Moshen, Headbangen & Co. in sozialisierter Form
Xenia Koghilaki mit der österreichischen Erstaufführung von „Kopanima“ beim tanz ist Festival
Die einstündige Tanz-Performance „Kopanima“, die die in Berlin lebende, vielfach mit Preisen ausgezeichnete, junge, griechische Tänzerin und Choregraphin Xenia Koghilaki gemeinsam mit ihren Kolleginnen Noumissa Sidibé, Christina Karagianni und Julia Plawgo am Dornbirner Spielboden präsentierte, erwies sich als lautes, zum Teil hochenergetisches Spektakel, in dem die Bewegungsrituale der Punk-Szene und anderer härterer Musikrichtungen künstlerisch aufbereitet wurden. In einer sozialisierten Form, die im Vergleich mit den realen Vorbildern weit von Aggression und Wildheit entfernt war und sich eher auf die sozialen Aspekte zu konzentrieren schien.
Zwischen Verletzlichkeit und Widerstand
So lautet das Generalmotto des diesjährigen tanz ist Festivals, zu dem man sich von Koghilakis Performance inspirieren ließ. In der Tat ist das, was sich bei manchen Punk-, Hardcore-, Trash-Metal- und ähnlich gelagerten Konzerten in den spontan vor den Bühnen gebildeten, Moshpit genannten Aktionsfeldern an ungestümem Rennen, Drängen, Schieben, Hüpfen, Springen, Rempeln und Aufeinanderprallen oftmals von Dutzenden, manchmal von Hunderten von Akteuren praktiziert wird, nicht unbedingt etwas für Zartbesaitete. Eindrücke davon erhielt man in den originalen Filmausschnitten solcher Massenereignisse in einer Videoinstallation in der Spielboden-Galerie, die während des gesamten Festivals zu sehen ist.
„Kopanima“ ist der Abschluss einer Trilogie, die Koghilaki 2021 mit der Duo-Produktion „Bang Bang Bodies“ startete, mit dem Drei-Personen-Stück „Slamming“ fortsetzte und nun im Quartett-Format abschließt. Untersucht und tänzerisch aufbereitet werden sollen nicht nur die körperlichen und ästhetischen Aspekte des Phänomens, sondern auch die politischen und sozialen Implikationen dieser kollektiven Entladungen. Denn klar ist beispielsweise, dass es massenhaft zu schweren Verletzungen käme, wenn nicht bei all der rohen, individualisierten, widerständigen Wildheit auch ein gerütteltes Maß an solidarischem Denken und Rücksicht mitschwingen würde.
Vom Moshpit auf den Tanzboden
Ein kleines Podest und vier große, rechteckige Schweinwerfer am hinteren Ende der Tanzfläche sind die einzigen Bühnenelemente, dafür wird das Publikum von dichten Nebelschwaden empfangen, die auch den Rest der Aufführung für eine Art mystischer Stimmung sorgen werden. Die Schweinwerfer wechseln immer gleichzeitig und in großen Abständen die Farbe, sehr minimalistisch, aber auch sehr stimmig (Lichtdesign: Vito Walter). Der von Ernesto Cárcamo Cavazos komponierte und zum Teil auch live gespielte Soundtrack, der sich von monotonen Rhythmen zu spacigen E-Gitarren-Kaskaden und hypnotischer Trance entwickelt, ist hingegen stets laut, vordergründig und omnipräsent. Die vier Tänzerinnen in zerfleddert wirkender Streatwear (Kostümdesign: antistatic studio) beginnen sich mit leichten Schubsern wechselseitig in Bewegung zu versetzen, die Stöße werden immer heftiger, die Tänzerinnen halten sich wie beim Pogo an der Kleidung, den Beinen und Armen der anderen fest, damit die einer sich langsam fortbewegenden Skulptur ähnelnde Vier-Körper-Formation nicht auseinanderdriftet. Sie zerren aneinander, gehen in die Knie, schieben sich übereinander und praktizieren rhythmisches Headbanging, das in Anbetracht der langen Haare aller vier Protagonistinnen zum Hairbanging mutiert. In den schönsten Momenten könnte man von einem Ballett der langen Haare sprechen.
Zu den stampfenden Synthie-Rhythmen gesellen sich nahezu sakral wirkende Orgelflächen und eine rockige E-Gitarre, die sich zu einer beachtlichen Lautstärke auftürmen, ehe sie schließlich in absoluter Lautlosigkeit enden und nur noch das heftige Atmen der bis zu diesem Zeitpunkt ungemein schnell und kraftvoll agierenden Tänzerinnen zu hören ist.
Kontrastprogramm im Zeitlupentempo
Darauf folgt – als totales Kontrastprogramm – eine Passage in rotem Licht zu kreischenden Tönen und brachialem Heavy-Sound, in der sich die Tänzerinnen im Zeitlupentempo auf dem Boden wälzen, kriechen und sich übereinanderlegen. Die Beleuchtung wechselt auf Gelb, drei Tänzerinnen liegen nebeneinander auf dem Rücken und strecken ihre Beine hoch, auf die sich die vierte Tänzerin rücklings fallen lässt – wohl als kleine Reminiszenz an Crowdsurfing und Stagediving gedacht. Die Akteurinnen formieren sich neu, eine bewegt sich liegend über den Rücken der anderen, die zum stampfenden Rhythmus zittern. Die Liegende entblößt ihren Oberkörper, was wohl eine gewisse sexuelle Komponente dieser Hardcore-Bewegungsrituale andeuten soll. Die Aktivitäten legen wieder an Tempo zu, die Haare beginnen wieder zu kreisen, und die Halbnackte landet auf dem Podest, um das sich die anderen drei formatieren. Musik aus, Atemgeräusche, Blackout, Ende.
Xenia Koghilakis tänzerische Auseinandersetzung mit den subkulturellen Tanzpraktiken, die durchaus auch Formen eines Massenphänomens annehmen können, erwies sich als durchaus kurzweilig und spannend. Obwohl die Tänzerinnen keinen Blickkontakt haben, wird durch Körperberührungen aufeinander geachtet, denn klarerweise handelte es sich um Moshen, Headbanging und Co. in stilisierter und somit auch sozialisierter Form. Angstzustände brauchte da – im Gegensatz zu den realen Events, die im Großformat durchaus mal furchterregend ausarten können – niemand bekommen.
Die nächsten tanz ist-Veranstaltungen:
Mi, 18.6., 20.30 Uhr Cie. 7273, „Fall In“
Sa, 21.6., Doppelabend:
20.00 Uhr, Matteo Haitzmann, „Make it Count“
21.15 Uhr, Navarida/Deutinger/Riegler, „Motora (Outdoor)“
www.tanzist.at
www.spielboden.at