Ein tierischer Spass
Camille Saint-Saëns’ genialer „Karneval der Tiere“ stand am vergangenen Wochenende im Mittelpunkt des jüngsten Konzertprogramms der Camerata Musica Reno im Theater Kosmos in Bregenz.
Musik aus Frankreich aus der Zeit zwischen 1880 und 1910 hat der Dirigent Tobias Grabher diesmal für seine Konzerte ausgewählt. In seiner klugen Dramaturgie stellte er im ersten Teil die Klavier- und Orchesterfassungen von Claude Debussys „Prélude à l’apres-midi d‘un faune“ und der „Pavane pour une infante défunte“ von Maurice Ravel einander gegenüber. Nach der Pause folgte dann die berühmte „Fantaisie Zoologique“ von Saint-Saëns.
Das Konzept ist wirklich gut durchdacht und funktioniert seit 2021 bestens. Ein junger Dirigent stellt ein Orchester aus ebenso jungen Musiker:innen für Proben und Konzerte immer knapp nach Ferienbeginn zusammen. So kann er Erfahrungen sammeln bei Proben aber vor allem auf der Bühne, die Orchestermitglieder lernen neues Repertoire kennen und werden angemessen bezahlt. Die Konzerte finden in einem akustisch sehr guten Saal mit 160 Sitzplätzen statt, alleine die Familien und Freunde der vorwiegend aus Vorarlberg stammenden Orchestermusiker bilden eine tragfähige Basis, um zwei Abende zu füllen. Diesmal gab es auch ein Kinderkonzert und eine weitere Aufführung in der Tonhalle St. Gallen. Wie viele andere ist auch die Camerata Musica Reno auf der Suche nach neuen Konzertformaten, daher sind neben der Musik immer noch weitere Zutaten wie Bilder, Tanz oder Sprache Teil der Programme.
Ein Ensemble in Topform
Der junge Dirigent ist der Vorarlberger Tobias Grabher, der vor wenigen Wochen sein Studium an der Musikuniversität Wien mit einem Konzert im Wiener Musikverein abgeschlossen hat. Dirigenten fehlt ja häufig das, was sie zum Üben am Nötigsten brauchen: ein Orchester. Ein eigenes zu gründen, ist vermutlich die beste Idee und auch die Beschäftigung mit der organisatorischen Seite als Konzertveranstalter ist sicher kein Fehler für die weitere Karriereplanung. Ein ganz ähnliches Konzept hatte vor über 30 Jahren auch schon Christoph Eberle mit der Camerata Bregenz umgesetzt. Mittlerweile ist die nächste Generation am Zug, Christoph Eberles Tochter Hannah konnte man nun als Solocellistin in den Konzerten am Wochenende erleben.
Die Orchestermitglieder der Camerata Musica Reno befinden sich alle knapp vor oder nach dem Abschluss ihres Musikstudiums, sind also, was ihre instrumentalen Fähigkeiten betrifft, in absoluter Topform. Ein gutes Beispiel dafür ist der Konzertmeister David Kessler, seit einem Jahr Mitglied im Orchester der Wiener Staatsoper und vermutlich auch bald der Wiener Philharmoniker. Aber auch weitere Prominenz wurde auf der Bühne gesichtet. Viktor Hartobanu etwa, Professor für Harfe an der Stella Musikhochschule, hatte einen kurzen Gastauftritt im ersten Stück von Claude Debussy. Die vielseitigen Programme des Kammerorchesters von Beethoven über Wagners „Ring“ bis zu Filmmusik, Richard Strauss, Strawinsky oder Hindemith erweitern das persönliche Repertoire aller Mitwirkenden ebenso wie den musikalischen Horizont. Dasselbe gilt für die Zusammenarbeit mit Sänger:innen, Tänzerinnen und Schriftstellern wie Michael Köhlmeier, der bereits drei Programme dieser Serie mit gestaltet hat.
Impressionistische Fantasien
Ein konventionelles Konzertformat mit Ouvertüre, Solokonzert und Symphonie wird es bei der Camerata Musica Reno daher nicht geben. Auch diesmal sorgte das ungewöhnliche Programmkonzept für reichlich Abwechslung auf der Bühne. Das Konzert wurde eröffnet mit Claude Debussys „Prélude à l’apres-midi d‘un faune“, einem absoluten Meisterwerk des Impressionismus. Tobias Grabher und sein Ensemble zauberten eine magische Stimmung in den Raum und ließen das Publikum eintauchen in die Fantasien eines lüsternen Fauns an einem heissen Sommernachmittag. Bewundernswert war das perfekte Zusammenspiel des Kammerorchesters in dynamischer, rhythmischer aber auch klanglicher Hinsicht.
Der Orchesterfassung gegenübergestellt wurde, nach einer kurzen Moderation des Dirigenten, die von Maurice Ravel erstellte Fassung von Debussys „Faun“ für Klavier vierhändig. Und siehe da: Auch den Pianistinnen Hanna Bachmann und Laurah Kasemann gelang es, durch Anschlagskultur und eine ausgeklügelte dynamische Gestaltung diese ganz spezielle impressionistische Atmosphäre herzustellen. Erstaunlicherweise vermisste man die Farben des Orchesters nicht, die Klänge der beiden Pianistinnen nahmen das Publikum unmittelbar gefangen.
Beim nächsten Stück, der „Pavane pour une infante défunte“ von Maurice Ravel, wählte man den umgekehrten Weg. Zunächst eine Fassung für zwei Klaviere, dann Ravels Orchesterversion. Auch die „Pavane“ ist ein Schlüsselwerk des französischen Impressionismus und auch hier ließen beide Interpretationen keinerlei Wünsche offen.
Ein Faschingsscherz
Nach der Pause vereinigten sich die beiden Pianistinnen mit dem Orchester und Hubert Dragaschnig, dem Hausherren des Kosmos-Theaters, der sich als Erzähler dazu gesellte. Camille Saint-Saëns‘ genialer Wurf, sein „Karneval der Tiere“ war vom Komponisten eigentlich als einmaliger Faschingsspass konzipiert worden. Obwohl der Komponist jede weitere Aufführung zu seinen Lebzeiten untersagte, erreichte das Werk sehr schnell enorme Popularität. In 14 kurzen Sätzen werden nicht nur verschiedene Tiere wie Elefanten und Vögel aber auch Fossilien und sogar Pianisten musikalisch porträtiert, auch Komponistenkollegen wie Jacques Offenbach, Hector Berlioz und Gioachino Rossini werden zitiert und parodiert. Die Pianistinnen haben viel zu tun, aber auch Kontrabässe, Flöte und Xylophon müssen knifflige Aufgaben bewältigen. Nach zwölf humorvollen Stücken, unmittelbar vor dem großen Finale, wird Saint-Saëns plötzlich ernst. „Der Schwan“ für Cello und zwei Klaviere ist eine der schönsten Melodien der gesamten Celloliteratur. Mit diesem musikalischen Bild eines auf dem Wasser dahingleitenden Schwans hat Saint-Saëns allen Cellisten ein Geschenk gemacht. Die makellose und berührende Gestaltung durch die Solocellistin Hannah Eberle und die Pianistinnen verzauberte den vollbesetzten Saal.
„Der Karneval der Tiere“ ist das einzige kindertaugliche Orchesterwerk der Standardliteratur, das in puncto Beliebtheit und Aufführungszahlen mit Sergei Prokofieffs „Peter und der Wolf“ mithalten kann. Von Saint-Saëns als reines Musikstück konzipiert wird „Der Karneval der Tiere“ heute meist mit einem Sprechtext versehen. Die berühmtesten Textfassungen stammen von Loriot und Peter Ustinov und aus diesen beiden hat man für die Konzerte in Bregenz eine sehr gelungene Mischfassung erstellt. Der etwas betuliche Retro-Humor in Loriots Text war noch immer präsent, aber das Publikum amüsierte sich köstlich und Hubert Dragaschnig gestaltete seinen Part absolut überzeugend.
Den richtigen Ton getroffen
Tobias Grabher hielt als Dirigent, Moderator und Programmgestalter alle Fäden in der Hand. Souverän führte er mit kurzen, humorvollen Moderationen durch das Programm und traf im Anschluss daran als Orchesterleiter stets den richtigen Ton für die drei doch sehr unterschiedlichen Werke. Seine Zeichengebung ist deutlich und das handverlesene Ensemble schien sich unter seiner Leitung wohlzufühlen. Äußerlich wirkt er smart und bereits sehr professionell. Es wird interessant sein, seinen zukünftigen musikalischen Weg zu verfolgen. Seine Konzertreihe im Theater Kosmos wird Tobias Grabher aber hoffentlich weiterführen. Die spezielle Programmgestaltung in Kombination mit jungen Profimusikern aus Vorarlberg machen die Veranstaltungen der Camerata Musica Reno zu einem Highlight im heimischen Kulturkalender.
Die sympathischen Pianistinnen kann man auch bald wieder hören: Hanna Bachmann als Mitglied des Schwarzenberg-Trios zum Abschluss der Schattenburgkonzerte (Mo, 25.8.) und Laurah Kasemann in einem Konzert der Chopin-Gesellschaft in der Villa Falkenhorst (So, 12.10.).