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23.11.2011 |  Ingrid Bertel

Tiefgang mit den Buddies – Ein Bildband über den Alten Rhein von Reinold Amann und Günther Ladstätter

Der Fotograf Reinold Amann und der Autor Günther Ladstätter erkunden das Phänomen der Grenze, indem sie ins Grenzenlose eintauchen: am Alten Rhein. Sie sind Freunde, die sich blind aufeinander verlassen können, Buddies eben. Sie haben ein gemeinsames Forschungsgelände – den Alten Rhein – und eine gemeinsame Leidenschaft: Sie suchen das Kleine, Verborgene, Unbekannte unter der Oberfläche eines seltsam gewachsenen Paradieses.

Das Biotop des Alten Rheins existiert erst seit einem massiven ökologischen Eingriff, dem Durchstich im Jahr 1900, der aus dem einst wildesten Alpenfluss zumindest zwischen Altach und Lustenau ein… nun ja, was denn eigentlich macht? Ist es See, Flussarm oder Aulandschaft? Auf jeden Fall erzählt der Alte Rhein von Grenzüberschreitungen.

Grenzerträge

Ihnen widmet sich dieser Bildband in fünf Kapiteln. Die beiden Freunde tauchen ein in die dichte Durchsichtigkeit des Wassers, in sein rätselhaftes Grün. Sie begegnen den sprachlosen Geschöpfen – scheuen Schleien, dunklen Aalen, unablässig wachsenden Welsen, raffinierten Seerosen und den Bisamratten, die sich vorzüglich an Teichmuscheln delektieren. Oder den Hechten mit ihren spitzen, nach innen gebogenen Zähnen und der anmutigen Zeichnung der Flossen. Feuerrot blitzt eine Wassermilbe auf einem Blatt auf. Ein „schleimig aussehender Überzug auf einem Altholzstück drei Meter unter Wasser“ entpuppt sich in Makroaufnahmen (und nach ausführlicher Internet-Recherche) als Kolonie von Moostierchen. Erkenntnis: Die sind eben nicht nur Meeresbewohner.

Die Geheimnisse des Alten Rheins

Reinold Amann schärft die Optik – und sein Gespür für Grafik, Farbe, aber auch den Witz einer Inszenierung ist phänomenal. Günther Ladstätter erzählt die Geschichten – zurückhaltend, informiert, inspirierend. So kooperieren die Buddies auch, wenn es etwa um die Libellen geht, die ihre Eier in Seerosenstängel legen. Fotografieren lassen sich die wilden Luftwesen nicht so gern. Und dann: welche Art? Klar wird recherchiert, aber ohne Verbissenheit. Lieber lassen die beiden dem Rhein seine Geheimnisse, schauen, staunen, hören zu.

Grenzflächen

Denn der Alte Rhein ist nicht nur Biotop, er ist auch seit jeher Soziotop. Die Schmugglergeschichten handeln davon, die Fluchtgeschichten aus der NS-Zeit – und das, was die Schrebergärtner heute erzählen. Colic reiht sich hier an Spasojevic, Nägele an Mourkiozis, Öztürk an Wäger. Was diese Menschen miteinander verbindet, ist mehr als Freundlichkeit und das Gedeihen von Peperoni und Bohnen.
Tragfähige Freundschaften sind es, berichtet Anni Mathis, die seit 1958 ihren Schrebergarten in Hohenems bewirtschaftet (und im Winter ihre Freunde vermisst). Die Fischer? Ja klar, man kenne sich. Irgendwie. Und „die Jungen“ auch, die hier baden und sich verlieben, den Sommer verplaudern und ein Wasserpfeifchen rauchen. Und den Hobbypiraten kennen sowieso alle. Er singt hier seinen Blues und ist der leidenschaftlichste Fan der „Costa del Rhi“, Walter Batruel.

Junge Liebe am Alten Rhein

Den freundlichen Geist der Schrebergärtner und Fischer teilen die Buddies. Das Freiheitsbedürfnis der Jugendlichen und die Konsumwilligkeit der Erwachsenen sehen sie mit leiser Ironie und sehr viel Großzügigkeit. Ein Gasthaustisch unter Wasser? Reinold Amann inszeniert eine Geisterrunde. Eine schlammüberzogene Sonnenbrille? Sieht doch aus wie der Anfang eines Märchens. Und großherzig betrachtet auch Günther Ladstätter die Wünsche der Fischer und Taucher, der Jogger und Kioskgäste, der Schlittschuhläufer und Grenzwärter, der Radfahrer, Fußgänger, Tretbootverleiher. Aber, so meint Ladstätter: „Es gilt der Paradieserhaltungssatz: Mit Augenmaß und Weitblick dazuschauen, dass bleibt, was gut ist, oder verbessert wird, was dessen bedarf.“ Und Buddy Reinold Amann formuliert es poetisch: „glänzende perlen/erinnern mich/dass mein atem/dem wasser/entspringt.“  

 

Reinold Amann, Günther Ladstätter, Alter Rhein. Bibliothek der Provinz, Weitra 2011, 160 Seiten, € 34,00, ISBN 978-3-902416-84-1

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