proben und Studio-Aufnahmen zu finden, wenn man es mit Musikern von diesem Kaliber zu tun hat. So ließ Michler seinen Musikern als Vorbereitung „Pilot-Aufnahmen“ und Notenmaterial zukommen. Geprobt wurde dann an einem Nachmittag im Studio, wo auch die Solo-Reihenfolge fixiert wurde. Für Michler war es wichtig, seinen Musikern maximale Freiheit zu lassen, damit sie ihr Potenzial einbringen konnten.
Die neun Eigenkompositionen dieses ersten Solo-Albums Michlers wurden von Bernhard Belej abgemischt; das Album ist Michlers Geschenk an sich selbst zu seinem 55. Geburtstag. Geplant sind weitere Auftritte, vor allem in Jazzclubs. Auch die CD soll ein Fortsetzung finden.  

Auftrittsapplaus für eine internationale Band

Unter Applaus betrat die internationale Band die Spielboden-Bühne, um in zwei kurzweiligen Sets zu zeigen, wo in Vorarlberg derzeit der Fusion-Hammer hängt. Schon die erste Nummer, „Hiding Place“, spiegelte wieder, was Klaus Michler als Mensch ausmacht: eine positive Ausstrahlung und Lebensfreude. Stilistisch als Reggae angelegt verbreitete das Unisono-Thema von Posaune und E-Gitarre Fröhlichkeit im ausverkauften Saal. Die Musiker agierten hochkonzentriert und mit Noten als Sicherheitsnetz vor sich; nur der Percussionist Andi Steirer und Klaus Michler spielten auswendig.
Michler, ganz versunken in seine Musik, formte sein gefühlvolles Solo mimisch mit und unterstrich sein Spiel mit der entsprechenden Körpersprache. Mit geschlossenen Augen realisierte er auf seinem Instrument berührende Melodiebögen. Ausgerüstet mit hochprofessionellem Equipment - einer Marshall- und einer Orange-Box plus Bigtone-Verstärker - und einem bestens ausgestatteten Effekt-Board am Boden, konnte Michler einen an internationalen Standards orientierten E-Gitarren-Sound liefern: leicht verzerrt, fett, tragend. Es gab viel Applaus für diese erste Kostprobe seines Könnens.

Der Trick mit den Unisono-Linien

Stichwort Unisono-Linien: Auffallend war die Häufigkeit, mit der sich Michler als Komponist und Arrangeur dieses musikalischen Mittels bedient. So zeichneten sich etwa auch die Kompositionen „Roots“, „Funk em all“ und „505 Blues“ durch vertrackte Unisono-Linien von Posaune und E-Gitarre aus. Verständlich, denn die Klangfarben dieser zwei Instrumente mischen sich gut. Und: Die zwei Musiker haben das Potenzial, die virtuosen Themen zu meistern.
Den versierten Komponisten erkennt man auch daran, wenn nicht sogar vor allem daran, dass Schlüsse nicht dem Zufall überlassen werden, sondern auskomponiert sind, und die Band die Stücke punktgenau beenden muss.

Stilistische Vielfältigkeit: Reggae, Rock, Funk, Jazz, Ballade

Im „Fusion“-Sound werden ab den 70er Jahren bekanntermaßen stilistische Einflüsse in einer neuen Musikrichtung „fusioniert“. So gesellten sich zur eingangs erwähnten Reggae-Nummer „Hiding Place“ auch Rock-, Funk- und Jazz-Kompositionen. Der Titel „Roots“ ist hierbei Michlers Vergangenheit in der Rockmusik geschuldet. Dementsprechend rockig ist auch die Komposition: Ein brachiales Gitarren-Riff inklusive einem E-Gitarren-Solo, das abgeht, zeigten nur eine Facette der stilistischen Bandbreite auf, über die Michler als Komponist und Musiker verfügt.
Dem Funk wurde mit dem Titel „Funk em all“ gefrönt. Selbstverständlich grundiert von einem mächtigen Clavinet-Sound-Riff. Das Hohner Clavinet - „das“ Funk-Tasteninstrument in der Popularmusikgeschichte -, durfte natürlich in einer Funk-Nummer nicht fehlen (wenn auch hier nur als „Clone“). Und Peter Madsen wusste es zu bedienen. 

Die obligatorische Ballade

Mit der wunderschönen, von Peter Madsen reharmonisierten, Ballade „Early Afternoon“ kamen auch die Romantiker im Publikum auf ihre Kosten. Nach einem langen träumerischen Intro von Peter Madsen mit Layer-Sound stellte Michler auf der E-Gitarre ein berührendes Thema vor, dessen Schönheit in seiner Fortspinnung noch gesteigert wurde. Musik, an der man sich seelisch aufrichten kann; als Assoziation ist wohl das religiös konnotierte Adjektiv „erbaulich“ zur Beschreibung nicht falsch gewählt.

Beeindruckende Soli und eine tighte Rhythm Section

Jeder der sechs Musiker bekam an diesem Abend ausführlich Gelegenheit, sein Können auch als Solist zu präsentieren. Allerdings ist für erfolgreiches Solospiel eine verlässliche Rhythmusgruppe von größter Wichtigkeit. Die Sicherheit einer tighten Rhythm Section boten die drei versierten Ostinato-Musiker Tommy Böröcz (Drums), Andi Steirer (Percussion) und Robert Riegler (Bass) ihren Solisten allezeit.
Von den beeindruckende solistischen Leistungen seien stellvertretend hervorgehoben:  Die superbe Improvisation, die Adrian Mears als Einleitung zu „Catwalk“ spielte. Mittels eines Loop-Geräts nahm Mears hintereinander Melodienlinien auf - inklusive einer Basslinie, die er mit einem Octaver realisierte -, so dass ein harmonischer Vamp entstand, über den er mit Mouth Percussion einen „Drum“-Rhythmus legte. Über diesen Vamp solierte er dann virtuos und erntete verdientermaßen enthusiastischen Beifall.
Robert Riegler am sechssaitigen E-Bass darf als der beste E-Bassist Österreichs gelten. In der erwähnten Ballade „Early Afternoon“ beeindruckte er auf seinem sechsaitigen Bass nicht nur durch sein technisches Können, sondern auch durch die Eleganz seiner Linien.
Tommy Böröcz am Schlagzeug spielte zu „Freesurfing“ ein langes, energiegeladenes Intro. In dieser Komposition legte Peter Madsen am Keyboard so los, dass man Angst haben musste, sein Instrument fange gleich Feuer.
Der Percussionist Andi Steirer brillierte in der Nummer „Catwalk“. Die Spielfreude war ihm regelrecht anzusehen.
Der Bandleader Klaus Michler überzeugte mit seinen vielen fingerfertigen Soli, die mit interessanten Licks und melodiösen Wendungen aufwarteten.
Es soll aber auch gesagt sein, dass man nie das unangenehme Gefühl haben musste, die langen Soli dienten der eitlen Selbstdarstellung. In ihrer Virtuosität waren sie niemals Selbstzweck, sondern vielmehr song-dienlich angelegt und auf die Aussage der Komposition abgestimmt. So arbeiten wirkliche Cracks.

Live-Charakter und Jazz-Praxis: On cue! 

Wie in der Jazz-Praxis üblich, wurde - an diesem Abend vor allem - das Ende des jeweiligen Solos „on cue“, also auf Zeichen, angezeigt, um zum Thema zurückzukehren. Dies unterstrich den Live-Charakter der Performance und führte vor, was routinierte Bühnenmusiker unter Interaktion verstehen: das Reagieren aufeinander im Moment des Geschehens.

Bühnensicher und sympathisch 

Klaus Michler agierte an diesem Abend nicht nur als Musiker bühnensicher, sondern moderierte auch selbstsicher und sympathisch. Er vergaß dabei nicht, Peter Madsen als seinen Lehrer und Mentor hervorzuheben. Er betonte auch, was für einen wichtigen Beitrag Peter Madsen seit seinem Hiersein ab dem Jahr 2000 in Vorarlberg zur Weiterentwicklung der hiesigen Jazzszene geleistet hat. Und weiter leistet.

Eine Uptempo-Nummer als kollektive Improvisation 

In der letzten Komposition des zweiten Sets, der bereits erwähnten Uptempo-Nummer „Freesurfing“, potenzierten die sechs Musiker ihre Fähigkeiten zu einer kollektiven Improvisation von größter Intensität. Der erst im Studio entstandene Titel stellte druckvoll unter Beweis, was passiert, wenn Musiker von Weltformat von der Leine gelassen werden: Energie pur wurde erzeugt. Ein Hitzewelle wälzte sich von der Bühne ins Publikum. 

Zwei Eintrübungen 

Die erste Eintrübung: Dieses besondere Konzerterlebnis wurde leider ab der zweiten Nummer erheblich getrübt, als zwei Besucher in den Saal kamen, die offenbar keine Ahnung davon haben, wie man sich in einem seriösen Konzert benimmt. Unruhiges Verhalten, lautes Schwatzen, Unmutsäußerungen inklusive Beschimpfung des Rezensenten als „Arschloch“ legten einen Schatten über den Abend.
Auf die Bitte um Mäßigung erklärte die eine Person: „Wir wollen Spaß haben. Wir haben vorhin schon einen Joint geraucht und sind betrunken.“
Eine Respektlosigkeit nicht nur den Musikern, sondern auch dem Publikum gegenüber.
Die zweite Eintrübung: Das Klangbild war nicht differenziert. So konnte der Rezensent etwa die Soli von Peter Madsen nur mit entsprechendem Gehörschutz (Frequenzfilter) wahrnehmen.
Trotz der genannten Irritationen ließ sich das Publikum die Laune nicht verderben und spendete immer wieder tosenden Applaus.

Eine Zugabe: „Hiding Place“.  

Diese Band hat sich vorgestellt.  

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