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03.05.2011 |  Ingrid Bertel

Türkenbelagerung – Duygu Özkans Buch österreichische Vorurteile über Türken

Der Titel ist provokant und verdankt sich dem ehemaligen St. Pöltner Bischof Kurt Krenn. Aber anders als der durchgeknallte Kleriker ist das Buch völlig sachlich, bisweilen von ironischer Distanz geprägt, vor allem aber bemüht darum, die Entstehung des in Österreich so negativ geprägten Türkenbildes nachzuvollziehen und – wenn möglich - zu ändern. Die gebürtige Vorarlbergerin Duygu Özkan liefert mit „Türkenbelagerung“ wertvolle Impulse zur Integrations-Debatte.

Der Titel ist provokant und verdankt sich dem ehemaligen St. Pöltner Bischof Kurt Krenn. Aber anders als der durchgeknallte Kleriker ist das Buch völlig sachlich, bisweilen von ironischer Distanz geprägt, vor allem aber bemüht darum, die Entstehung des in Österreich so negativ geprägten Türkenbildes nachzuvollziehen und – wenn möglich - zu ändern. Die gebürtige Vorarlbergerin Duygu Özkan liefert mit „Türkenbelagerung“ wertvolle Impulse zur Integrations-Debatte.

„Nicht für Kinder ist der Türkentrank,
schwächt die Nerven, macht dich blass und krank.
Sei doch kein Muselmann,
der ihn nicht lassen kann!“

So heißt es in einem bekannten Kanon, und ein Schelm, wer daran denkt, wenn er das Cover von „Türkenbelagerung“ sieht – eine gute Hand voll ausgestreuter Kaffeebohnen. Dabei waren es gar nicht die Türken, die den Kaffee nach Österreich brachten – sie lieferten nur die Bohnen. Die Armenier kreierten das Getränk, und ein italienischer Kapuziner namens Marco d’Aviano zeichnet verantwortlich für den (nach den Kapuzinern benannten) Cappucchino. D’Aviano war Seelsorger und Vertrauensperson des Kaisers während der zweiten Türkenbelagerung (1683), ein Hassprediger. Dass ihn Papst Johannes Paul II. während seines Österreich-Besuchs 1998 selig sprechen ließ, ist nicht unbedingt als freundliche Geste gegenüber den in Österreich lebenden MigrantInnen aus der Türkei zu sehen. Wie bewusst sind solche Akte?

Mär vom grausamen Mann aus dem Morgenland

„Der böse Hatschi Bratschi heißt er,
Und kleine Kinder fängt und beißt er.“

Mit diesen Versen, die jedes österreichische Kind einmal gelesen hat, eröffnet Duygu Özkan ihr Buch, denn der böse Ballonfahrer aus dem „Morgenland“ erfüllt sämtliche Klischees für jene, die das „Abendland in Christenhand“ gefährdet sehen. Sein Name verweist auf die Haddsch, die Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka. Sein Versuch einer Kindesentführung verweist auf die „Knabenlese“, mit der christliche Buben für das osmanische Heer rekrutiert wurden.
Das Kinderbuch Gintzkeys erschien 1904 und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit; die Türkenbelagerungen allerdings lagen schon beim Erscheinen des Buches Jahrhunderte zurück. Warum konnte sich die Mär vom grausamen Mann aus dem Morgenland so lange halten? Welche Interessen, welche Verwerfungen, wie viel Realität stecken hinter diesem Bild, das Kinder immer noch erschreckt?
Der Mythos vom „Sieg der Christenheit über den Islam“ war für den aufstrebenden politischen Katholizismus im ausgehenden 19. Jahrhundert zentral. Und er wurde darüber hinaus genährt und gepflegt, auch dann, so Duygu Özkan, „wenn weit und breit keine Osmanen zu sehen waren und die einstige Gefahr aus dem Osten real nicht mehr existierte.“

„Kruzitürken“

Was die FPÖ gestern und heute plakatiert, ist seit jeher von vorgestern – und gerade deshalb tief im österreichischen Gemüt verankert. Das beginnt mit der Ersten Wiener Türkenbelagerung 1529, es zieht sich durch die Konflikte zweier multireligiöser und multiethnischer Reiche - nämlich des osmanischen und des Habsburger-Reichs. Es bedeutet den Aufstieg des Hauses Habsburg, den Niedergang der „Goldenen Pforte“ und den Steinbruch der Vorurteile für die kommenden politischen Parteien. Die umkämpften Gebiete befinden sich in Polen und Ungarn, die umkämpften Religionen sind der Islam in seinen vielen Facetten ebenso wie die auseinander brechende Christenheit. „Kruzitürken“ ist das Schimpfwort, das so entstand – eine Zusammenziehung aus „Kuruzzen“ - den protestantischen, anti-habsburgischen Rebellen – und Türken, „eine Zusammenfassung beider Feinde der Habsburger in einem Wort“, wie Özkan schreibt. Dabei waren die Heere auf beiden Seiten ziemlich multikulti und setzten sich aus Tataren, Rumänen, Serben, Bulgaren, Skipetaren, Bosniaken, Magyaren, Mazedoniern, Armeniern und so weiter zusammen.

„Dös san Bundesgenossen! Holts es ein und singt’s den Prinz Eugen!“

In „Die letzten Tage der Menschheit“ hat Karl Kraus auch eine bitterböse Karikatur österreichischer Niedertracht gegen die im Ersten Weltkrieg plötzlich zu „Bundesgenossen“ gewordenen Türken aufgezeichnet. Die Doppelmonarchie war ein Nutznießer des „kranken Mannes am Bosporus“, schreibt Duygu Özkan. „Auch die oftmals als vorbildlich dargestellte Tatsache, dass der Islam 1912 in Österreich eine anerkannte Religionsgemeinschaft wurde, war nicht die Folge einer Annäherung, sondern vielmehr die Folge des letzten Ausgreifens des habsburgischen Imperiums auf Kosten seines osmanischen Konkurrenten.“

Mozart, Apfelstrudel und Kaffee

Aber da war der Orient schon die längste Zeit hip, und wer als Feschak gelten wollte, hatte ein „türkisches Zimmer“, in dem er Wasserpfeife rauchte, auf bunten Kissen liegend, und sich nebst Apfelstrudel und Kaffee ein Stückerl Mozart zu Gemüt führte – ob „alla turca“ oder „Entführung aus dem Serail“. Ein portugiesischer Jude, Diego d’Aguilar, hatte die Anerkennung der türkischen Community in Wien durchgesetzt – und sehr viel später komponierte ein Sohn des Hohenemser Juden Salomon Sulzer sogar eine türkische Nationalhymne – die Noten sind derzeit in der Ausstellung „Die Türken in Wien“ im Jüdischen Museum Hohenems zu sehen. Sogar der Apfelstrudel, so Duygu Özkan, geht letztlich auf türkisch-sephardischen Einfluss zurück.
„Zwei Türkenbelagerungen waren schon, die dritte haben wir jetzt. Jetzt geht es halt auf einem anderen Weg.“ Mit diesen Worten schlug der ehemalige Bischof von St. Pölten, Kurt Krenn, in eine Kerbe, die seither von Strache & Co vertieft wird. Warum konnte sich dieses primitive Vorurteilsmuster noch einmal durchsetzen? Özkan verweist vor allem darauf, dass die türkische Community alles eher als homogen ist. Da treffen die ehemaligen „Gastarbeiter“ auf politische Flüchtlinge nach dem Putsch von General Kenan Evren 1980, da treffen die „grauen Wölfe“ auf die maoistische „PKK“, „Milli Görüs“ (nationale Sicht) auf die alevitische Kulturgemeinschaft, treffen Türken auf Kurden. „Ein kurdisch-österreichischer Unternehmer hatte die Idee, ‚kurdisches Bier‘ zu vermarkten. Das Logo des Getränks ist in den Farben rot-grün gehalten – die Farben der kurdischen Flagge – und der Slogan ‘Ein Schluck Freiheit‘ sollte offenbar bewusst an die Unterdrückung der Kurden in der Türkei erinnern. (…) Als das Bier auch in die Türkei exportiert werden sollte, eskalierte der Streit. In der türkischen Niederlassung von ‚Roj Bier‘ wurden die Mitarbeiter verhaftet und verhört.“

Die Gretchenfrage

Und dann die Subsumierung alles „Fremden“ in Österreich auf zwei Begriffe: Minarett und Kopftuch. Özkan löst die Gretchenfrage „Wie hast Du’s mit der Religion?“ auf denkbar coole Weise: sie nimmt das umstrittene Interview des türkischen Botschafters Kadri Ecvet Tezcan vom November 2010 Satz für Satz auseinander, analysiert, erklärt. Die dritte Generation der Migranten ist endgültig im Hier und Jetzt angekommen. Das kann von der österreichischen Politik nur behaupten, wer sich blind vor Optimismus stellt.


Özkan, Duygu, Türkenbelagerung, Metroverlag, Wien 2011, 176 Seiten, ISBN 978-3-99300-027-1, ca. 19,90 €

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