"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Silvia Thurner · 18. Aug 2010 · Musik

Dem Neuen mit Interesse und Zustimmung begegnet - Das Ensemble Lux spielte zwei Klassiker und zwei Uraufführungen meisterhaft

Gemäß dem Festivalmotto „In der Fremde“ gingen die Konzerte im Rahmen des KAZ-Programmes bei den Bregenzer Festspielen mit einem intensiven Streichquartettabend zu Ende. Das Wiener Ensemble Lux interpretierte Werke von Sofia Gubaidulina und György Ligeti sowie zwei Uraufführungen von Amr Okba und Uday Krishnakumar. Die vielen ZuhörerInnen im Seestudio folgten den Aufführungen mit großer Aufmerksamkeit. Bewundernswert hielten die StreichquartettmusikerInnen die Konzentration während der gesamten Darbietungen.

Im Auftrag der Reihe „Kunst aus der Zeit“ der Bregenzer Festspiele komponierte der aus Ägypten stammende und derzeit in Salzburg lebende Amr Okba das „String Quartet“. In Anlehnung an das Festivalmotto „In der Fremde“ legte Amr Okba seiner Komposition quasi ein Programm zugrunde. Musikalisch wollte er zum Ausdruck bringen, wie sich ZuwanderInnen fühlen, wenn sie in ein neues Land kommen. Dazu verwendete er vor allem die feinen Zwischentöne bei der Tonentstehung, die normalerweise nur die Musiker selbst bei ihrem Spiel hören. Über Mikrofone wurden die Klangqualitäten aus unterschiedlichen Spielarten mitsamt dem stets mitschwingenden Geräuschanteil aufgezeichnet und über vier Lautsprecher in den Raum transferiert.

Hinweise, die die Hörrichtung vorgaben



Mit den gesellschaftskritischen Intentionen des Komponisten im Hinterkopf, ergab sich ein ganz eigentümlicher Höreindruck. Teilweise entstand beim Hören eine Suche nach Anhaltspunkten, denn diese waren gar nicht so leicht zu finden. Wenn konkrete Tonhöhen wahrnehmbar wurden, nahmen sie im gesamten Gefüge einen großen Stellenwert ein. Mit der Zeit wurden einzelne Ereigniseinheiten zu Floskeln zusammen gefügt, diese entweder demontiert oder weiter zu Sinneinheiten verwoben. Bogendruck und tremolierende Passagen unterstrichen die Zustandsbeschreibungen und lösten unterschiedliche Assoziationsketten aus. Obwohl Amr Okba, wie er betonte, eine rein europäisch orientierte Musikausbildung erhalten hat, hörte ich am Ende des vieldeutigen und  farbenreichen Werkes Anklänge an die arabische Musik.

Reale und detailliert aufgezeichnete Klänge



Uday Krishnakumar stammt aus Indien, nach Stationen in New York und Frankreich lebt er nun in Wien. Im Gespräch mit Laura Berman betonte er, dass er die Kulturgeschichte der Gattung Streichquartett auch als Last für seine aktuelle Komposition empfunden hat. Um dieser zu entgehen, setzte er anstelle der Bratsche eine Viola d’amore ein, die in seiner „Sonate-feuilleuton“ über weite Strecken eine wichtige Funktion einnahm.  Der lange Titel des Streichquartetts „When I return, I’tell you everything in detail... but I want to quickly relate the unusual events of these past few days“ war zugleich Programm und verantwortlich für die der Komposition zugrunde liegende Form. Bei allen Instrumenten wurden Lautsprecher befestigt. Während des Spiels wurde eine musikalische Passage aufgezeichnet und im Schlussteil des Werkes wieder abgespielt. Zuerst erklang aus filigranen Themen ein feingliedriges Klanggewebe. Facettenreiche Klangqualitäten und die Obertonspektren der Töne wurden hörbar. Spektral aufgefächert war die Musik aus den Lautsprechern zu hören, denn von den Mikrofonen wurden sämtliche Klänge der Tonentstehung sowie Nebengeräusche der Bogenführung aufgenommen. So lenkte der Komponist in diesem sinnlichen Werk die Wahrnehmungsperspektiven einfallsreich um.

Mit rhythmischen Proportionen zu den Klängen



Es ist ein glücklicher Zufall, dass Sofia Gubaidulinas Streichquartett Nr. 3 (1987) Anfang Juni bereits in Feldkirch in der Interpretation des „New Helsinki Quartets“ zu hören war. Nun wendete sich das Ensemble Lux mit  Bojidara Kouzmanova, Thomas Wally (Vl), Julia Purgina (Va) und Mara Kronick (Vc) diesem wichtigen Werk des 20. Jahrhunderts zu. Besonders deutlich kamen die Verhältnisse zwischen den diffus erklingenden und rhythmisch proportionierten Schallereignissen zur Geltung. In einem guten Kontakt zueinander reagierten die MusikerInnen aufeinander, so dass die unterschiedlichen Tonkonglomerate transparent zu den Zielpunkten mit klar ausgebildeten Klangfeldern geführt wurden.

Bewegungsmuster heraus kristallisiert 



Abschließend wurde das Streichquartett Nr. 2 von György Ligeti aus dem Jahr 1968 gespielt. Den vielgestaltigen Bewegungsmustern, Prinzipien der Beschleunigung und stehenden Klangflächen verlieh das Ensemble Lux eine präsente Körperlichkeit. Auf diese Weise wurden Energieflüsse gut nachvollziehbar und bewundernswert transparent ineinander verwoben.
Die beiden Werkdeutungen sowie die beiden Uraufführungen illustrierten die große Meisterschaft des Ensemble Lux, das das dichte Programm in einem prägnanten Bogen erlebbar machte.



Laura Berman - eine versierte  künstlerische Leiterin



Bei allen Konzerten, die in der Reihe „Kunst aus der Zeit“ geboten wurden, war Laura Berman, die künstlerische Leiterin der KAZ-Programmschiene, persönlich anwesend und stand als Moderatorin auf der Bühne. Ihre natürliche und kompetente Art schuf eine sympathische Identifikation mit der KAZ-Reihe. Laura Berman ist von ihrem Programm überzeugt und stellt sich der Diskussion. Der ungezwungene Kontakt zwischen der künstlerischen Leiterin, den KünstlerInnen und dem Publikum weiß inzwischen eine große Zahl von KAZ-Abonnenten zu schätzen.