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10.10.2021 |  Peter Niedermair

Sarah Kuratle: „Greta und Jannis“

Ein Roman als träumende Phantasie Sarah Kuratles „Greta und Jannis. Vor acht oder in einhundert Jahren“ ist ein faszinierender Roman, wie ich schon lange keinen mehr gelesen habe. Er spielt mit bezaubernder, zuweilen tragischer Magie, und erzählt sprachlich lyrisch-zart eine berührend intime Geschichte, surreal wie Hänsel und Gretel. „Greta und Jannis“ spürt ohne zeitliches und geografisch verortbares Koordinatensystem in rhythmisch-melodischen Sprachbildern, ohne dass ein Wort zufällig oder zu viel wäre, wie bei Kafka, den Fragen vom Leben und Lieben nach. Die Protagonist:innen des bei Otto Müller im August erschienen Debütromans „Greta und Jannis“ waren Nachbarskinder. Er fragt sie zögernd und schüchtern eigentlich, ob er denn ihr Bruder sein dürfe. Sie ist einverstanden. Später, einige Jahre später, küsst sie ihn auf den Mund. Die beiden verlieben sich, als wäre es naturgewollt, dennoch dürfen sie kein Liebespaar sein. Zwischen den beiden, hinter ihren Familien, liegt ein großes Geheimnis, wie ein Geröllfeld, das sich sehr bald zu einem Gebirgszug entwickelt.

Jannis bleibt in der Stadt, während Greta sich in das hinterste Dorf im Gebirge zurückzieht. Dort ist vieles anders. Die Kinder, die sie mit ihrer Großtante Severine umsorgt, wurden ausgesetzt, ihnen mangelte es an Kraft und Ausdruck. Täglich schimpft Severine über die Väter und schweigt über die Mütter: „Hast du Gott heute schon gedankt, dass du keinen Mann hast?“ „Nein, aber ich werde es noch machen“, antwortet Greta dann und sagt nicht, wohin sie für Tage, mehr noch für die Nächte durchs Gebirge reist.

Ein dichtes, vielstimmiges Netz aus Anspielungen und Zitaten

„Wenn sie seitlich liegt, hochrutscht, passt Jannis‘ Kopf genau zwischen ihre Brust und ihre Hüfte. Vom Bett wären es bloß ein paar Schritte, bis sie beide in wilder Minze lägen, die Decke feucht, frei ihre Nacht. Von seinen Wangen mohnrot bis zu seinen Schläfen hinauf wüchse Minze um ihre Nasen, von der Hütte Licht, ihre Nacht nackt, unter ihren Händen warm. Schläfst du, Jannis. Seine Stimme verschlafen, nein, ich bin wach, Greta, er stützt sich auf seine Ellbogen, schaut ihr mit verzwickten Augen ins Gesicht, du hast Brösel in den Mundwinkeln. Greta lächelt, das ist nicht dein Ernst, der ganze Regen habe sicher alle Brotbrösel auf den Waldweg geschwemmt, in die Bäche gespült, aber stimmt, in beiden Mundwinkeln habe ich den Rest vom Fest gestern. Wenn er sie schon so mustere, so früh am Morgen, ob er dann auch sehen könne, wo ihre Verliebtheit sitzt. Nach kurzem Zögern, in den Fältchen um die Augen, sie seien nicht immer da, aber jetzt, da ist sie. Greta fragt, ob es einmal so bleibt, die Fältchen irgendwann immer so bleiben, sie kommt dann Jannis‘ Antwort zuvor, aber dafür sind wir noch zu jung.“ (S. 56)


In langsamen, sprachlich wie textkompositorisch verschachtelten komplexen Strukturen und nachdenklichen Episoden erzählt der Roman im dauernden Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart von ihrer Kindheit, ihrer Jugend und ihrer Gegenwart. Im Zentrum stehen immer beide, dennoch sind sie von anderen Personen umgeben, ihren Familien, dem geheimnisvollen Nachbarn Cornelius und der sehr präsenten gewaltigen Natur, die wie eine eigenständige mächtige Protagonistin in Form von Feuervögeln, Steinböcken und Goldäpfeln in Erscheinung tritt.
Der poetische Stil des Romans fließt mäandernd in sanfter, außergewöhnlich zarter, ästhetischer Sprache, manchmal elliptisch-kataraktisch voller sensibler Schönheit und Leichtigkeit, aber auch eingebettet in Tragik und Verzweiflung, bis hin zur Erschütterung, wenn das Unaussprechliche realisiert wird. Die wörtliche Rede in Kursivdruck ist in den normalen Satzbau integriert. Mensch und Natur sind nicht romantisiert oder romantisierend verkitscht verbunden, vielmehr schweben sie in poetischen Metaphern miteinander, scheinen Raum und Zeit aufzuheben.

Literarische Überschreitungen der Wirklichkeit

„Schwarz watet der Vogel zwischen den breiten, blassgrünen Blättern der Pestwurz dicht überm Boden, als wandle er durch einen Kleeteich. Er breitet seine Flügel aus, als wollte er als Blatt getarnt silbrige Fische aus der Erde fangen. Was denn Greta in ihrer Tasche trage, fragt Jannis, es sehe schwer aus, bedrückend. Zögerlich zieht sie die Flasche Apfelschnaps hervor, verwundert will er sie öffnen, probieren. Das geht nicht, es ist ein Hochzeitsgeschenk für das Paar, wehrt Greta ab und hört Mutters Worte widerhallen, vielleicht möchtest du ein Schlückchen auch mit Jannis trinken. Zittrig zwischen ihren und seinen Händen wandert in der Dämmerung die Schnapsflasche wie eine Zigarette von seinem zu ihrem, zu seinem Mund, da hält Greta sie fest, bloß ein Schlückchen, Jannis, das war schon mehr als genug.  Um sie herum wird es dunkel im Wald. Steig auf meine Füße, sagt Jannis, auf seinen Sohlen waten sie trunken ins Dickicht, sind von Grund auf einander nah.“  (S. 156 und 157)


Die Liebesgeschichte, die Sarah Kuratle erzählt, wird über ihre Protagonisten hinausweisend zu einer Liebeserklärung: an die Literatur, die Bilder, die Musik, das Leben, die Liebe selbst. Nach ihren literarischen Traditionen bzw. Vorbildern befragt, erzählt sie gegenüber KULTUR, es seien einzelne Werke oder Passagen in Werken, mit Dramatik, sinnlichem Spiel, Details, Märchen und Sentiment: „Pelléas und Mélisande“ von Maurice Maeterlinck, „Mein Herz“ von Else Lasker-Schüler, die „Haibun“ von Matsuo Bashô, „was brauchst du“ – Lyrik von Friederike Mayröcker, „Gram“ von Anton Tschechow, „Der goldne Topf“ von E. T. A. Hoffmann.
Die Schriftstellerin ist 1989 in Bad Ischl geboren; aufgewachsen dies- und jenseits der österreichisch-schweizerischen Grenze und in beiden Ländern daheim. Sarah Kuratle lebt in Vorarlberg, studierte Germanistik und Philosophie. Ihre Erzählungen und Gedichte erschienen in den Literaturzeitschriften „manuskripte“, „wespennest“ und „Die Rampe“.

Sarah Kuratle: Greta und Jannis. Vor acht oder in einhundert Jahren. Otto Müller Verlag, Salzburg 2021, 232 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-7013-1288-7, € 22 / E-Book: € 18

Sarah Kuratle spürt in ihrem Debütroman ohne zeitliches und geografisch verortbares Koordinatensystem in rhythmisch-melodischen Sprachbildern den Fragen vom Leben und Lieben nach © privat

Sarah Kuratle spürt in ihrem Debütroman ohne zeitliches und geografisch verortbares Koordinatensystem in rhythmisch-melodischen Sprachbildern den Fragen vom Leben und Lieben nach © privat

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