Neu in den Kinos: „Ich Capitano“ (Foto: X-Verleih)
Fritz Jurmann · 23. Okt 2012 · Musik

Ein Kommentar zur „Ruhendstellung“ des Feldkirch Festivals

Totgesagte leben nicht immer länger: Das Feldkirch Festival scheint – endlich! – Geschichte zu sein. Dort wird im Moment auch ein Pferd am Schwanz aufgezäumt.

Nun ist es also (fast) Wirklichkeit geworden, das nicht nur von der KULTUR bereits im heurigen Juni prophezeite Ende für das ungeliebte Feldkirch Festival. Nach langer, oft qualvoller Leidenszeit, an der vor allem das Publikum zu tragen hatte und deswegen dieser Einrichtung zunehmend seine Gefolgschaft versagte, hat die Generalversammlung der Feldkirch Festival GmbH nun die eigene offizielle „Ruhendstellung“ beschlossen. Kaum jemand zweifelt daran, dass es sich dabei de facto um das endgültige Aus für das Festival handelt. Man muss ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.

Keine große Überraschung

Diese längst fällige Entscheidung war damit auch keine allzu große Überraschung mehr, weil man klugerweise das einzige sich bietende Mausloch für eine Flucht nach vorne genutzt und den Umbau des Montforthauses und damit das Fehlen der zentralen Spielstätte in den nächsten beiden Jahren als Begründung angeführt hat. Das bleibt freilich Kosmetik an einem seit langem in seinem Kern todkranken Patienten, dem es zuletzt an Budget, Konzept und Akzeptanz gefehlt hat.

Die zunehmende Erfolglosigkeit bei zuletzt bloß 5.600 zahlenden Besuchern und 75 Prozent Auslastung ließ auch die Subventionen von zunächst einer Million Euro (!) auf zuletzt 300.000 aus dem Kulturbudget der Stadt und ebenso viel aus dem Tourismusbudget des Landes schrumpfen. Noch immer zu viel, befanden viele kleine Kulturveranstalter im Land – zu wenig fürs Weitermachen, meinten die Macher. Und nachdem auch Intendant Philippe Arlaud sein Scheitern in Feldkirch eingestehen musste und mit der abgelaufenen Saison das Handtuch geworfen hat, konnten zuletzt auch Bemühungen auf Geschäftsführer-Ebene um Evaluierungs-Bestrebungen samt Durchhalteparolen die nun gefallene politische Entscheidung nicht mehr aufhalten.

Pleiten, Pech und Pannen

Jetzt ist es also durchgestanden, was 2002 als Totgeburt ein Jahr nach dem Abgang der Schubertiade aus Feldkirch mit viel Ambition begonnen hat und nach ebenso viel Pleiten, Pech und Pannen auf Dauer einfach nicht mehr zu halten war. Aber man sollte als charaktervoller Mensch bekanntlich nicht noch auf am Boden Liegende lostreten. So offenbart eine Bilanz über diese zehn Jahre durchaus auch Positives, das man in dem Bestreben, anders zu sein als die anderen und die zahlungskräftigen Schubertiade-Besucher mit anderen Inhalten in die Montfortstadt zu locken, aus dem kargen Feldkircher Kulturboden gestampft hat.

Thomas Hengelbrock hinterließ bleibende Spuren

Was bleibt, sind Erinnerungen vor allem an die Ära des deutschen Alte-Musik-Gurus Thomas Hengelbrock als erstem Intendanten, der Feldkirch mit seinem Balthasar-Neumann-Chor und -Orchester einige wirklich maßstäbliche Aufführungen im Originalklang geschenkt hat: ein singulärer „Messias“ von Händel, eine traumhafte „Marienvesper“ von Monteverdi, ein legendäres Mozart-Konzert unter Trevor Pinnock, ein Abend mit dem Beaux-Arts-Trio. Er hat zudem aufregende Ideen verwirklicht wie einen Auftrag an einen deutschen Zeitgenossen, der Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in einer Art musikalischer Übermalung mit experimentellen Zwischenspielen versehen hat. Oder 2006 das unmittelbare Ineinanderfließen von Werken der beiden Jahresregenten Schostakowitsch und Mozart. So etwas bleibt haften.

Weit weniger erfolgreich war Philippe Arlaud

Weit weniger künstlerische Spuren in der Festival-Geschichte hat das Wirken von Nachfolger Philippe Arlaud ab 2007 hinterlassen, der die Konzentration auf die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts zur Maxime machte und mit dieser Ausschließlichkeit viele Besucher von vornherein vor den Kopf gestoßen hat. Seine oft bis ins Peinliche reichende mangelnde Repertoirekenntnis führte in den ersten Jahren zu schlimmen qualitativen Ausrutschern, die später durch die Hereinnahme des ehemaligen Konservatoriums-Direktors Anselm Hartmann ins Team und der neuen, in Wirklichkeit freilich längst ausgelutschten Idee von Länder-Schwerpunkten ausgebügelt werden konnten. Allenfalls bleiben „Fräulein Julie“ von Strindberg von 2012 und einige frühere Stücke als gelungene Inszenierungen des Lichtkünstlers Arlaud haften, weniger schon die von ihm total überladene „Geschichte vom Soldaten“ von Strawinsky, die man derzeit in der getanzten Produktion des Landestheaters viel spannender erleben kann.

Montforthaus-Planung gegen Häuslebauer-Erfahrungen

Verwunderung löst im Moment bei vielen Vorarlbergern, die zumeist als erfahrene Häuslebauer gelten, die Tatsache aus, dass das neue Montforthaus bereits im Detail geplant ist, ohne dass man noch weiß, wie man dieses Haus einmal mit Leben und mit Kunst oder was immer erfüllen wird. Das ist im Moment Thema vieler wichtiger Besprechungen. Wird da nicht das Pferd am Schwanz aufgezäumt?

Man nimmt zunächst viel Geld in die Hand und baut etwas Neues, bevor man sich überhaupt im Klaren ist über die Funktionalität dieses Hauses, was es können muss und was es den Nutzern bieten soll. Ein nebuloses „musikalisches Schwerpunktprogramm“ ist geplant, mit dem man das Profil Feldkirchs als Musikstadt nachhaltig schärfen will – mehr ist bis dato nicht bekannt. Die schlimmste aller Visionen wäre, wenn man es wieder „Feldkirch Festival“ nennen würde.