Die Pianistin Lucy (Léa Seydoux) aus „Gentle Monster“ (Foto: Frédéric Batier/Film AG)
Peter Füssl · 08. Jul 2025 · CD-Tipp

Little Simz: Lotus

Mit ihrem sowohl textlich als auch musikalisch neue Maßstäbe setzenden 2021-er Album „Sometimes I Might Be Introvert“ festigte Simbiatu Abisola Abiola Ajikawo, besser bekannt als Little Simz, aus einem ärmlichen Nordlondoner Bezirk stammende Tochter nigerianischer Eltern, ihren Ruf als herausragende britische Rapperin. Sie gewann damit unter anderem den renommierten Mercury Prize, landete erstmals ganz vorne in den Charts und in den Jahresbestenlisten der wichtigsten Musikmagazine, und ihre Social Media-Zahlen erreichten astronomische Größenordnungen. Also alles paletti? Keineswegs. Bereits ihr nächstes Album „No Thank You“ (2022) machte deutlich, dass sich Little Simz in der Krise befand, die sie aber noch künstlerisch zu verarbeiten wusste: etwa mit einer überaus scharfen Suada gegen die ausbeuterische Musikindustrie, gegen problematische Marktmechanismen, oder ihr ehemaliges Management, aber auch durch entwaffnend ehrliche Songs, in denen sie schonungslos offenbarte, wie Unsicherheit und Selbstzweifel an ihr nagten.

Zum absoluten Desaster geriet dann das Zerwürfnis mit ihrem Jugendfreund und einflussreichen Wegbegleiter, dem genialen Multiinstrumentalisten, Produzenten und Sault-Mastermind Inflo, der ihre Erfolgsalben produziert und dabei musikalisch in andere Sphären hochkatapultiert hatte. Sie musste ihn verklagen, weil er ihr angeblich Schulden in Millionenhöhe nicht zurückzahlen konnte. Kein Wunder, dass Little Simz für die Realisierung ihres sechsten Studioalbums „Lotus“ – nach vier von ihr verworfenen Fehlversuchen – drei Jahre brauchte. Die Lotusblume ist eine äußerst symbolträchtige Pflanze und entfaltet nicht selten ihre volle Pracht auf sumpfigen Gewässern treibend. Das darf man als sinnbildlich für die 13 neuen Titel des Albums verstehen, mit denen sich Little Simz sowohl von ihrer sprachlichen Ausdruckskraft und Treffsicherheit, wie von der musikalischen Vielfalt her auf dem für sie typischen, hohen Niveau befindet. Daran sind der neue Produzent Miles Clinton James, der zumeist auch Gitarre, Bass, Drums und Keyboards beisteuerte, und eine ganze Reihe special guests beteiligt. Gleich der Opener „Thief“ gerät zur mitreißenden Frustrationsbewältigung und ist ihrem ehemaligen Freund und Geschäftspartner gewidmet, klarerweise ohne seinen Namen zu nennen, was den Song zum universal tauglichen Wutlied für alle von nahestehenden Menschen Enttäuschten macht. „Thief / And you know what it means / La-la-la, la-la-la / Selling lies, selling dreams / Thief“ lautet der Refrain. Little Simz hat schon oft in Interviews betont, dass die Themen aus ihrem Leben gegriffen sind, manches über Tagebuch-ähnliche Qualitäten verfügt, und dass ihr Authentizität ungemein wichtig ist. Beim von Drums und Bass unter Hochspannung gehaltenen „Flood“ sind Simz langjähriger Wegbegleiter Obongjayar und Moonchild Sanelly zu Gast – dazu gibt es auch ein sehenswertes, mystisch aufgeladenes Video.


 

 


„Young“ klingt wie eine Brit-Pop-Parodie: „Livin' out your wildest dreams, yeah, we're just young and dumb / No responsibilities, don't care for anyone / Dance like there's no one around, yeah, it's just you and me / We don't care for finer things 'cause love is all we need.“ In „Only“ versprüht sie gemeinsam mit Lydia Kitto Latin-Feeling. Mit Streicher-Schmelz veredelt gerät „Free“ zur Hymne auf die Liebe, in „Peace“ macht sie sich im reizvollen Wechselspiel zwischen Spoken-Word und Gesang gemeinsam mit Moses Sumney und Miraa May auf die wortgewaltige Suche nach dem Seelenfrieden. Der muntere Afro-Beat von „Lion“ ist ebenso ansteckend wie der Refrain „We don’t care what they say, that’s my superpower“. Im lieblich orchestrierten „Hollow“ rechnet sie mit einem „fake supporter“ ab – man kann sich vorstellen, wer gemeint ist. Funky und tanztauglich kommt „Enough“ mit Gastsängerin Yukimi daher, während sie bei „Blood“ in angespannten Dialogen mit Wretch32 und Cashh Familienstreitigkeiten aufbereitet. Im mit Soul-Elementen gespickten „Lonely“ arbeitet Little Simz den über weite Strecken einsamen Kampf ums neue Album und die damit verbundenen Selbstzweifel auf. Sampha steuert mit seiner ausdrucksstarken Stimme auf dem nachdenklichen „Blue“ den optimistischen Refrain „There’s a light at the end, carry on / You and I found the break to be strong“ bei. Umwerfender Höhepunkt des Albums ist aber sicherlich der sechseinhalbminütige Titelsong „Lotus“ mit dem angesagten Jazz-Drummer Yussef Dayes und dem unter die Haut gehenden Gesang von Michael Kiwanuka, der in reizvollem Kontrast zum gerappten Storytelling von Little Simz steht, die einige ihrer wichtigsten aus ihrem bisherigen Leben gewonnen Erkenntnisse kritisch und selbstkritisch Revue passieren lässt. Was hier vielleicht wie ein bunt zusammengewürfeltes Sammelsurium an musikalischen Ideen und wild wuchernden Texten klingen mag, wirkt total stimmig und wie aus einem Guss. Little Simz ist immer noch „the illest doing it right now“, wie US-Rap-Star Kendrick Lamar einstmals bewundernd feststellte.

(Sony) 

Konzert-Tipps:  26.9. Halle 622 in Zürich, 27.9. Gasometer Wien

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der „KULTUR" Juli/August 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.