"Die Sterne" im Spielboden Dornbirn: Frontmann Frank Spilker und Philipp Janzen an den Drums (Foto: Stefan Hauer)
Silvia Thurner · 27. Nov 2010 · Musik

Der Stellenwert innerhalb des Ganzen - Bei den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik wurden viele musikalische Querverbindungen aufgezeigt

Die unterschiedlichen Winkel, in denen einzelne Werke innerhalb eines Konzertabends zueinander stehen, bilden einen programmatischen Leitgedanken der diesjährigen Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik. Diese Beziehungen fasste der Kurator Alexander Moosbrugger im Bild der vier Fälle die den Satzbau bestimmen zusammen. Am Eröffnungsabend waren die Grundintentionen gut nachvollziehbar. Beim zweiten Konzert wurden die Verbindungslinien weiter geschrieben mit dem vielseitigen Pellegrini Quartett und der beeindruckend spielenden Bassklarinettistin Petra Stump. Anregend waren die Wirkzusammenhänge nachvollziehbar. Den Höhepunkt des Konzertabends bildete die Interpretation „Dum transisset“ von Brian Ferneyhough. Einzig die Komposition für Streichquartett von Jakob Ullmann war fehl am Platz. Das Werk erforderte hohe Konzentration auf sehr leise Rand- und Zwischentöne.

Wie enorm die Wirkung einer Komposition von deren Umfeld abhängt, wurde mit dem Streichquartett von Alfred Knüsel eindringlich nachvollziehbar. Während „Installation - Streichquartett“ am ersten Konzertabend als letzter Programmpunkt präsentiert wurde, spielte das Pellegrini Quartett das Werk nun zur Eröffnung. Die Erfahrung war höchst erstaunlich, weil die Komposition beim zweiten Mal einesteils intensiver, andernteils aber auch plakativer wirkte. Jedenfalls ermöglichte diese Art der Programmgestaltung ein reizvolles Hörerlebnis.

Herausragende Musikerin

Aus Stockhausens Werk „Klang - die 24 Stunden des Tages“ spielte Petra Stump die 5. Stunde „Harmonien“. Die musikalische Anlage dieser Komposition war gut nachvollziehbar und wurde durch die in der Partitur vorgegebenen Bewegungsmuster der Musikerin zusätzlich verdeutlicht. Beeindruckender als das Werk selbst war die Spielart von Petra Stump. Ganz in die Musik versenkt musizierte sie das anspruchsvolle Werk mit einer bewundernswerten Tongebung. Der stringente musikalische Fluss und die vielen Klangfarbennuancen in ihrem Spiel zogen die Aufmerksamkeit auf sie.

Altes als Inspirationsquelle

Auf Kompositionen des Renaissancekomponisten Christopher Tye  bezog sich „Dum transisset“ von Brian Ferneyhough. Er verarbeitete in seinem Streichquartett die vier Sätze Reliquary, Totentanz, Shadow und Contrafacta und schuf damit faszinierende Klanggebilde. Mit höchster Konzentration brachte das Pellegrini Quartett die Musik zum Klingen, stets in einem guten Kontakt zueinander. Besonders in Erinnerung blieben die Intensivierung zum Schluss hin beim Totentanz und die durchsichtigen Klanggestalten in Shadows. Bereits am Eröffnungsabend hatte Alexander Moosbrugger mit einer Instrumentierung aus dem „Livre d’orgue“ von Nicolas de Grigny Musik des 17. Jahrhunderts in die Gegenwart transferiert. Derartige inhaltliche Klammern ermöglichen den KonzertbesucherInnen unterschiedliche kompositorische Zugänge in unmittelbarer Nähe zueinander zu hören und machen den besonderen Reiz der Programmgestaltung bei den btzm aus.

Langer Atem

Zum Abschluss wurde das Publikum auf eine Reise durch sehr leise und filigrane Klänge geführt. Wer sich auf die langen Klangtransformationen einlassen konnte und es schaffte, sich den sich langsam verändernden Tonqualitäten zwischen Geräuschen und Klängen oft am Limit des Hörbaren hinzugeben, erlebte wohl eine spannende Werkdeutung der Komposition für Streichquartett von Jacob Ullmann. Ich konnte die Konzentration nach den vorangestellten Werken nicht mehr wie eingefordert aufbringen. Umso mehr bestätigte diese Tatsache, wie viel Einfluss die Abfolge der einzelnen Werke auf die Wahrnehmung des Ganzen hat.