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Martina Pfeifer Steiner · 05. Jul 2023 · Ausstellung

Die Atmosphäre des brennenden Dornenbusches

Architekturmodelle aus dem Atelier Peter Zumthor im Bregenzerwald

Im Werkraumhaus sind diesen Sommer lang die Architekturmodelle aus dem Atelier Peter Zumthor zu bestaunen. Warum eines davon – quasi als Satellit – im Barockbaumeister Museum zu finden ist, erschloss sich im Gespräch mit Architekt Peter Zumthor und Pater Martin, Probst in St. Gerold. Titelgemäß sollte es „Über die Atmosphäre in Kirchenräumen“ gehen, also wurde Architektin Irmgard Frank, ehemals Professorin am Institut für Raumgestaltung TU Graz, dazu auf das Podium in der Kuratiekirche in Au-Rehmen geladen.

Aber ebendort fing es schon mit Unannehmlichkeiten an: vor dem steinernen Altar gingen sich gerade noch die Sesselbeine bis zur Stufenkante aus – wie dort zu dritt entspannt sitzen? Peter Zumthor begann sich zunehmend stehend zu unterhalten, die Leute einzubeziehen, und plötzlich war auch sein Stuhl vom Podest erlöst und auf Publikumshöhe. Pater Martin reklamierte wiederum gleich zu Anfang, dass Betrachtungen zur sakralen Architektur viel zu kirchlich gedacht sind und Machtdemonstrationen dort eine wesentliche Rolle spielen. Mit der erhöhten Stellung von Altar und Priester ist er gar nicht einverstanden und auch nicht mit der Abgrenzung von sakralen und profanen Raumerfahrungen. Er kann den Ursprung geistlicher Räume als Bild des brennenden Dornbusches im offenen Feld erkennen, aus dem Gott zu Moses nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten spricht. „Gott ist überall!“ Peter Zumthors Räume sind spirituell. Licht, Akustik, Material, die Komposition lässt eine einzigartige Atmosphäre entstehen, und Schönheit hat immer Gültigkeit: „Wir dürfen bei allen Problemen auf dieser Welt nicht aufhören von Schönheit zu sprechen.“

Doch nun zum Kontext der Ausstellung im Werkraumhaus mit dem Zumthor Modell des Sommerrestaurants auf der Insel Ufenau mitten im Zürichsee, das im Barockbaumeister Museum in Au stationiert ist. Die Insel gehört dem Kloster Einsiedeln, und Martin Werlen war dort Abt, bevor er in die Probstei St. Gerold berufen wurde, die ebenfalls Teil des Klosters Einsiedeln ist. Pater Martin war damals (2011) Auftraggeber und berichtet vom faszinierenden Prozess, wie der Architekt alle in seine tiefgründigen Überlegungen einbezogen hat, sodass die Klostergemeinschaft einstimmig hinter dem Projekt stand. „Die Benediktiner sind ein sehr demokratischer Orden, da hat der Abt nicht alleine zu bestimmen ...“ Pater Martin spricht auch von Demut – im Sinne von auf dem Boden bleiben, von Architektur, die auf dem Boden der Realität entstehen kann. Dass auf der bis auf zwei Kapellen unverbauten Insel Ufenau die Baugenehmigung für den umsichtig in die Landschaft gesetzten Pavillon mit der organisch geformten Überdachung auf filigranen Stützen nicht erteilt wurde, hing im Endeffekt vom Einspruch zweier Privatpersonen ab.

Der Bogen zum Barockbaumeister Museum schließt sich mit Caspar Moosbrugger, dessen 300. Todestag dort gewürdigt wird (siehe Artikel in der Kultur Juli/August 23 „Der Mastermind von Einsiedeln“). Bei einer Führung der Museumsleiterin Bernadette Rüscher – im Vorspann zum Gespräch in der Kirche – war in ihrem mitreißenden Vortrag zu erfahren, dass der 1656 im Bregenzerwald geborene Moosbrugger zu den bedeutendsten Barockarchitekten gehörte und als Bruder Caspar im Kloster Einsiedeln wirkte. Diese Klosteranlage war eines der größeren Projekte (und der Bauten gab es über die Jahrhunderte viele: 250 Klosterkirchen und 800 Gebäude!), wohin ein Bautrupp von zweihundert Männern der Auer Zunft zu Fuß ausrückte um sie zu errichten. 

Eine Empfehlung sei angefügt: der Ausflug in den Bregenzerwald lohnt sich in diesem Sommer sehr.