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25.12.2020 |  Peter Füssl

Freiheit der Kunst zu Weihnachten: „leider zu heikel“ – der Vorarlberger Kulturpreisträger 2020 Amos Postner durfte seine Kurzgeschichte „Kaffeehaussuche“ im Rahmen der Weihnachtsfeier des Landes Vorarlberg nicht vortragen

Wenn der Betreff eines Mails „Freiheit der Kunst zu Weihnachten: ‚leider zu heikel‘“ lautet, wird man natürlich hellhörig. So übertitelte Amos Postner, der erst kürzlich mit dem Vorarlberger Kulturpreis 2020 in der Kategorie Hörspiel ausgezeichnet wurde, seine Anfrage an uns, ob wir jenen Text veröffentlichten wollen, der von der Kommunikationsberatung des Landes Vorarlberg als „zu heikel“ für die online abgehaltene Weihnachtsfeier des Landes Vorarlberg abgelehnt worden war. Natürlich wollen wir, zumal wir uns angesichts der Lektüre schon wundern, was alles nicht möglich ist, bzw. was man sich auch von einem frischgebackenen Kulturpreisträger nicht anhören möchte. Im Folgenden nun die Kurzgeschichte „Kaffeehaussuche“ und der die Rahmenbedingungen erhellende Begleittext dazu von Amos Postner.

Ursprünglich hätte ich in diesem Jahr im Rahmen der Weihnachtsfeier des Landes Vorarlberg lesen sollen. Nachfolgende Kurzgeschichte habe ich dafür ausgesucht und an die ausrichtende Kommunikationsberatung geschickt. Diese antwortete mir am Vorabend der Veranstaltung, der Text sei „sehr politisch“ und „für diese Zielgruppe [Anm.: die Vorarlberger Landesregierung] leider zu heikel“. Eine Alternative wurde erbeten. Seither frage ich mich, womit sich Politikerinnen und Politiker zu Weihnachten beschäftigen, wem sie zuhören und für welche Themen sie erreichbar sind. Die Themen der Kurzgeschichte „Kaffeehaussuche“ scheinen es jedenfalls nicht zu sein – zumindest antizipiert dies die Kommunikationsberatung des Landes Vorarlberg so. Nachdem ich dieses Vorgehen hinsichtlich der Freiheit von Kunst und Kultur für äußerst bedenklich halte, habe ich mich dazu entschieden, um Veröffentlichung des Textes zu bitten. Im Rahmen der Weihnachtsfeier des Landes Vorarlberg habe ich nicht gelesen.

 

Kaffeehaussuche

 

Ich glaube, bis zum heutigen Tag nur ein einziges Mal mit meinen Großeltern alleine gewesen zu sein. Im Jahr 2015 haben wir das MAK besucht und sind danach gegenüber ins Café Prückel gegangen. An die Ausstellung erinnere ich mich nicht und auch nicht daran, worüber wir in allen Einzelheiten bei Kaffee und Kuchen gesprochen haben.

Es gibt sicherlich Gründe dafür, warum mir diese Dinge entfallen sind. Wahrscheinlich ist, dass mir seither viel Wichtiges und noch wesentlich mehr Nebensächliches durch den Kopf gegangen ist. Ich habe in der Zwischenzeit mein Studium abgeschlossen, habe eine Beziehung beendet. Mein Vater ist sechzig geworden, meine Mutter dreiundfünfzig und die Katze, glaube ich, drei. Ich habe mich einen Sommer lang über den Lebensstil meines Bruders beschwert und später eingesehen, dass meine Beschwerden ungerechtfertigt sind; meine Großmutter väterlicherseits ist gestorben, ich habe geweint, als ich für ihren Trauergottesdienst Fürbitten schrieb und nur einmal Zeit gefunden, ihr Grab zu besuchen. 2016 wurde Trump Präsident, Hofer nicht.

Ich weiß allerdings noch, wie wir im Café Prückel gelandet sind. Zwei Tage zuvor fand vor dem Café eine Kundgebung gegen Homophobie statt, nachdem eine Kellnerin des Cafés den Kuss eines lesbischen Paares als ein öffentliches und daher im Lokal zu unterlassendes Ärgernis beanstandet hatte. Ich war mit einigen Freunden auf der Demo und bin ziemlich sicher, auch in den Sprechchor all jener eingestiegen zu sein, die lautstark verkündet hatten, nie mehr auch nur einen Espresso im Prückel bestellen zu wollen.

Der Besuch des Cafés mit meinen Großeltern zwei Tage später stellte also einen groben Wortbruch meinerseits dar. Ich sehe mich noch deutlich vor mir, wie ich meiner Großmutter zu erklären versuche, weshalb wir uns ein anderes Café suchen sollten, auch wenn das Prückel das nächste und im Umkreis von zweihundert Metern das augenscheinlich einzige ist. Sie geht langsam. Meinen Großvater halte ich am Arm. Er schnauft. Sein Atem steht in der Luft, das Gesicht unter der dicken Wollmütze gezeichnet von Anstrengung, einigermaßen mit mir Schritt zu halten. Er klammert sich an mir fest, während wir die Straße überqueren.

Ebenso wie gegen den aufkommenden Wind rede ich gegen mich selbst an, gegen die Tendenz, meinen Großeltern, die schwer gehen, die müde sind, denen kalt ist, es leicht machen zu wollen. Ich höre mich von einem „Vorfall“ reden, einer „Ungerechtigkeit“. Vielleicht findet auch das Wort „Respektlosigkeit“ den Weg über meine Lippen, vielleicht „Unhöflichkeit“.

Ich bin nicht sicher, ob mich meine Großmutter versteht. Sie mustert das Prückel ein-dringlich, als versuche sie an der Fassade des Cafés abzulesen, ob die dortige Kellnerschaft tatsächlich einen unhöflichen Umgang pflegt. Die Fassade ist verschmiert, bei der Demo wurde sie arg in Mitleidenschaft gezogen. „Smash Homophobia“ steht an der Wand geschrieben.

Das gehört sich nicht, sagt sie.

Sie sagt es mit einer Resolutheit, die das Alter bringt und die mich glauben machen will, dass sie meine Empörung teilt, von der ich aber nicht sagen kann, wogegen sie sich wendet, gegen die Beschmutzung der Fassade oder die Herabwürdigung, die in dem Lokal stattgefunden hat. Ich merke, wie mich gerade das unsicher werden lässt. Ich habe Angst, dass meine Großeltern, die achtundfünfzig Jahre glücklich miteinander verheiratet sind, nicht verstehen, was es mit Homophobie auf sich hat.

Ich sage auf ihre Bemerkung nichts. Sage nicht, dass sie da was durcheinanderbringt. Sage nicht, dass es nicht um die Schmierereien geht. Sage nicht, dass man die vielleicht sogar falsch finden kann, als Mittel ungeeignet, seinen Protest auszudrücken. Sage nicht, dass man besser auf die Straße geht. Ich sage nicht, weshalb ich mir vor zwei Tagen bei der Kundgebung den Arsch abgefroren habe.

Ich sage: Wir sollten in ein anderes Café gehen.

Meine Großmutter nickt, nicht einsichtig, sondern auf eine Weise, wie ich sie seither immer öfter bei ihr feststelle. Sie nickt zu meiner Zufriedenheit, geht zu meiner Zufriedenheit dreißig Schritte weiter, bleibt vor einem zweiten Eingang, über dem allerdings nicht Prückel steht, stehen und sagt, auf meine Zufriedenheit hoffend: Das ist ein anderes Café.

Ich widerspreche nicht, denke mir, der Wille zählt. Wir sitzen zwei Minuten später im Raucherbereich des Prückel, von dem wir so tun, als sei es ein anderes Café, und meine Großmutter beginnt von Bekannten und Freunden zu erzählen, zu denen mir jeglicher Bezug fehlt. Mein Großvater wirft ab und zu eine Bemerkung ein, die meiste Zeit über lässt er sich aber den Kuchen schmecken.

Ich weiß nichts von diesen Leuten, zu manchen habe ich nicht einmal die passenden Gesichter, aber ich höre hin und nicke, weil es meinen Großeltern wichtig scheint.

Die Bedienung kommt, nimmt unsere zweite Bestellung auf, lacht über einen Scherz meines Großvaters, an den ich mich nicht erinnern kann. Ich merke mir grundsätzlich keine Witze. Mit schnellen Schritten wechselt sie vom Raucher- in den Nicht-Raucher-Bereich hinüber, um uns von der Bar eine zweite Kanne Kaffee zu holen.

Die ist aber freundlich, sagt meine Großmutter.

 

Damit endet die Geschichte „Kaffeehaussuche“. Ich habe sie ausgewählt, weil ich in diesem Winter meine Großeltern nicht sehen werde. Zu Weihnachten werde ich der dritte oder der vierte aus der Familie sein, der sie anruft. Und schon frage ich mich, ob sie sich bei unserem Telefonat an diese kleine Begebenheit aus dem Januar 2015 erinnern werden, als sie nur möglichst schnell ins nächste Kaffeehaus, ins Warme wollten. Ich frage mich, was ich bei diesem Telefonat meinen Großeltern erzählen werde. Kann ich sie schonen? Immerhin kommt mein Großvater inzwischen an manchen Tagen nicht mehr aus dem Bett und meine Großmutter vergisst viel. Oder werde ich ihnen von den Menschen erzählen, die in den Zelten leben? Von den Rattenbissen? Den Krankheiten? Und dass niemand aufgenommen wird?

Ich frage mich: Wie werden meine Großeltern darauf reagieren? Werden sie ganz vergessen haben? Oder erinnern sie sich, was sie einmal ohne zu zögern für richtig und für falsch befunden haben?

Mit der Resolutheit meiner Großmutter rechne ich.

Auch dieses Mal.

Amos Postner wurde zwar vor Kurzem mit dem Vorarlberger Kulturpreis 2020 ausgezeichnet, man darf sich aber wundern, was den sensiblen Ohren im Landhaus als „sehr politisch“ und „zu heikel“ erscheint. (© Udo Mittelberger)

Amos Postner wurde zwar vor Kurzem mit dem Vorarlberger Kulturpreis 2020 ausgezeichnet, man darf sich aber wundern, was den sensiblen Ohren im Landhaus als „sehr politisch“ und „zu heikel“ erscheint. (© Udo Mittelberger)

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  • Amos Postner wurde zwar vor Kurzem mit dem Vorarlberger Kulturpreis 2020 ausgezeichnet, man darf sich aber wundern, was den sensiblen Ohren im Landhaus als „sehr politisch“ und „zu heikel“ erscheint. (© Udo Mittelberger) Amos Postner wurde zwar vor Kurzem mit dem Vorarlberger Kulturpreis 2020 ausgezeichnet, man darf sich aber wundern, was den sensiblen Ohren im Landhaus als „sehr politisch“ und „zu heikel“ erscheint. (© Udo Mittelberger)