Alexander Moosbrugger (rechts) und seine Orgelinstallation bei der Schlossmediale Werdenberg. © Schlossmediale
Severin Holzknecht · 01. Feb 2022 · Literatur

Nationalsozialismus erinnern

Kürzlich erschien der lang erwartete und durch den Bregenzer Stadtarchivar Thomas Klagian redaktionell begleitete zweite Band der Bregenzer Schriften zur Stadtkunde unter dem Titel „Nationalsozialismus erinnern“. Kurz vorne weg genommen: Das Buch überrascht durch einen anregend unkonventionellen Zugang zur Thematik.

Die Vernichtung von „unwertem“ Leben

Gernot Kiermayr-Egger und Werner Schelling widmen sich in ihren Beiträgen den Bregenzer Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung im Rahmen der NS-Euthanasie. Während Kiermayr-Egger auf akribische Art und Weise die verschiedenen Stufen der Identifikation, Aussonderung und Vernichtung sogenannter „Asozialer“, „Kranker“ oder „Devianter“ nachzeichnet, widmet sich Schelling fünf Einzelschicksalen, wie jenem von Karin Fleisch, die in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren im Alter von drei Jahren durch deren Leiter Valentin Faltlhauser zu Tode gebracht wurde. Faltlhauser lässt einen bisweilen ratlos zurück, wird er doch gleichzeitig als durchaus einfühlsamer Arzt beschrieben, der gleichzeitig keine Skrupel hatte, zwischen 1.200 und 1.600 Menschen zu Tode zu bringen, darunter rund 210 Kinder. Gernot Kiermayr-Eggers und Werner Schellings Beiträge sind bedrückend, berührend und wichtig für Bregenz und die Region, denn sie tragen ihren Teil dazu bei, diesen über viele Jahrzehnte als Tabu behandelten Aspekt der NS-Verbrechen zu beleuchten.

Erinnerungskultur in Vorarlberg

Victoria Kumar skizziert in ihrer Abhandlung anhand einiger Beispiele, wie der Kontroverse um das Kriegerdenkmal im Silbertal, die veränderte Rolle von Gedenk- und Erinnerungskultur in Vorarlberg. Sie wagt zudem einen Ausblick in die Zukunft der Erinnerungsarbeit, die sich unter anderem an die technologischen Veränderungen anpassen muss, will sie denn auch in kommenden Jahrzehnten von den Menschen an- und wahrgenommen werden. Werner Bundschuh beschreibt in seinem Beitrag wiederum den Entstehungsprozess des Widerstandsmahnmals am Bregenzer Sparkassenplatz von der Anbringung einer Gedenktafel für die damals bekannten 16 Bregenzer NS-Opfer an der Seekapelle 1988, über die Diskussionen über ein Deserteursdenkmal um die Jahrtausendwende bis hin zur Einweihung des Widerstandsmahnmals im Herbst 2015. Kumars und Bundschuhs Beiträge veranschaulichen auf gut nachvollziehbare Art und Weise, wie Erinnerungsarbeit in der Vergangenheit sein konnte, in der Gegenwart ist und in Zukunft sein muss, soll sie denn relevant bleiben.
Werner Dreier hingegen widmet sich dem Schweizer Diplomaten Carl Lutz, der in seiner Funktion als Schweizer Vizekonsul in Budapest in den Jahren 1944/45 zehntausende Jüdinnen und Juden vor dem sicheren Tod in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern bewahrte und zwischen 1954 und 1961 in Bregenz als Schweizer Konsul stationiert war. Die Stadt Bregenz ehrte Lutz im Jahr 2020 mit der Benennung eines Weges nach ihm – ein Pfad, der allerdings keine Hausnummern vorweist. Dreier stellt die berechtigte Frage, ob das Gedenken an Lutz für die Stadt nicht auch heute noch Ansporn sein könnte, mehr zu tun. Könnte sie etwa Jugendbegegnungen mit der Partnerstadt Akko bei Haifa organisieren und so die trockene und bisweilen ritualisierte Erinnerungsarbeit mit Leben füllen?
Ein Anspruch, dem die Johann-August-Malin-Gesellschaft seit bald 40 Jahren zu entsprechen versucht. Werner Bundschuh fasst in seinem zweiten, stellenweise durchaus distanziert-ironisch gehaltenen Beitrag die Entwicklung der Malin-Gesellschaft von einer Gruppe durch die alteingesessenen Eliten angefeindeten „Nichtwissenschaftlern“ – wie sich etwa der deutschnational-katholische Völkerrechtler Theodor Veiter despektierlich auszudrücken beliebte – hin zu einem anerkannten und geschätzten Faktor im Bereich der Vorarlberger Lokal- und Regionalgeschichte zusammen. Bundschuhs Ausführungen zeigen, dass die Malin-Gesellschaft sich in all den Jahren nicht nur auf den theoretischen Diskurs mittels Publikationen beschränkte, sondern bisweilen auch Aktionen setzte und dadurch den Finger in Wunden legte, die manch einer gerne einfach ignoriert hätte. Eine Leistung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Verfolgung und Widerstand in Bregenz

Meinrad Pichler steuerte für den Band ebenfalls drei kurze Beiträge bei. Im ersten Text beschreibt Pichler die Entwicklung des Gefangenenhauses in der Bregenzer Oberstadt bis in die Zeit des NS-Regimes hinein, als das Gefängnis für meist wenige Tage Zwischenstation für insgesamt rund 7.000 Gefangene war, bevor sie teils in andere Gefängnisse oder in Konzentrationslager verlegt wurden. Er zeichnet ein eindrückliches Bild von Korruption, Misswirtschaft und Misshandlung. In seinem zweiten Artikel beschäftigt sich Pichler mit einem relativ unbekannten Thema: Dem Anwerbezentrum für Schweizer SS-Freiwillige in Bregenz, dem sogenannten „Planetta-Heim“, in dem bis Ende 1944 eine unbekannte Anzahl Schweizer und liechtensteinischer Freiwilliger für den Kampf gegen „internationalen Bolschewismus“ verpflichtet wurde. In seinem dritten Beitrag liefert Pichler eine Zusammenstellung der Bregenzer NS-Opfer, die durch die Nationalsozialisten ermordet oder in den Konzentrationslagern gequält wurden. Pichlers Texte ergänzen im Kleinen die im Großen und Ganzen bereits vergleichsweise gut aufgearbeitete Geschichte des nationalsozialistischen Bregenz und Vorarlberg.

Nationalsozialismus erinnern

Der Band entspricht nicht unbedingt dem, was sich der Verfasser dieser Rezension im Vorfeld erwartet hatte. Es handelt sich bei dieser Publikation auf keinen Fall um eine 08/15-Veröffentlichung. Der vorliegende Band besticht nicht nur durch eine ästhetisch ausgesprochen hochwertige Aufmachung sowie eine erfrischende Mischung von klassisch historiographischen Texten zu bisher wenig bis gar nicht behandelten Themen und Abhandlungen zur Vorarlberger Gedenkkultur und Erinnerungsarbeit. Durch diese Vielseitigkeit wird ein breites Publikum auf seine Kosten kommen. Der zweite Band der Bregenzer Schriften zur Stadtkunde ist gelungen und nicht nur für Bregenzerinnen und Bregenzer lesenswert.

Bregenzer Stadtkunde: Nationalsozialismus erinnern,
hg. v. Thomas Klagian, Stadt Bregenz, 2021, 280 Seiten, € 18
erhältlich in den Bregenzer Buchhandlungen