Miroslav Vitouš: Mountain Call
Der Name Miroslav Vitouš ist für viele Musik-Fans in erster Linie mit der Jazz-Rock-Fusion-Supergroup Weather Report verbunden, die er 1970 als 23-Jähriger mitbegründete, und zu deren ersten drei Alben er neben Joe Zawinul und Wayne Shorter ebenfalls Kompositionen beisteuerte. Die anschließende Trennung verlief nicht gerade konfliktfrei, was den tschechischen Bassisten jedoch nicht davon abhielt, seine Erfahrungen aus dieser stürmischen Zeit Jahrzehnte später mit den beiden exzellenten ECM-Alben „Remembering Weather Report“ (2009) und „Music of Weather Report“ (2016) musikalisch höchst originell aufzuarbeiten.
Auf dem Münchner Label hat er ein gutes Dutzend zum Teil epochale Alben unter anderem mit Jan Garbarek, Terje Rypdal, Chick Corea, Roy Haynes, John Surman, Jon Christensen, John Taylor, Peter Erskine oder John McLaughlin herausgebracht. Auch der überwiegende Teil der Mitwirkenden auf seinem aktuellen Album „Mountain Call“, das Mitschnitte mehrere Sessions aus den Jahren 2oo3 bis 2010 mit unterschiedlichen Musiker:innen in den Prager Universal Syncopation Studios von Vitouš vereint, war damals schon mit von der Partie. Etwa der im Oktober 2025 verstorbene Jahrhundert-Drummer Jack DeJohnette, mit dem Vitouš über die Jahre hinweg mehrfach ein gleichermaßen kraftvolles wie sensibles Rhythmusgespann gebildet hatte. Entsprechend dynamisch interagieren die beiden auf dem wirklich tänzelnden „Tribal Dance“ und auf dem mit den von Vitouš entwickelten Orchester-Samplings angereicherten „Epilog“.
Tatsächlich live dabei waren Mitglieder des Czech National Symphony Orchestra unter dem Dirigat des Bassisten in der entsprechend klangfarbenreichen, von dramatischen Effekten geprägten, dreiteiligen Suite „Evolution“ mit DeJohnette an den Drums und Bob Mintzer, der stimmungsvolle Melodielinien auf der Bassklarinette beisteuert. Die in fünf höchst unterschiedliche Sätze unterteilte Suite „Rhapsody“ bringt die enormen kompositorischen Fähigkeiten von Miroslav Vitouš voll zur Geltung, der musikalische Ingredienzien aus unterschiedlichsten Genres – nicht zuletzt auch die von ihm arrangierten Orchester-Samples – zu einem soundfarbenreichen, unterschiedlichste Stimmungen evozierenden, mit rhythmischen und harmonischen Finessen gespickten musikalischen Erlebnis verbindet. Hier brillieren die alten Mitstreiter Gerald Cleaver mit seinem höchst elaborierten Schlagzeugspiel und Gary Campbell, der expressive Soli an Sopran- und Tenorsaxophon beisteuert. Im Zentrum des Geschehens steht aber die ihr ECM-Debüt feiernde US-Bassistin Esperanza Spalding, die allerdings nicht am Tieftöner brilliert, sondern mit ihren beachtlichen Fähigkeiten als Vokalistin – sowohl als ausdrucksstarke Interpretin der Lyrics aus Vitouš' Feder als auch mit nonverbalen Vokalisen. Im Spannungsfeld von zeitgenössischem Jazz, freier Improvisation und Neuer Musik (Boulez, Berio, Stockhausen) bewegte sich Zeit seines Lebens der im heurigen Februar verstorbene Klarinettist, Saxophonist und Komponist Michel Portal, der zu den kreativsten, prägendsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der französischen Musikszene zählte und bei dem bereits erwähnten „Remembering Weather Report“ Mitglied der Miroslav Vitouš Group war. Mit ihm im Duo nahm der Kontrabassist sechs kurze Improvisationen und die zwei Kompositionen „Unexpected Solutions“ und „Mountain Call“ auf, die über das Album verteilt so etwas wie einen roten Faden abgeben. Wundervolle Beispiele für die hohe Kunst des Duo-Spiels, in dem sich die virtuose Beherrschung der Instrumente mit der Kraft kreativer Ideen und der Fähigkeit und dem Willen zur musikalischen Kommunikation treffen. Wie sich Kontrabass und Klarinette bzw. Bassklarinette hier umgarnen, herausfordern und wechselseitig zu Höhenflügen inspirieren, ist ganz große Klasse. Mit „Mountain Call“ als Closer, in dem Vitouš seine Virtuosität und seinen Einfallsreichtum im Umgang mit dem Bogen und Michel Portal seine Extraklasse auf der Bassklarinette eindrucksvoll unter Beweis stellen, schließt dieses bemerkenswerte Album mit einem letzten Höhepunkt ab.
(ECM/Universal)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.