"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Michael Pekler · 05. Jul 2023 ·

Mermaids don't cry

Die österreichische Filmemacherin Franziska Pflaum erzählt in ihrem gelungenen Spielfilmdebüt die Geschichte einer Supermarktkassiererin, die gerne eine Meerjungfrau wäre. Ein modernes Vorstadtmärchen, verpackt als bunte Tragikomödie mit Stefanie Reinsperger.

Zwischen Alleinsein und Einsamkeit gibt es bekanntlich einen bedeutenden Unterschied: Allein kann man sein, doch einsam fühlt man sich. Die 37-jährige Annika (Stefanie Reinsperger) fühlt sich einsam, ist aber nie allein. Nicht bei ihrem Job im Supermarkt, wo sie mit ihren lila Haaren hinter der Kassa sitzt. Nicht bei sich zu Hause, wo sich eben ihr Vater Hermann (Karl Fischer) bei ihr einquartiert hat und wo ihre Freundin und Kollegin Karo (Julia Franz Richter) regelmäßig ihre Kinder stundenlang absetzt; und natürlich nicht im öffentlichen Hallenbad, wo sie ungeniert in ihre Meerjungfrauenflosse schlüpft. Denn ihre schönsten Momente erlebt Annika, wenn sie endlich unter Wasser taucht und eine magische Traumwelt für sich entdeckt. Dann fühlt sie sich nicht mehr einsam, sondern befreit.

Täuschung auf Bestellung

„Mermaids don‘t cry“ heißt das bemerkenswerte Spielfilmdebüt der österreichischen Filmemacherin Franziska Pflaum, und tatsächlich sieht man auch Annika nie weinen. Wenn sie wütend ist, schreit sie manchmal, wenn sie glücklich ist, weil sich zum Beispiel ein junger Mann vor dem Hallenbad im Regen für sie interessiert, lächelt sie wie ein Mädchen. Dabei steht Annika, ihrer fantastischen Unterwasserwelt zum Trotz, in der Wirklichkeit ihre Frau. Sie ist eine gute Freundin, eine ebenso gute Tochter und eine gute Angestellte. Falls man gut dahingehend versteht, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen.
Würde es Annika gelingen, aus diesen Verhältnissen auszubrechen, wenn nicht ein scheinbar lächerlicher Zufall alles ändern würde? Wenn ihre Flosse nicht kaputtgegangen wäre und sie sich daraufhin im Internet eine maßlos überteuerte bestellt hätte, die sie sich eigentlich nicht leisten kann? Wenn ihr ständig vor dem Fernseher sitzender Vater nicht vortäuschen würde, im Rollstuhl zu sitzen, weil er das Pflegegeld kassieren möchte? Ihre esoterisch angehauchte Chefin (Inga Busch) nicht autokratisch über die Filiale herrschen würde und Karo nicht so egoistisch – aber eigentlich anpassungsfähig – wäre? Nein.

Schimäre aus Silikon

Annika würde es nicht gelingen, weil erst eine Reihe von Zufällen jene Selbstermächtigung bewirkt, von der „Mermaids don‘t cry“ überaus charmant erzählt. Diese Zufälle sind jedoch keine, wie sie im Märchen über ein armes Mädchen hereinbrechen, das erst über sich herauswachsen muss, sondern solche, die Annikas Lebenswirklichkeit in der Hochhaussiedlung am Stadtrand geschuldet sind. Die neue Flosse mit einzeln gearbeiteten Silikonschuppen ist ein Traum, der sich, weil er alle Hoffnungen und Wünsche versinnbildlicht, als Schimäre herausstellen muss.
Doch „Mermaids don‘t cry“ ist eben kein Nachzügler des österreichischen Sozialrealismus im Kino, sondern eine bunte Tragikomödie, die vor allem durch ihre stimmige Charakterzeichnung überzeugt. Franziska Pflaum beherrscht die Kunst der ironischen Empathie, die ihre schrullig-schrägen Figuren nie bloßstellt – selbst nicht die an der Grenze zur Karikatur changierende Filialleiterin mit ihren Glückskeks-Weisheiten.
Sehnsucht ist ein Verlangen nach etwas Unerreichbarem. „Mermaids don‘t cry“ ist ein modernes Märchen, in dem die Heldin kein Opfer mehr sein möchte, weil sie erkennt, dass der Weg, den sie bisher gegangen ist, um das Unerreichbare zu erlangen, sie keinen Schritt weitergebracht hat – um am Ende an einem anderen Ziel anzukommen.