Reue, ihr Säue!
Mit ihrem Buch „Widerstand. Liebeserklärung an die Unbequemen“ zieht Mina Canaval Bilanz über zweieinhalb Jahre Aktivismus bei der Letzten Generation.
„Ich kenne Sie, Sie mit ihrem Falter-Abo und Ihrem Vorsatz, öfter mal im Bio-Laden einkaufen zu gehen.“ „Was mich am allerwütendsten macht, das sind Sie.“ „Sie haben zugeschaut, als es darauf angekommen wäre.“ Es sind nicht gerade Freundlichkeiten, die Mina Canaval ihren Leser:innen entgegenschleudert. Das hat mit ihrem Befund zu tun: „Die Gesellschaft hat versagt.“ „Das 1,5-Grad-Ziel ist tot, das 2-Grad-Ziel ebenso. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Märchenerzähler. Wir steuern auf über drei Grad Erhitzung und damit auf den Kollaps unserer Zivilisation zu.“
Am 6. August 2024 hat die Letzte Generation ihre Aktivitäten eingestellt. Eine ihrer lautesten Stimmen war die der aus Lustenau stammenden Mina Canaval. Sie hatte sich der Letzten Generation „Vollzeit“ angeschlossen, ihren Beruf aufgegeben, sich führend an Aktionen wie einer Straßenblockade vor der Wiener Secession oder am Gürtel beteiligt. Sie war nach einem Klebeprotest am Praterstern in Polizeigewahrsam genommen worden und musste „meine Unterhose ausziehen, damit sich die Polizistin meine Vulva anschauen konnte. Ich könnte ja Waffen oder Drogen in meinem Stringtanga versteckt halten.“ Sie hatte im Vorarlberger Landtag (sie nennt ihn „Landesparlament“) eine Protestrede gehalten, während derer sie von einem Beamten des Verfassungsschutzes an den Haaren zu Boden gerissen wurde. Sie hatte sich an der Organisation einer Autobahnblockade auf der A2 nach Matrei in Tirol beteiligt – ein gefährliches Unterfangen. Seitenlang beschreibt Canaval, wie es so geplant und organisiert wurde, dass die Aktivist:innen sicher sein konnten, niemand käme dabei zu Schaden. Denn das hatte, neben Gewaltfreiheit, absolute Priorität bei der Letzten Generation. Darüber hinaus gibt die Beschreibung der Vorbereitungen Einblick in das Organisations- und Management-Talent der ehemaligen IT-Projektmanagerin und ihren/ihrer Gefährt:innen.
„Die Gesellschaft hat versagt“
Warum gehen die Aktivist:innen derart drastische Schritte? Alle anderen Formen des zivilen Widerstands hätten versagt, argumentiert Canaval. All die Petitionen, Gespräche, Demos, Mahnwachen, Lichterketten hätten ebenso wenig gebracht wie die Klimakonferenzen oder wissenschaftlichen Untersuchungen. Unangemeldeter Protest auf der Straße unterbreche den Alltag. Es bedeute eine fühlbare Störung, wenn sich Aktivist:innen friedlich in den Weg des motorisierten Individualverkehrs setzen – und dabei stets die Rettungsgasse freihalten, niemals einen Rettungswagen blockieren und nichts kaputt machen. Außerdem, so Canaval, stehen die Aktivist:innen mit Namen und Gesicht zu ihrem Protest.
Was haben diese Aktionen gebracht? „Wir waren der Feueralarm einer verdrängenden Gesellschaft und haben das Thema Klimakrise mit unseren Protesten immer wieder auf die Titelseiten, in die Fernsehbeiträge und Talkshows gebracht.“ Stimmt schon, aber der „Feueralarm“ entpuppte sich schlussendlich als Strohfeuer; die Titelseiten und Talkshows brachten de facto keine greifbaren Ergebnisse. Nicht einmal die „absurd offensichtliche“ Forderung nach Tempo 100 auf der Autobahn konnte die Letzte Generation durchsetzen, und in den Wahlen 2024 und 2025 spielte das Thema Klimawandel keine große Rolle mehr. Dabei war genau dies das Ziel der Letzten Generation: „Wir haben ein systemisches Problem und müssen dies auch auf einer systemischen Ebene bekämpfen. Deswegen richten wir unsere Forderung an die Regierung.“ Individuelle Konsumkritik („Aber du hast eine Avocado gegessen …“/ „Aber du bist in den Urlaub geflogen …“) greife zu kurz.
Eine kriminelle Vereinigung?
Aufgegeben hat die Letzte Generation, als im Dezember 2023 nach der Inhaftierung von Anja Windl bekannt wurde, dass gegen Aktivist:innen der Letzen Generation wegen angeblich krimineller Vereinigung ermittelt wurde. Nach einem letzten Farbprotest am Flughafen Wien-Schwechat wurde den Beteiligten ihre Erschöpfung bewusst, und auch Mina Canaval gestand, „mir fällt keine neue Strategie ein.“ Als ehemalige Praktikantin beim Autohersteller VW weiß sie auch, dass der erste elektrisch betriebene Golf 1976 produziert, aber nie zur Serienreife gebracht wurde. „Die dreckigen Verbrenner brachten einfach mehr Gewinn, weil sie einen Motor und ein Getriebe brauchten.“
Gewiss, man kann Mina Canavals herablassende Besserwisserei genauso unsympathisch finden wie ihre pathostriefende Selbststilisierung zur Kassandra. Und auch wenn in ihrem Buch kritische Selbstreflexion keine Rolle spielt, zählen ihre Argumente. Aber was bleibt nach dem Ende der Letzten Generation? Ratschläge, die es auch schon vor 50 Jahren gab:
Treten Sie einer Energiegenossenschaft bei.
Treten Sie einer Food Cooperative bei.
Treten Sie einer Partei bei, die es mit Klimaschutz ernst meint.
Hören Sie auf, Tierprodukte zu verwenden oder zu essen.
Lauter persönliche Maßnahmen, die die Letzte Generation so verachtet hat. Endgültige Resignation? Man träumt mit – nicht gegen Mina Canaval – von jenen Versen, die Hans Magnus Enzensberger vor mehr als fünfzig Jahren geschrieben hat:
„was für ein triumph, kassandra,
eine zukunft zu schmecken, die dich widerlegte!
etwas neues, das gut wäre. (das gute alte kennen wir schon …)“
Mina Canaval, Widerstand. Liebeserklärung an die Unbequemen. edition a, Wien 2025, 208 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-99001-814-9, € 22
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der „KULTUR“ Juni 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.