Tanz ist Festival (Foto: Stefan Hauer)
Fritz Jurmann · 12. Mai 2026 · Musik

60 Jahre Rieger-Orgel Höchst

Von Beginn an ist Organist Bruno Oberhammer mit diesem Instrument verbunden und ließ es im Jubiläumskonzert erstrahlen.

Sie ist ein ganz besonderes Instrument, diese mechanische Orgel, die seit 1966 den gewaltigen Raum der Pfarrkirche von St. Johann in Höchst mit ihren Klängen erfüllt. Es ist mit 39 Registern auf drei Manualen und Pedal das größte und in seiner Klangvielfalt schönste Instrument, das die Firma Rieger bis in die 1970er Jahre gebaut hat und auch heute noch ein strahlendes Dokument tradierter Orgelbau-Handwerkskunst für die Zukunft ist.

Das 60-Jahr-Jubiläum dieser Orgel wurde am Montag mit einem Konzert in der Reihe „Wege Bachs“ von Bruno Oberhammer gefeiert, jenem Künstler, dessen Karriere fast ebenso lange mit dem Instrument seiner Heimatgemeinde auch emotional verbunden ist. Oberhammer selbst feiert am 28. Mai auch ein persönliches Jubiläum, nämlich seinen 80. Geburtstag. Die Gratulanten stehen schon in den Startlöchern. 
Für uns blickte er zum Jubiläum zunächst auf die Anfänge dieser Orgel zurück, die auch seinen ersten Schritten als angehender Organist vor Ort entsprechen. Er hat damals mit der Mutter in Bregenz gewohnt, ist aber schon mit 13 mit dem Fahrrad regelmäßig zu den ersten Gottesdiensten nach Höchst gependelt, wo die Familie ansässig war: „Meine Gottesdienste, damals meist mit der Haydn- oder Schubertmesse, spielte und spiele ich bis heute meist unentgeltlich. Auch die freiwilligen Spenden des aktuellen Konzertes kommen wie üblich dem Projekt ‚Tischlein deck dich‘ von Elmar Stüttler zugute. Der damalige hochbetagte Pfarrer Emil Lang wollte am Beginn wohl meine Ernsthaftigkeit testen, als er mir anfänglich beim Üben den Strom ausgeschaltet hat. Das hat mich aber nicht weiter verdrossen.“

Eine Universalorgel

Auch die Baugeschichte der Orgel selbst verlief durchaus spannend: „Das wunderbare Barockgehäuse stammt von Architekt Dieter Oberbacher. Siegfried Laible, der damalige Chefintonateur der Firma Rieger, hat mit ganz großer Geduld und mit noch größerem Können dieser Orgel zu einem fantastischen Klang verholfen, den man vor 30 Jahren nur vergrößert, aber im Charakter nicht verändert hat. So ist diese Orgel völlig unabsichtlich eine ‚Universalorgel‘ geworden, auf der man also sehr vieles von der über 600 Jahre umfassenden Orgelliteratur beeindruckend darstellen kann.“
Oberhammer absolvierte eine umfangreiche wissenschaftliche Ausbildung in Innsbruck und Wien sowie in Klavier, Orgel und Komposition bei Günther Andergassen. Auch später, als zunehmend international tätiger und gefragter Konzertorganist und Professor für Orgel, Tonsatz und Musikwissenschaften am Vorarlberger Landeskonservatorium, blieb Bruno Oberhammer dem Land und seiner angestammten Orgel von Höchst auch in Dutzenden von Konzerten über die Jahrzehnte treu, obwohl es Angebote von außen gab, wie 1987, in der Nachfolge von Siegfried Hildenbrand das Amt des Domorganisten von St. Gallen zu übernehmen.

Auch kompositorisch tätig

Er komponierte für verschiedene Besetzungen Kammermusik, Messen, Kantaten, Motetten und ein Oratorium. Künstlerische Glanzpunkte jener Zeit waren eine Einspielung des kompletten „Orgelbüchleins“ von Johann Sebastian Bach auf einer Doppel-CD und in den Jahren 2007 bis 2011 die Aufführung des kompletten Bach-Orgelwerks in einem Zyklus von 20 Konzerten an der Rieger-Orgel seiner Heimatgemeinde.
Was diese Orgel für ihn persönlich bedeutet? „Es ist schon so, dass bei langer Dienstzeit auf derselben Orgel ein dichtes Näheverhältnis zwischen Orgel und Organist entstehen kann. Das ist u. a. auch daran ablesbar, dass Organisten gerne von ‚ihrer‘ Orgel sprechen, obschon diese ja Eigentum der Pfarre ist. Ich sehe mich ja auch nur als ‚Verwalter‘ dieser prächtigen Orgel, aber ‚verheiratet‘ bin ich nicht mit ihr. Die vielen Konzertreisen haben mein Verhältnis zur Höchster Orgel wohl profilieren können, weil ich Rang und Wert dieses Instrumentes immer wieder neu bestimmen und einordnen konnte und kann.“ Als Organologe ist Oberhammer auch glücklich über den Reichtum an bestehenden Orgeln in Vorarlberg, die er in Fachbüchern sorgsam dokumentiert und wissenschaftlich aufgearbeitet hat.

Konzert „Wege Bachs“

Nun aber zum Jubiläumskonzert vom Montag in Höchst, der 21. Ausgabe seiner Nachfolgereihe „Wege Bachs“. Der Publikumszustrom war diesmal weit stärker als gewohnt, die Zuhörenden kamen von weither mit großen Erwartungen zu diesem Abend. Doch nicht alles wurde auch erfüllt, denn das Konzert bot einen etwas uneinheitlichen, manchmal zerfahrenen Eindruck. Offenbar hatte Bruno Oberhammer ausgerechnet bei diesem Jubiläum nicht seinen besten Tag erwischt. Das war in vielen Details nicht mehr jene Qualität des souveränen Orgelspiels, wie man es gerade bei diesem Organisten die letzten Jahre und Jahrzehnte noch so sehr geschätzt hatte, manche Wünsche blieben unerfüllt. Sein Spiel litt unter deutlichen technischen Mängeln und Unsauberkeiten, die den Gesamteindruck trübten. Ungeachtet dessen blieb aber der Geist, die besondere Atmosphäre, die er jedem dieser Werke mit auf den Weg gab, ungetrübt erhalten.
Oberhammer hatte es seinem Publikum und vor allem auch sich selbst mit der Themenvorgabe an diesem Abend auch nicht eben leicht gemacht. Es ging diesmal um die Darstellung der tradierten Form der Sonate anhand von Beispielen aus drei Jahrhunderten, wiederum mit Bach im Zentrum. Faszinierend dabei war zu erleben, wie unterschiedlich diese fünf Komponisten in ihrer jeweils aktuellen Stilistik auf diese Form reagiert haben und welch unterschiedliche, aber durchwegs enorm hohe Anforderungen damit für den Organisten verbunden waren.

Fehlende klassische Klarheit

Schon das erste Werk, die Nr. 2 aus den sechs Orgelsonaten von Felix Mendelssohn Bartholdy, wollte zuerst nicht recht vom Fleck kommen, seine klassische Klarheit blieb etwas verschwommen und zu wenig konturiert. Aus der Schublade des heute vergessenen, humorbegabten Benediktinerpaters Franz Xaver Schnizer aus Ottobeuren stammt die folgende Sonate, deren vier Sätze durchaus Unterhaltungscharakter besitzen und die stilistische Nähe des Zeitgenossen Mozart verraten. Hier gelang es Oberhammer, auch dank seiner originellen Registermischungen, die Schwerelosigkeit und Unbekümmertheit dieser Musik mit viel Temperament und Spielfreude zu vermitteln. 
Als dann aber die Es-Dur-Sonate aus den sechs Triosonaten von Bach als zentrales Ausrufezeichen an der Reihe war, blieb vor allem das einleitende Moderato mit seiner genial konzipierten Kontrapunktik der Stimmen, dem inneren Aufbruch und zukunftsweisenden Fantasien zu unentschlossen und unsauber. Dabei hatte sich doch gerade Oberhammer noch vor Jahren in seinem Bach-Zyklus als absoluter Meister dieses Meisters erwiesen. Man muss sich zum besseren Verständnis dabei freilich vorstellen, dass hier der Organist auf zwei verschieden registrierten Manualen und Pedal mit Händen und Füßen diese drei kontrapunktisch ineinander verflochtenen Stimmen selbständig artikuliert und phrasiert zum Trio formt – also etwas, was etwa in einem Kammermusiktrio drei verschiedene Musiker:innen tun: eine fast übermenschlich vertrackte Aufgabe!

Finales Meisterwerk

Mit zunehmendem Verlauf wurde auch das Programm stets interessanter. Kurz vor dem Finale überraschte der Tiroler Komponist Joseph Alois Holzmann aus dem 18. Jahrhundert noch mit einer Rondo-Sonate, die man gern in die windschiefe Orgel eines kleinen Tiroler Bergkirchleins verortet hätte – mit einfachen Dreiklangsharmonien und Themen, die der Komponist der alten Tiroler Volksmusik abgelauscht hatte. Eine willkommene Verschnaufpause, bevor es abschließend mit der 20-minütigen, monumentalen Sonate in a-Moll des deutschen Musiktheoretikers Ludwig Thuille wirklich zur Sache ging. 
Der Vergleich mit Bachs Komplexität ist in diesem Fall wirklich angebracht, umso mehr, als Oberhammer dieser Komposition auch den Ernst und die Würde eines Bach-Werkes verlieh. Damit gelang ihm ein finales Meisterwerk der Orgelinterpretation, wie man es von ihm gewohnt ist. Er hatte sich nun freigespielt, Spannung und Dramatik waren vom Präludium weg vorhanden und schaukelten sich immer mehr auf, bis er gekonnt die große Schlussfuge glasklar in den Raum stellte. Eingerahmt wurde diese mit allem, was die Rieger-Orgel klanglich zu bieten hat – einem „Organo Pleno“, das sich gewaschen hat. Oberhammer triumphierte damit in einer Lautstärke, die einer gut bestückten Popband oder einem startenden Flugzeug alle Ehre gemacht hätte. Jedenfalls ein toller finaler Eindruck für das Auditorium, das den Organisten mit Standing Ovations feierte.

Konzerttipp:
„Wege Bachs“ – Bruno Oberhammer an der Rieger-Orgel
13.11., 20.15 Uhr
Pfarrkirche Höchst