Grandioses „Heimspiel“ im Palasthof
Der Vorarlberger Tenor Michael Heim triumphierte zusammen mit seiner Frau Peggy Steiner beim Open Air von Arpeggione.
Er ist ein Teufelskerl, dieser Michael Heim aus Thüringen, der sich nach bescheidenen ersten Auftritten im Land hier rargemacht hat und nun mit einer tollen Karriere als gefeierter Wagnersänger in Deutschland im Rücken auch dem Vorarlberger Publikum seine sagenhafte sängerische Entwicklung demonstriert. Mit solchen Vorzügen ausgestattet, wurde auch seine Rückkehr ins heimische Musikleben am Samstag beim Open Air im Renaissancehof des Gräflichen Palastes Hohenems zum rauschenden Erfolg für den sympathischen Sänger und seine charmante Gattin, die Sopranistin Peggy Steiner. Ebenso auch für das gut aufgelegte Hohenemser Kammerorchester Arpeggione unter dem Dirigenten Roberto Gianola, das sich mit diesem glänzenden Event wohl auch selbst das schönste Geschenk zu seinem heurigen 35. Geburtstag bescherte, wie man das hier noch nicht erlebt hat.
Dreimal in den Saal verlegt
Vor allem in den letzten Jahren waren diese jährlichen Freiluftveranstaltungen ja eher zu Sorgenkindern für den Veranstalter geworden. Sie gelten zwar im Jahresablauf der sechs Konzerte unbestritten als musikalische und gesellschaftliche Höhepunkte, zu denen sich tout Hohenems einfindet, um zu sehen und gesehen zu werden. Aber was will man, wenn der Wettergott nicht will und somit in den letzten drei Jahren alle Veranstaltungen im Hof abgesagt, bzw. zweimal in die danebenliegende Pfarrkirche St. Karl und einmal in den Markus-Sittikus-Saal verlegt werden mussten. Das bedeutete jedes Mal Sorgenfalten, Stress und einen Kraftakt für Josef Kloiber, den 85-jährigen Organisationsleiter und Obmann des Freunde-Vereins und seine starken Männer vom Gesangverein Hohenems für die entsprechenden Um- und Aufbauten für Orchester und Publikum.
Heuer nun ist das alles vergessen, da kann dieses Konzert endlich wieder wie vorgesehen im Hof als Open Air durchgeführt werden, das diesen Namen auch verdient. Ein lauer, windstiller Sommerabend senkt sich über die Stadt und garantiert auch mit angenehmen Außentemperaturen einen störungsfreien Abend. Und da entwickelt sich endlich wieder jene berühmte Stimmung, wie sie nur ein Open Air an diesem besonderen Ort mit sich bringen kann: mit einem aufgeweckten, künstlerisch bis in die Zehenspitzen motivierten Orchester in großer Musiktheater-Besetzung und einem begeisterungsfähigen Publikum, das den großen Hof mit seiner besonderen Raumakustik bis auf den letzten Platz füllt.
Werke von Jahresregent Strauß im Zentrum
Zur Begeisterung gibt es auch allen Anlass. Denn in diesem Ambiente gleicht der meteorologische Wetterbericht aufs Haar dem künstlerisch-musikalischen: Johann Strauß Sohn, strahlender Jahresregent, dominiert zu seinem 200. Geburtstag dieses Programm mit einer von Intendant Irakli Gogibedaschwili kunstvoll mit besonderen Schmankerln von Lehár bis Offenbach garnierten Operettengala unter dem Motto „Mit Feuer und Flamme“. Die köstlichen Eingebungen des Walzerkönigs auf der nach oben offenen Beliebtheitsskala und seiner Kollegen hätte man im Publikum am liebsten mitgesungen – dazu sollte es noch kommen! Den rechten Pfiff, das Temperament, auch das wienerische Flair mit der „verhatschten Drei“ in den Walzern sichert diesen Werken ein guter alter Bekannter. Mit dem weltweit tätigen Roberto Gianola steht wieder jener Maestro am Pult, der sich hier bereits in den vergangenen drei Jahren als absoluter Musiktheaterspezialist in Oper und Operette profiliert hat.
Und als wäre das nicht schon genug der Köstlichkeiten, steht seit Jahren erstmals auch wieder ein international tätiger Ländle-Gesangsstar aus dem Tenorfach quasi als Krönung des Abends auf der Bühne und schmettert sich voll Inbrunst in die Emser Nacht und die Herzen der Zuhörer. Es ist Michael Heim, der sich diese Chance eines „Heimspiels“ vor eigenem Publikum nicht entgehen lässt und dazu als kongeniale Partnerin auch seine ihm inzwischen angetraute charmante Gattin, die Sopranistin Peggy Steiner, mitgebracht hat. Wenn die beiden sich mit ihren kostbaren Stimmen in koketten Liebesduetten verbinden, hat das etwas vom zarten Schmelz erstklassiger Schweizer Schokolade. Ebenso sind die beiden aber auch in der Strahlkraft ihrer Stimmen, ihrem Ausdruck und ihrer Bühnenpräsenz und Spielfreude in kleinen Szenen einfach eine Augen- und Ohrenweide.
Operette ernst genommen
Und da ist es also nun vereint, über zwei Stunden lang, dieses wunderbare „Trio Infernal“ aus Dirigenten und Solisten, das sich den Teufel schert um ausgelatschte Sager wie „Operette sich wer kann“ und diesem Genre mit aller Inbrunst, allem Können und Überzeugung zu neuem Leben verhilft. Das geht ganz einfach, indem sie alle, zusammen mit dem Orchester, die Operette ernst nehmen, deren viele versteckten Schönheiten aufzeigen und damit die erwartete Begeisterung im Publikum erwecken. Ähnliches hat am Beginn auch Harfenistin Ulrike Neubacher in ihrer klugen Einführung postuliert: „Die Operette wird immer bestehen!“
Und aus eben diesem Geist heraus erwächst zunächst ein instrumentales Juwel, die Ouvertüre zur praktisch ersten Operette, Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“. Dirigent Gianola lässt der Musik bei aller Turbulenz die Zeit zum Atmen, treibt auch den Can-Can nicht vor sich her, sondern ist auf Schönheit und Präzision bedacht. Dann erscheint das Traumpaar des Abends auf der Bühne, Michael evoziert im Vorarlberger Dialekt, den er nicht verlernt hat, die ersten Lacher und hat auch mit seinen entwaffnend schlichten Moderationen das Publikum gleich im kleinen Finger. „Liebe, du Himmel auf Erden“ und „Gern hab ich die Frau’n geküsst“, zwei Lieder aus Lehárs Operette „Paganini“, singen die beiden im vollen Bewusstsein, ein Ehepaar zu sein. Liebe kennt eben keine Zeit und keine Grenzen, und das gefällt den Leuten im Publikum. Und so geht es nach dem elegant formulierten „Frühlingsstimmen-Walzer“ von Strauß und dessen Tritsch-Tratsch-Polka verliebt weiter. Doch dann verdüstert sich die Szene zu einem bitter-süßen Duett aus der „Csardasfürstin“ von Kalman: „Weisst Du es noch?“. Die beiden legen viele Emotionen in diese molligen Klänge, ohne je ins Kitschige abzugleiten. Auch das ist Operette.
Wenn der Vorstand tanzt
Der zweite Teil gestaltet sich dann turbulenter. Nach der erstaunlich präzise exekutierten Ouvertüre zur Operette „Die Fledermaus“ von Strauß erscheint das köstlich ausgespielte „Uhren-Duett“ daraus als ein Stück kapriziöser Verliebt- und Verlogenheit. In „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ (Lehár) demonstriert Peggy Steiner auch ihre tänzerischen Vorzüge und wirbelt zum Gaudium des Publikums unverdrossen mit Vorstand Josef Kloiber im Walzertakt durch den Saal. Eine Operettengala mit einem Tenor, der etwas auf sich hält, kommt nicht ohne jenes Glanzstück aus Lehárs „Land des Lächelns“ aus, das schon Richard Tauber berühmt gemacht hat: „Dein ist mein ganzes Herz“. Michael Heim ist da spürbar in seinem Element, fast bei Richard Wagner, höhensicher und schmeichelnd. Wenn man das gehört hat, ist die Fassung dieses Textes durch Heinz Rudolf Kunze (1985), mit Verlaub, nicht mehr als eine billige Schlager-Kopie. Ins finale Duett „Im Feuerstrom der Reben“, wieder aus der „Fledermaus“, darf dann wie erwartet auch das Publikum mit einstimmen, bis der Palasthof vor Begeisterung zu brodeln beginnt. Zwei Zugaben, u. a. das berühmte Trinklied „Brindisi“ aus Verdis „La Traviata“, lösen Standing Ovations aus. Die Operette hat gesiegt.
Nächstes Arpeggione-Konzert:
„Träumerei“ mit Werken von Mendelssohn, Saint-Saens und Mozart (Giorgi Iuldashevi, Klavier, Dirigent Vito Clemente)
Sa, 20.9., 19.30 Uhr
Rittersaal Palast Hohenems
Michael Heim singt eine Rolle in der Hausoper der Bregenzer Festspiele, „Oedipe“ von George Enescu, am 3. August gestaltet er in der Villa Falkenhorst in Thüringen ein Programm mit Freunden unter dem Titel „Von Thüringen in die Welt“.
Über Michael Heim ist in der aktuellen Print-Ausgabe Juli-August 2025 der KULTUR ein ausführliches Porträt erschienen, verfasst von Michael Löbl.