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01.04.2020 |  Annette Raschner

Liebenswürdiger Kauz, sehnsuchtsvolle Lichtgestalten und die Brise der Veränderung

Der Vorarlberger Schriftsteller Wolfgang Hermann hat seine Kindheit und Jugend in Dornbirn verbracht. Die Ferientage genoss er großteils auf dem Bödele. Für die Ausstellung „Wem gehört das Bödele?“ im Stadtmuseum Dornbirn und im Angelika Kauffmann Museum Schwarzenberg hat Wolfgang Hermann eine seiner Schubladen geöffnet und eine Erzählung mit dem Titel „Walter oder die ganze Welt“ hervorgeholt. Sie ist unlängst im Limbus Verlag erschienen und den Gefährtinnen und Gefährten von damals sowie seinem Sohn Felix gewidmet.

Dornbirn und das Bödele

Die Kleinstadt Dornbirn und das Bödele. Sie empfand Wolfgang Hermann in den 1970er Jahren als krasses Gegensatzpaar. „Die Umgebung, die Schule, das Elternhaus, das war alles eng für mich. Das Bödele hingegen bedeutete Freiheit und eine wunderbare andere, offene Welt!“
In der so genannten Ferienkolonie auf dem Bödele waren unzählige Kinder und Jugendliche untergebracht, mit denen sich der Heranwachsende anfreunden konnte. Schon das lange Schlusskapitel seines Romans „Fliehende Landschaft“ lässt Wolfgang Hermann auf dem Bödele spielen. Jetzt ist es primär Schauplatz der Kommune „Lichtfest“, deren Mitglieder – Aussteiger*innen und Selbstversorger*innen vorwiegend aus besserem Hause – einst den Ideen der Bhagavad Gita nachhingen, teilweise aber auch Drogenexzesse zelebrierten. Die Hütte war im Besitz eines reichen Dornbirner Fabrikanten; der Sohn war Mitglied der Kommune, die sich nach einem Brand des Gebäudes auflöste. Wolfgang Hermann besuchte sie als Jugendlicher wenige Male und war dabei vor allem von einem jungen Mann beeindruckt, dem er in der Erzählung den Namen Andreas gegeben hat. Ihn und seine Kommunenkollegen sucht Walter, die Hauptfigur, eines Tages auf.
„Die Luft war wie aus einem festen Stück, Walter hatte das Gefühl, als tauche er darin ein wie in schweres Wasser. Sein rot-weiß kariertes Berghemd leuchtete fremd in diesem indischen Ashram. Als Walters Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er auf dem Sofa, auf dem Boden, in jeder Ecke, auf jedem Polster eine menschliche Gestalt liegen. Eine der Gestalten hob langsam seine Hand zum Gruß, ließ sie müde wieder auf einen langgestreckt liegenden Hund sinken, der aus reinem Gold gegossen schien. In dieser Hand sah Walter eine kleine Pfeife, kaum größer als ein Füllfederhalter.“
Walter ist Stadtpolizist in Dornbirn und versteht es wie kein anderer, den Verkehr zu dirigieren. Mit heiligem Ernst versucht er nichts weniger als die innere Ordnung der Stadt aufrechtzuerhalten. Als Repräsentant der alten Ordnung betrachtet er Neuerungen mit Argwohn; auf die ist aber Verlass, seit immer noch mehr Zuwanderer nach Dornbirn kommen. Im 19. Jahrhundert die „fremdhäßigen“ Trentiner für den Bau des Arlbergtunnels, später die Türken und trinkfeste junge Burschen aus Kärnten und der Steiermark.
„Und so kam die nächste Welle an Fremden, Welle für Welle, junge kräftige Männer, die hinter Webmaschinen, in Bleichereien, in Baubaracken, Tunnels und an Drehbänken schufteten. Junge Männer, die die Stadt zum Vibrieren brachten. Und das Geld floss, mochten die Männer auch fremde und noch fremdere Kleider und Gebräuche mitbringen. Das Geld floss. Die Ordnung hatte Bestand. Dafür sorgten die Landesväter, dafür sorgte der Pfarrer, und dafür sorgte, viele Jahre später, Walter an seinem Fenster, und nicht nur an seinem Fenster.“

Zeitportrait der „verlorenen Zwischengeneration“

Die mit Humor und Ironie angereicherte Erzählung von den Irrungen und Wirrungen Walters, des Stadtpolizisten, bei dessen Charakterschilderung Wolfgang Hermann auf ein reales Vorbild zurückgreifen konnte, bildet lediglich den Rahmen für ein aufschlussreiches Zeitportrait der 1970er Jahre in Dornbirn, das die Tristesse und Hoffnungslosigkeit der damals jungen Generation wiedergibt, die der Autor heute als verlorene Zwischengeneration bezeichnet. Die Lehrer seien nach wie vor autoritär gewesen, und der Geschichtsunterricht habe faktisch mit dem ersten Weltkrieg geendet. „Man hat grade noch gehört, dass 1955 der letzte Besatzungssoldat Österreich verlassen hat.“ Aus fast allem habe die verschwiegene und nicht aufgearbeitete Zeit des Nationalsozialismus geatmet. „Was da passiert ist, lag als Stimmung immer noch in der Luft. Ich wollte zeigen, dass dies auf den Schultern vieler lag. Auch auf denen, die dann in ihre Indienfantasien abgedriftet sind.“
Wolfgang Hermann lässt die wichtigsten Entwicklungen vor den 1970ern in einer Art Zeitraffer Revue passieren, um schließlich – gegen Ende – im Konjunktiv zu berichten, was aus jenen wurde, die nicht von dieser Welt sein wollten; wie Govinda, Andreas oder Luna: „Govinda und Andreas würden gemeinsam nach Indien aufbrechen, um dort Flöte zu spielen und bei den Brahmanen zu sitzen. Jonny würde in Mexiko den Weg des Mescalin gehen, im Frühjahr zurückkehren, ein Motorrad kaufen. Und dann tun, was er geplant hatte: verschwinden und eine Woche später in einer Hütte im Ebnit an einem Seil gefunden werden.“
Die pure Ausweglosigkeit, mit der sich die Vertreter der „verlorenen Zwischengeneration“ konfrontiert sahen; sie schildert Wolfgang Hermann in leichtem, beinahe beschwingtem Ton. Seit er sich selbst Anfang der 2000er Jahre in einer schier ausweglosen Lage befunden habe, habe er für sich die Komik in der Literatur entdeckt, sagt Wolfgang Hermann. „Ich habe damals eine Serie von Geschichten begonnen, die ich ‚Theorien vom Leben‘ genannt habe. Das meiste ist unveröffentlicht geblieben. Dann war plötzlich der Faustini da. Er ist mein Begleiter geworden. Er hat mich gerettet!“
In seiner Kauzigkeit und Eigenbrötlerei, aber auch in seiner Liebenswürdigkeit erinnert Walter durchaus an Herrn Faustini. Er liebe den Wechsel der Töne, sagt Wolfgang Hermann und erzählt von einem neuen Buch, das die andere Seite in ihm verdeutliche: „Der Garten der Zeit“, ein Band mit stark verdichteten Prosaminiaturen, knüpfe an seine ersten Bücher an und soll in naher Zukunft erscheinen. Die Herangehensweise sei allerdings stets die gleiche: „Ich entwerfe nichts, sondern reihe Satz an Satz. Nur so können die Figuren ihr Eigenleben entwickeln.“

Annette Raschner ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Wolfgang Hermann: Walter oder die ganze Welt, Limbus Verlag, Innsbruck 2020, 96 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-99039-167-9, € 15
Buchpräsentation im Rahmen der Ausstellung „Wem gehört das Bödele?“: 23.4., 19 Uhr, Stadtbibliothek Dornbirn

 

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