Musik, die auch Gesellschaftskritik ist
Das Ensemble Plus, Gerald Futscher und Bettina Barnay-Walser gaben alles
Das Konzert mit dem treffenden Titel „Tanz der Kakerlaken“ des Ensembles Plus wird den zahlreichen Besucher:innen im vorarlberg museum und in der Bludenzer Fabrik Klarenbrunn wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Guy Speyers setzte mit dem musiktheatralischen Werk „A Cockroach’s Tarantella“ der chinesischen Komponistin Du Yun sowie mit dem neuen Streichquartett von Gerald Futscher zwei Werke zueinander in Beziehung, die anregten und teilweise wahrscheinlich auch aufregten. Die Darbietungen boten viel für Augen und Ohren. Zugleich zeigten sie Sinnzusammenhänge auf, die über das musikalische Erleben hinausreichten. Bettina Barnay-Walser stand mit ihrer ausdrucksvollen Interpretationskraft im Zentrum der österreichischen Erstaufführung von Du Yuns Komposition. Die Uraufführung von Gerald Futschers 2. Streichquartett zeigte eindrucksvoll, dass hierzulande Musik geschaffen und interpretiert wird, die internationales Niveau hat. Mit bewundernswerter Musikalität und Einsatzbereitschaft setzten Michaela Girardi, Anita Martinek, Guy Speyers und Jessica Kuhn die Werke in Szene.
Das 2. Streichquartett von Gerald Futscher stellt eine Zusammenschau seines umfassenden musikalischen Kosmos dar. Darin werden klangliche Elemente zusammengeführt, die in einigen anderen Werken bereits für Aufsehen gesorgt haben: Geigen, die mit Werkzeugen bearbeitet werden; rohe Eier, die im Aquarium aufgeschlagen werden, und Instrumente, die darin versenkt werden. Auch in seinem neuesten Werk blieb Gerald Futscher der kontrapunktischen Satztechnik treu und verband die musikalischen Klangereignisse nach stringent festgelegten Vorgaben.
Den musikalischen Verlauf für das viersätzige Streichquartett mit Zuspielung entwickelte Gerald Futscher aus gestischen Spielelementen, die er kontrapunktisch verarbeitete. So entstanden fein nuancierte Schallereignisse, die als musikalische Einheiten zueinander in Beziehung gesetzt wurden. Die Streichquartettmusiker:innen spielten mit sogenannten „extended techniques“. Sie führten den Bogen unter anderem in Kreisbewegungen, auf den Saiten rutschend, vor und hinter der Greifhand, vor dem Steg oder auf der Schnecke. Sie ließen ihn mit der eigenen Sprungkraft „col legno“ auf die Saiten aufprallen und abfedern. Tonhöhen wurden mit den Feinstimmern verändert, um nur ein paar Spieltechniken zu nennen. Ergänzt wurden die musikalischen Texturen durch Stimm-, Pfeif-, Schnalz- und Schmatzgeräusche. Teilweise wirkten diese jedoch zu leise, als dass sie den musikalischen Verlauf tatsächlich mitgestaltet hätten. Zusätzlich verlieh eine vorgefertigte Zuspielung, bestehend aus Samples der einzelnen Quartettstimmen, der Musik eine zusätzliche klangliche Tiefe.
Das Ende und der (Neu)beginn einer Geige
Zu Diskussionen und zum Weiterdenken regte besonders der dritte Satz des Streichquartetts an. Anita Martinek machte sich mit großer Bühnenpräsenz an einer Schrottgeige zu schaffen. Sie sägte und bohrte das Instrument an, zündete Knallkörper im Korpus, schlug Eier auf und versenkte das Instrument schließlich im Wasser. All diese Handlungen erzeugten zusätzliche Klangwirkungen. Wesentlich aber war, dass auf diese Weise das Instrument aus dem musikalischen Kontext herausgelöst und dadurch zu einem handwerklich bearbeiteten Gegenstand wurde. In Verbindung mit den symbolisch vielfach deutbaren Utensilien entwickelte sich eine vielsagende, surrealistisch-musiktheatralische Performance. Der etwas langwierige Finalsatz führte wieder zurück in die abstrakte Musik und rundete das ausdrucksstarke Streichquartett ab.
Vom vieldeutigen Traum einer Kakerlake
Die chinesisch-amerikanische Komponistin Du Yun schuf vor zehn Jahren die aufsehenerregende Komposition „A Cockroach’s Tarantella“ für Streichquartett, Sprecherin und Zuspielung. Sie erzählte darin die Geschichte einer Kakerlake, deren größter Wunsch es ist, ein Mensch zu werden. Zahlreiche Metaphern verarbeitete die Komponistin sowohl psychologisch als auch gesellschaftspolitisch. Im Zusammenwirken mit dem Ensemble Plus interpretierte Bettina Barnay-Walser den tiefsinnigen Text. Vielen ist sie als ehemalige ORF-Kulturredakteurin und als Moderatorin bekannt. Darüber hinaus ist sie auch als Sängerin in einer Band musikalisch aktiv. Ihre Sprechtechnik und ihr ausgeprägtes musikalisches Gespür boten ideale Voraussetzungen, um die vielschichtige Rolle in „A Cockroach's Tarantella“ mit Leben zu füllen.
Variantenreich nuancierte Bettina Barnay-Walser ihre Stimme und verlieh dem Text mit musikalischer Aussagekraft intensive emotionale Qualitäten. Die rhythmische Raffinesse im Zusammenwirken mit dem Streichquartett sowie die wechselnden Tempi, die die Dringlichkeit des Textes unterstrichen, zogen die Zuhörenden in ihren Bann. Dabei wurden viele Anreize zum Weiterdenken geschaffen.
Neben den Musiker:innen des Ensemble Plus war Haig Avedikian am Mischpult und den Electronics ein bedeutender und verlässlicher musikalischer Partner. Michaela Girardi, Anita Martinek, Guy Speyers und Jessica Kuhn musizierten engagiert, motiviert und mit intensivem Ausdruck. Die herausragende Werkauswahl und die starken Interpretationen machten dieses Konzert zu einem außergewöhnlichen Ereignis, das als Höhepunkt im dichten Konzertkalender 2025 in Erinnerung bleiben wird. Ein weiteres Mal präsentierten sich das Ensemble Plus und Gerald Futscher als wichtige und innovative künstlerische Kräfte Vorarlbergs.