Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

12.04.2022 |  Severin Holzknecht

vorarlberg. ein making-of

Der durch das vorarlberg museum herausgebrachte Band „vorarlberg. ein making-of in 50 Szenen“ ist der Dauerausstellung zur Vorarlberger Landesgeschichte gewidmet. Anlässlich der bevorstehenden Umgestaltung dieses seit 2013 weitestgehend unverändert gebliebenen Teilbereichs des Museums wurde der vorliegende Band geschaffen. Rund 30 Autorinnen und Autoren waren dazu aufgerufen, verschiedenste Teilaspekte der Vorarlberger Landes- und Identitätsgeschichte zu beleuchten und in so manchem Fall althergebrachte Topoi zu dekonstruieren.

Der zweite Abschnitt handelt von den zahl- und oft auch namenlosen Männern und Frauen, die über die Jahrhunderte auf der Suche nach Arbeit aus Vorarlberg als Baumeister oder Erntehelfer fortzogen oder seit Beginn der Industrialisierung ins Land kamen, um etwa in der Textilindustrie ihr Glück zu suchen. Fatih Özceliks Bericht über die Hürden, mit denen Zuwanderinnen und Zuwanderer bisweilen zu kämpfen hatten und haben, sticht dabei besonders heraus. „Hinter jedem Namen steckt eine Geschichte“, meint Fatih Özcelik und skizziert in liebenswerter Art die Geschichte seiner Eltern.

Wer bin ich?

Die Identitätsfrage ist die sich durch den gesamten Band ziehende zentrale Frage, deren Beantwortung entsprechend einiges an Schwierigkeiten mit sich bringt. Was macht einen „ghörigen Vorarlberger“ aus? Sind solche Kategorien unveränderbar oder zeitabhängig? Die Abstammung der Vorarlberger von den Alemannen galt Generationen als unumstößliche Tatsache. Eine Tatsache, an der seit einigen Jahren jedoch gezweifelt wird. Alois Niederstätter bezieht in seinem Artikel über die „alemannische Landnahme“ eindeutig Stellung, wenn er schreibt, dass zwar auch heute noch die landläufige Zuweisung Vorarlbergs zur „schwäbisch-alemannischen“ Mundartgruppe weit verbreitet sei – auch wenn man in der Sprachwissenschaft einfach nur vom Westoberdeutschen spricht –, diese mit den Sprachformen des spätantiken Stammes der Alemannen aber nichts zu tun habe. Die Vorarlberger „Alemannentümelei“ hat heute wohl wirklich nur mehr den Charakter einer folkloristischen Absonderlichkeit.
Eine weitere Frage, die gestellt wird, ist jene nach der Rolle von Einzelpersonen in der Schaffung von Identitäten. Identifikationsfiguren sollen beim Lösen von Identitätsproblemen helfen, selbst wenn die jeweilige Vita nur lose (wie etwa bei Angelika Kauffmann) oder mittlerweile gelöste Verbindungen (wie bei Anton Schneider) mit Vorarlberg vorweist. So manch potentielle Identifikationsfigur, die nicht in das Weltbild zeitgenössischer Eliten und/oder Mehrheiten passt, wird wiederum angefeindet oder abgelehnt. Als Beispiel hierfür findet sich sowohl in der Ausstellung als auch in diesem Buch die Siegerschleife des „Mister Vorarlberg“ 1989, Mike Galeli.

Gehöre ich dazu?

Eine Frage, die sich über die Jahrhunderte vermutlich zahlreiche Menschen gestellt haben. Oft entstehen Identitäten in Abgrenzung zu anderen oder durch Überbetonung von Symbolen, wie etwa der Tracht. Die Tracht gilt nicht nur in Vorarlberg als das Symbol von Heimattümlichkeit schlechthin, auch wenn sie als politisches Symbol ihren Höhepunkt bereits während des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus hatte. Bernhard Tschofen gelangt in seinem Beitrag über die Tracht als Imageträger zu der Erkenntnis, dass es eine Vorarlberger Tracht in dem Sinne eigentlich nie gab und auch heute nicht gibt.
Renate Huber stellt in ihrem Beitrag über die unmittelbaren Nachkriegsjahre eine überaus interessante Verbindung zwischen der Besatzungszeit und der aktuellen Pandemie her und erinnert an den Anspruch des vorarlberg museums: „Verstehen, wer wir sind“. Damit wäre kein Zustand gemeint, sondern ein Prozess, „bei dem wir nicht nur nach Antworten in der Vergangenheit Ausschau halten, sondern mindestens so sehr auch fragend in die Zukunft blicken“, so Huber. Wie wird etwa die Pandemie unsere Gesellschaft verändern? Eine Frage, hinter der mit Blick auf den unlängst in Osteuropa ausgebrochenen Krieg vielleicht noch mehr Fragezeichen stehen.
Die Neugestaltung des vierten Stocks birgt Chancen für das voralberg museum, wie Gabriele Rath und Bruno Winkler in ihrem Beitrag betonen. Das Museum könnte das Informelle und Performative stärken und dabei helfen, dass hierzulande Fremdheit verstärkt akzeptiert würde. Denn „Fremdheit aufzugeben hieße, museale Grundsubstanz aufzugeben“. Der Band „vorarlberg. ein making-of in 50 Szenen“ besticht – ähnlich wie die Ausstellung selbst – durch die zahlreichen unterschiedlichen Blickpunkte sowie eine Vielzahl an Fragen und Thesen. Das macht das vorliegende Werk einerseits wertvoll für jene, die sich für Vorarlberger Landes- und Identitätsgeschichte interessieren, andererseits überfordert einen die schiere Menge an Themen bisweilen ein wenig. Nichtsdestotrotz stellt der Band einen gelungenen Abschluss im Andenken an die Dauerausstellung dar, die nun selbst Geschichte ist.

Markus Barnay, Andreas Rudigier (Hg.): vorarlberg. ein making-of in 50 Szenen, transcript Verlag, Bielefeld 2022, 314 Seiten, ISBN 978-3-8376-6388-4, € 30 (erhältlich ab Mitte April)
Buchpräsentation Anfang Mai

www.vorarlbergmuseum.at

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Vorarlberg ein Making-Of-Cover NEU.jpg