Chris Haring/Liquid Loft beim tanz ist Festival am Spielboden Dornbirn (Foto: Stefan Hauer)
Peter Füssl · 11. Jun 2024 · CD-Tipp

Magnus Öström & Dan Berglund: „e.s.t. 30“

Als der schwedische Pianist Esbjörn Svensson 2008 bei einem tragischen Tauchunfall ums Leben kam, bedeutete das das abrupte Ende des damals einflussreichsten und populärsten europäischen Piano-Jazz-Trios, das sogar dem auf US-Amerikanisches fokussierenden „Downbeat“-Magazin eine Titelseite wert war. Im Spannungsfeld von Jazz, Rock und Pop entwickelte Svensson unter wegweisendem Einsatz von Electronics gemeinsam mit Kontrabassist Dan Berglund und Drummer Magnus Öström einen unverwechselbaren Gruppenklang – ob atmosphärische, lyrische Balladen, energievoll Rock-Orientiertes oder melodische Improvisationen voller eingängiger Riffs und fesselnder Grooves.

2016 schlossen sich Berglund und Öström, die bis dahin einige andere hochinteressante Band-Projekte betrieben hatten, mit dem Norweger Bugge Wesseltoft erstmals wieder zu einem Klaviertrio zusammen, das unter dem Namen Rymden mittlerweile auch schon wieder vier hervorragende Alben veröffentlicht hat. 2023 galt es aber, 30 Jahre e.s.t. mit zwei Konzerten in der Stockholmer Filadelfia Kirche und in der Kölner Philharmonie würdig zu feiern – Letzteres liegt nun als Live-Album vor. Öström und Berglund geben das perfekte Rhythmusgespann ab, das man von den elf exzellenten Studio- und den sechs Live-Alben her kennt und meistern wie gewohnt bravourös alle rhythmischen und dynamischen Raffinessen. Der junge Stockholmer Pianist Joel Lyssarides, den man vor allem von seinem ACT-Debüt „Stay Now“ her kennt, versucht sich nicht in der Rolle Esbjörn Svenssons, sondern teilt sich dessen melodische Parts mit seinen Landsleuten Ulf Wakenikus an der E-Gitarre, Magnus Lindgren an Tenorsax und Querflöte und mit dem finnischen Trompeter Verneri Poholja. Das Titelstück des 1999-er Albums „From Gagarin’s Point of View“ erweist sich mit seiner von kleinen dramatischen Interludes durchbrochenen Weite und Schwerelosigkeit als idealer Opener. Auch „Seven Days of Falling“ vom gleichnamigen 2003-er Album zählt mit seinen hypnotisierenden Rhythmen und betörenden Melodien zu den e.s.t.-Paradestücken und stellt erstmals Wakenius ins Scheinwerferlicht. Aus demselben Jahr stammen das lebendige, die Liebe als erhebendes Gefühl feiernde, mit einem fingerfertigen Gitarrensolo veredelte „Elevation of Love“ und „Believe, Beleft, Below“ mit seiner kontemplativen Musik zum Träumen, in die alle Beteiligten ihre tiefsten Emotionen einfließen lassen. Das Titelstück des Albums „Tuesday Wonderland“ (2006) hingegen ist von Anfang an spannungsgeladen und ein ideales Showcase für Lindgrens experimentell-explosive Querflöte sowie ein längeres ausdrucksstarkes Solo von Lyssarides. „Eighthundred Streets by Feet“ ist von Poholjas wundervoll-lyrischem Trompetenspiel geprägt, das sich schließlich in kraftvollen Ausbrüchen entlädt. Ein exzellenter Konzertabend, der sein Glück nicht in nostalgischer Heroenverehrung und trauernder Rückwärtsgewandtheit sucht, sondern die packende Musikalität, das Feuer und die Leidenschaft des legendären Trios im kongenialen Sechserpack neu belebt. So hätte Esbjörn Svensson das sicher auch gewollt.

(ACT)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2024 erschienen.