Ein Feldzug für die Geschichtsbücher: Joaquin Phoenix als Napoleon Bonaparte in Ägypten. (Foto: Sony/Apple)
Dagmar Ullmann-Bautz · 16. Apr 2023 · Theater

Mercalli 3 – 4

„Erdbeben in London“ von Mike Bartlett am Vorarlberger Landestheater

Es war ein langer und etwas sonderbarer Theaterabend, den das Publikum im Vorarlberger Landestheater anlässlich der gestrigen Premiere des surrealen Umwelt- und Familiendramas „Erdbeben in London“ erleben durfte. Das zentrale Thema des Stücks von Autor Mike Bartlett brennt zwar heute mehr denn je, das Stück selbst hat jedoch schon einiges an Patina angesetzt und kommt an diversen Stellen leider doch etwas platt, gegen Ende auch kitschig daher. Sehenswert macht es erst das junge, sehr spielfreudige und ausdrucksstarke Ensemble, die großartige Ausstattung, coole Videos, eine spannende Musik- und Geräuschkulisse sowie ein paar witzige Regieideen.

Nichts Neues

Selbstverständlich muss sich eine Landesbühne mit dem auseinandersetzten, was auf der Welt gerade passiert, was unsere Gesellschaft gerade beschäftigt, doch wenn Mike Bartlett für das Jahr 2010 eine mitreißende Umweltkatastrophen- und Endzeitrevue geschrieben hat, so erzählt sie uns heute nichts Neues und erschöpft sich teilweise in Plattitüden. Was das Regieduo Olivier Keller und Patric Bachmann dennoch daraus gemacht haben, ist an vielen Stellen zwar sehenswert, hätte aber an einigen Stellen ein massives Entstauben vertragen.

Gekaufter Klimaforscher

Drei junge Frauen, Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, beschäftigen sich jede auf ihre Art – als mit allen Wassern gewaschene Umweltministerin, als werdende Mutter und als junge rebellierende Klimaaktivistin – mit der Klimakatastrophe. Für die Geschwister lebensbestimmend: ihr Vater, ein international anerkannter Klimaforscher, hat sich vor Jahren, in den 70ern, von einer Fluggesellschaft kaufen lassen. Damals bescheinigte er, dass Fliegen keine Umweltschäden erzeugt. 40 Jahre später wünscht er allen Ungeborenen nur noch den Tod.
In schnellen, sehr kurzen Szenen springt das Stück zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Realität und Fiktion, ist dabei sowohl Familiengeschichte als auch Polit- und Science-Fiction-Thriller.

Großartiges junges Ensemble

Lina Hoppe überzeugt mit überbordender Energie als rebellische junge Frau, als Jasmine, die jüngste der drei Schwestern. Zoe Hutmacher verleiht Sarah, der ältesten Schwester, als Politikerin unheimliche Eloquenz, die zu Hause zu bröckeln beginnt. Freya mit einem Mädchen schwanger und voller Unsicherheit und Angst wird von Maria Lisa Huber einfach großartig, sehr berührend dargestellt. Rolf Mauz kann als Vater der drei, als Wissenschaftler, der sich in jungen Jahren kaufen lässt und im Alter zum großen und aggressiven Mahner wird, nicht wirklich überzeugen. Die in etwa 20 weiteren Figuren werden in ihrer Unterschiedlichkeit ganz exzellent von Vivienne Causemann, Luzian Hirzel, Nurettin Kalfa, David Kopp sowie Nico Raschner dargestellt.

Hüpfburg und mitreißende Musik

Für die Ausstattung zeichnet Tatjana Kautsch verantwortlich. Die Kostüme, herrlich bunt und verrückt, zeugen von Fantasie und einem guten Gespür für die Geschichte und ihre Figuren. Auf der Bühne dreht sich eine schwarze aufgeblasene Halbkugel, die größtenteils als Spielfläche dient, an eine Hüpfburg erinnert und von den Schauspieler:innen auch immer wieder als solche verwendet wird. Der spielerische Kraft- und Energieaufwand dafür darf nicht unterschätzt werden. Die Assoziation einer verbrannten schwarzen Erde, von der die bunten Menschlein purzeln, drängt sich auf.
Simon Tamerl und Simon Prantner haben die Bühne, die Szenen großartig beleuchtet und Andreas Bächli interessante und ausdrucksstarke Videos fabriziert. Musik und Geräusche von Daniel Steiner sind mitreißend und sehr klar.

Ohne Nachhall

Es ist ein rasanter wie auch unterhaltsamer Theaterabend, was ihm fehlt ist Tiefgang und Nachhaltigkeit. Denn das, was Mike Bartlett vor 13 Jahren einst anprangerte, daran haben wir uns schon längst gewöhnt, heute bräuchte es wohl andere, zeitgemäße Zugänge, um aufzurütteln und zu bewegen.
Bei den Schauspieler:innen bedankte sich das Publikum am Ende mit teils jubelndem Applaus.

Vorarlberger Landestheater: „Erdbeben in London“ von Mike Bartlett
weitere Vorstellungen:18./21./23./26.04. jeweils 19.30 Uhr
Theater am Kornmarkt, Bregenz

https://landestheater.org/spielplan/stuecke-1/detail/erdbeben-in-london/