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29.03.2021 |  Ingrid Bertel

„Wie ein Erdbeben“ - In seinem neuen Buch „Der Vorübergang“ präsentiert Willibald Feinig vier sehr unterschiedliche Erzählungen

Zwei Maturanten machen Urlaub an einem italienischen Strand, und weil nichts anderes greifbar ist, mieten sie halt ein Tretboot samt Rutsche. Ein bisschen komisch und kindisch kommen sie sich schon vor, wie sie da durch die Wellen schaukeln. Und dann bricht ein Abenteuer über sie herein, das sie wirklich nicht erwartet haben. Einen Ertrinkenden ziehen sie an Bord, einen Mann, der krampfhaft sein Handy in die Höhe hält, schwach, tödlich erschöpft. In der Ferne treibt ein kenterndes Boot. Den Buben gehen die Augen über. Hunderte Menschen kämpfen im Wasser ums Überleben. „Porcheria“, schallt es ihnen am Strand entgegen, „dio santo, eine illegale Landung“. Willibald Feinig malt die Szene als verwirrendes Ineinander von Todesangst und jugendlicher Hilfsbereitschaft, Gymnasiasten-Gelehrsamkeit, Freundlichkeit und eisiger Ablehnung der Geflüchteten durch die Behörden. „Ero“ ist die letzte und mit Abstand stärkste Erzählung in Feinigs Prosaband „Der Vorübergang“.

Frau Maryams Rabbi

Im stärksten Kontrast dazu steht die titelgebende Erzählung. Es handelt sich um die biblische Geschichte zwischen dem Einzug Jesu in Jerusalem und der Auferstehung. Feinig will die Karwoche neu erzählen, er misst sich also an einem der berühmtesten Texte überhaupt. Dafür bedient er sich zweier bewährter literarischer Verfahren: Er verfremdet das Geschehen, indem er statt der geläufigen Namen die hebräischen wählt, und er erzählt das Geschehen aus der Perspektive eines Kindes.
Nun ist Literatur allerdings ein Handwerk, das seine Regeln hat. Dazu gehört zum Beispiel die Rollenprosa. Ein Kind, das von seinem Vater auf den Schultern getragen wird, sagt nicht: „An Schlaf war nicht mehr zu denken.“ Und wenn es einen schwer verletzten Menschen sieht, sagt es auch nicht: „Der Gefolterte trug einen grellroten Mantel mit gelben Streifen.“ Ein Kind ist nicht zynisch. Es hat auch nicht den umfassenden Überblick von Feinigs Figur, die das biblische Geschehen umfassend referiert und getreu katholischer Deutung einordnet. Die geübte Leserin ist also irritiert. Gehört dem Kind, der Erzählerfigur, überhaupt das Interesse des Autors oder wird es nur als Vorwand für ein Kunststück benützt? Und wenn es denn ein Kunststück in Authentizität sein soll, das der Autor uns vorführt: Hat er jemals einen Schofar gehört? Denn der „grollt“ keineswegs „wie ein Erdbeben“, er hat einen eher erbärmlichen, mickrigen Klang.
Allerdings findet sich in dieser ansonsten missglückten Erzählung ein wundervoller Satz. Er lautet: „Die Liebe hört auf, wenn man meint, man kommt zu kurz.“ Naturgemäß formuliert kein Kind einen solchen Satz – aber er ist klug, schön und richtig.

Minister Glöckel

„Lasst die Kinder zu mir kommen“, soll Jesus gesagt haben, „denn ihrer ist das Himmelreich.“ Er hatte leicht reden. Es waren ja nicht seine. Der große Reformpädagoge Otto Glöckel ging da etwas pragmatischer vor. Er war für kurze Zeit österreichischer Unterrichtsminister und dann in Wien Stadtschulrat. Er vertrat eine strikte Trennung von Kirche und Schule (ähnlich wie, Jahrhunderte zuvor, Martin von Lorenz, der kaiserliche Staatsrat unter Kaiserin Maria Theresia, geboren in Blons, der die Einführung der allgemeinen Schulpflicht durchsetzte). Feinig begleitet Glöckel auf einer Inspektionsreise im Nachkriegsjahr 1919, und dabei gelingen ihm eindrucksvolle Bilder. Humor blitzt auf, wenn in einer ehemaligen Kadettenanstalt die Disziplin umständehalber gelockert wird. Die Kapelle im Internat dient eben auch als Theater und als Turnsaal, und da darf das ewige Licht schon einmal verlöschen, sagt der Portier. „Die Erschütterung beim Ballspielen – es wär zu gefährlich. Er hantierte an einer Steckdose und brachte ein Licht zum Glimmen hinter rotem Glas.“
Eine Prise mehr von solcher Ironie – und Feinigs Erzählungen bekämen Flügel.

Ingrid Bertel ist Redakteurin des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Willibald Feinig: Der Vorübergang, Verlag Bibliothek der Provinz, Gmünd 2021, ISBN 978-3-99126-011-0

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