„weltbewegt“ – Eine Ausstellung über Entwicklung und globale Zusammenarbeit
Peter Füssl · 08. Okt 2024 · CD-Tipp

Louis Sclavis / Benjamin Moussay: „Unfolding“

Sie seien im März dieses Jahres in die Studios La Buissonne mit klaren, aber noch nicht allzu festgelegten musikalischen Ideen gekommen, um spannende Entwicklungen und Unvorhersehbares zuzulassen und auch für weitere, von Produzent und ECM-Boss Manfred Eicher eingebrachte Inspirationen offen sein zu können. Das erinnert an Benjamin Moussays Aussagen zu seinem vor vier Jahren ebenfalls bei ECM erschienenen, bemerkenswerten Solo-Album „Promontoire“: „Ausgeschriebene Vorgaben werden dem jeweiligen Moment gemäß unendlich verändert. Als Pianist kenne ich den Ausgangspunkt und das Ziel. Das Geheimnis liegt in den Überraschungen der Reise.“ Diese Haltung garantiert nicht nur den Zuhörer:innen zuhause vor den Lautsprecherboxen spannende Momente, sondern in erster Linie auch den beteiligten Musikern, und da haben wir es mit zwei einfallsreichen und spielfreudigen Kapazundern zu tun, die noch dazu bestens aufeinander eingespielt sind.

Der mittlerweile 71-jährige Klarinettist und Saxophonist Louis Sclavis zählt seit seinen Anfängen bei der Folklore Imaginaire-Bewegung vor bald 50 Jahren zu den zentralen Lichtgestalten des französischen und zu den wichtigsten Wegbereitern eines selbstbewussten europäischen Jazz. Er kann auf ein höchst interessantes, stilistisch vielschichtiges Werk verweisen, an dem auch sein um 20 Jahre jüngerer Landsmann Moussay seit mehr als einem Jahrzehnt einen gewichtigen Anteil hat, wie etwa die exzellenten Trio- bzw. Quartett-Alben „Sources“ (2012), „Silk And Salt Melodies“ (2014) oder „Characters on a Wall“ (2019) eindrucksvoll unter Beweis stellen. Von Letzterem stammt auch das musikalische Material für die seit einigen Jahren forcierte Duo-Arbeit der beiden, die nun mit 12 neuen, eigens für diese Konstellation verfassten Kompositionen neu an Fahrt aufnimmt. Sechs der neun Stücke hat Moussay sich und Sclavis, der sich hier auf Klarinette und Bass-Klarinette beschränkt, auf den Leib geschrieben. Das Album beginnt mit dem gut sechsminütigen Titelstück „Unfolding“ mit seiner wunderschönen, von einer nostalgischen Schwermut geprägten Melodie, die in Erinnerungen zu schwelgen, sich zugleich aber immer wieder auch dramatisch aufzubäumen scheint, und endet mit „Snow“, einem stimmungsvoll-melancholischen Vorgeschmack auf die Schneeflocken-Pracht des nächsten Winters, die man am besten mit einem Blick aus dem Fenster der warmen Stube genießt. Moussay und Sclavis haben mit großem Gespür eine Reihe kammermusikalischer Kleinode geschrieben, die sich mindestens so sehr an impressionistischen Stimmungsbildern, an Spätromantischem, an Debussy, Messiaen, Satie und Co, wie am zeitgenössischen Jazz orientieren. Sie ermöglichen spannende Klangerkundungen, farbenreiche Soundmalereien, spannungsgeladene, oftmals eng verschlungene Duo-Improvisationen – unter Aufhebung der gewohnten Solist-Begleiter-Funktion – und bieten natürlich auch Raum für solistische Glanzlichter. Louis Sclavis‘ „A Garden in Ispahan“ ist eine wundervolle Liebeserklärung an die prachtvolle ehemalige Hauptstadt Persiens mit ihren für ihre Architektur berühmten Palästen, Boulevards und Moscheen. Ein Garten voller lebhafter Klarinettentöne und in Nachdenklichkeit getauchter, perlender Klavierläufe. In ähnlichen Emotionen, wenn auch etwas experimenteller, schwelgt „L’étendue“, während man das in diesem Stückgefüge unerwartete, erfrischend unkonventionelle „Somebody Leaves“ als Hommage an die frühen Exponenten des Free Jazz verstehen kann – Jazz-Avantgardistisches in einer gefälligen Dosis, das dem exzellenten Album einen zusätzlichen Stil-Aspekt hinzufügt.

(ECM/Universal) 

 Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Oktober 2024 erschienen.