Tanz ist Festival (Foto: Stefan Hauer)
Peter Füssl · 15. Jul 2025 · CD-Tipp

Majid Bekkas / Nguyên Lê / Hamid Drake: „Gnawa World Blues“ – Jazz at Berlin Philharmonic XVII

Der Titel „Gnawa World Blues“ war beim Konzert am 10. November 2024 in der hochkarätigen ACT-Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ gleich auch Programm, als drei Musiker zusammenfanden, die für dieses Genre-sprengende Unterfangen die allerbesten Voraussetzungen mitbrachten. Geht es um die Fusion von zeitgenössischem Jazz mit der rhythmusbetonten, tranceartigen, mystisch umwobenen Musik der ethnischen Minderheit der Gnawa, die als Nachkommen afrikanischer Sklaven in Marokko leben, zählt Majid Bekkas, der neben der dreisaitigen Binnenspießlaute Guembri auch Oud und Gitarre spielt und singt, zu den absoluten Spezialisten.

Und auch die Trio-Konstellation spielte in seiner Karriere eine große Rolle, was unter anderem exzellente Alben mit dem Pianisten Joachim Kühn und dem spanischen Drummer Ramon Lopez, aber auch mit Saxophonist Peter Brötzmann und Hamid Drake am Schlagzeug beweisen. Der tief in der Avantgarde-Szene Chicagos verwurzelte, unter anderem durch Projekte mit Don Cherry, Archie Shepp oder William Parker bekannt gewordene Drake hat sich vor allem auch als einfallsreicher Perkussionist einen Namen gemacht und ist mit seiner gleichermaßen schlagkräftigen wie sensiblen Rhythmusarbeit die Ideal-Besetzung für dieses Trio mit Nguyên Lê. Der vietnamesisch-stämmige, französische Gitarrist zählt mit mehr als zwei Dutzend in unterschiedlichsten Konstellationen aufgenommenen Alben zu den Hauptakteuren des rührigen Münchner Labels und genießt mit seinem autodidaktisch erarbeiteten, fernöstlich angehauchten Jazz-Rock-Sound längst den Status der Unverwechselbarkeit. Der von Bekkas geschriebene Opener „Gore Blues“ beginnt mit einer schwebenden Unisono-Passage von Oud und Stimme, die Bekkas über Nguyên Lês sphärische Gitarren–Nebel legt, nimmt dank Drakes kraftvollen, perkussiven Akzenten aber rasch an rasanter Fahrt auf und bietet den beiden Saitenartisten viel Raum für mitreißende Soli. Mit ungestümer Energie und archaisch wirkender Kraft aufgeladen, lädt das Traditional „Mrahba“ Kondititonsstarke ganz nach Gnawa-Art zum ekstatischen Tänzchen ein. Darauf folgen zwei Fremdkompositionen, die vielleicht verblüffen mögen, wenn man die Akteure nicht so gut kennt. Das 1961 von John Lee Hooker in Chicago aufgenommene „Boom Boom“ zählt zu den größten Hits der US-Blues-Legende und wurde auch vom jungen Majid Bekkas in seinen musikalischen Anfängen interpretiert. Ohne sich allzu weit vom Original zu entfernen, entfachen die drei einen trancigen Drive. Das rockig-ruppige Highlight ist aber eindeutig „Purple Haze“ – eine Hommage an Jimi Hendrix, der 1969 höchstpersönlich in die damalige Gnawa- und Hippie-Hochburg Essaouira reiste. Nguyên Lê läuft hier als ausgewiesener Hendrix-Spezialist, der dieses Stück schon seit mehr als 20 Jahren auf seiner Set-List hat, zu Drakes knüppelharten Drums naturgemäß zu ganz großer Form auf, während Bekkas ihm ein durchaus stimmiges Gnawa-Gesangspassagen-Interlude verpasst. Wenig verwunderlich brandet der Publikumsapplaus nach diesem mitreißenden Klang-Inferno à la Hendrix ganz besonders stark auf. Zwischen diese beiden „Evergreens“ ist das mit gut neun Minuten längste und von den beiden Saitenkünstlern gemeinsam verfasste, meditative Stück „Ascending Dragon“ platziert. Hier lässt Nguyên Lê seine fernöstlichen Klangfarben schillern und Drake verblüfft mit dem Einsatz eines Daumenklaviers. Meditativen Charakter hat Bekkas mit einer freien Oud-Improvisation und Vocals eingeleitetes Stück „Tair“, das sich zu einem kraftvoll-rasanten Dialog mit Nguyên Lê entwickelt, ehe eine spannungsgeladene Bearbeitung des Traditionals „Sidi Bouganga“ nochmals tief ins Gnawa-Universum entführt. Ob Sahara-Blues, Gnawa-Trance, Jazz-Improvisation, Delta Blues, Fernöstliches oder Rock-Ekstase – Majid Bekkas‘, Nguyên Lês und Hamid Drakes Musik-Universum ist im besten Sinne grenzenlos.  Und trotz aller Qualitäten dieser Live-Konserve würde man dieses Trio gerne einmal selber live erleben!

(ACT) 

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der „KULTUR" Juli/August 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.