Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Markus Barnay · 14. Dez 2016 · Literatur

Filmzensur statt Filmkultur: Norbert Fink schrieb eine „Kulturgeschichte des Kinos in Vorarlberg“

Wenn es so etwas wie ein „Ehrenzeichen für Verdienste um die Vorarlberger Kinokultur“ gäbe, stände es zwei Menschen auf jeden Fall zu: dem langjährigen Kinobetreiber und Vorsitzenden der Fachvertretung in der Wirtschaftskammer, Peter Pienz, und dem ebenso langjährigen Obmann des Film Kultur Club Dornbirn (FKC), Norbert Fink.

Peter Pienz führte unter anderem so traditionsreiche Kinos wie die Weltlichtspiele Dornbirn (heute ein Parkplatz), das Forsterkino Bregenz (heute ein leerstehendes Gebäude) und die Rheinlichtspiele Lustenau (heute noch immer die von ihm umgebaute „Kinothek“) und ist sich auch nach 50 Berufsjahren und trotz Pensionierung nicht zu schade, im Metro-Kino Bregenz (heute noch immer ein „normales“ Kino, an dem Pienz beteiligt war) an der Kasse Eintrittskarten und Popcorn zu verkaufen. Und Norbert Fink wiederum sorgt seit 1980 dafür, dass in Dornbirn wenigstens ein guter Film im Zweiwochenrhythmus gezeigt wird (zumindest galt das bis 2012, denn seit der Übernahme des Cinema Dornbirn durch Michael Wieser, den dritten Kandidaten für das erwähnte Ehrenzeichen, finden sich anspruchsvolle Filme auch im regulären Kinoprogramm; außerdem hat sich mit der Filmfabrik am Spielboden Dornbirn ein zweites Kino etabliert, das neben Dokumentar- auch Spielfilme anbietet.).

Von der Kinematographie zum 3D-Kino

Norbert Fink und Peter Pienz (als Co-Autor bzw. Ideenlieferant) haben sich jetzt aber auch selbst ein kleines Denkmal gesetzt: Sie schrieben das erste „Vorarlberger Kino Buch“, das Ende November – natürlich im Metro Kino in Bregenz – präsentiert wurde. Es nennt sich laut Schutzumschlag und Aussendung „Jugendverbot“, laut Buch-Titelblatt „Die Kulturgeschichte des Kinos in Vorarlberg“ und irgendwie eben auch „Vorarlberger Kino Buch“, handelt jedenfalls eindeutig von der Geschichte des Kinowesens in Vorarlberg, aber auch von der Entwicklung der Film- und Projektionstechnik von den Anfängen der Kinematographie im 19. Jahrhundert bis zum 3D-Kino der Gegenwart. Eigene Kapitel widmen sich der Geschichte der Filmzensur und den Filmklubs sowie anderen Aktivitäten zur Förderung anspruchsvoller Filme. Ein Vorarlberger Kino-Lexikon listet schließlich – gegliedert nach Orten - sämtliche Kinos auf, die es hierzulande jemals gab – oder noch gibt.

Geschichte der Kinokultur oder der Vorführtechnik?

So verdienstvoll es ist, dass sich Norbert Fink durch unzählige Gemeindeblätter und Zeitungsseiten gewühlt hat, um Nachweise für Filmvorführungen, Kinoeröffnungen und technische Neuerungen zu finden, so bedauerlich ist es, dass die dabei gewonnenen Erkenntnisse kaum in einen nachvollziehbaren oder überschaubaren Zusammenhang gestellt werden. Gegliedert ist die Darstellung der Kinogeschichte in jene Epochen, die sich durch die technische Entwicklung der Aufnahme- und Abspielgeräte ergeben haben. Ob das auch die entscheidenden Zäsuren für die Entwicklung der Filmkultur in Vorarlberg waren oder ob nicht andere Kriterien eine wichtigere Rolle spielten (beispielsweise jene politischen Entwicklungen, an denen sich die Gliederung des Kapitels über die Filmzensur orientiert), mag dahingestellt bleiben. Sicher ist, dass die seitenlangen Abhandlungen über die technischen Entwicklungen zu Beginn jedes Kapitels wohl manchen passionierten Cineasten oder auch die Kuratoren eines technischen Museums in Verzücken versetzen dürften, aber wohl kaum jene LeserInnen, die sich von einem „Vorarlberger Kino Buch“ in erster Linie Aufklärung über die Geschichte des heimischen Kinowesens erwarten.

Wie viele Kinos gab es in Vorarlberg?

So muss man im Buch schon eine ganze Weile lesen, um zum Schluss zu kommen, dass das erste permanente Kino in Vorarlberg offenbar „Senoners Kinematographen-Theater“ am Dornbirner Marktplatz war (eröffnet im Oktober 1910) – kurz vor dem „Saalbau“ in Feldkirch (eröffnet im Dezember 1910) und dem „Kinematographen-Theater der Gebrüder Riedmann“ in Lustenau (eröffnet 1911). Immerhin erfahren wir im Kapitel über die Tonfilm-Ära nach einigen Seiten, dass das Bregenzer Forstersaal-Kino das erste mit einer Lichtton-Anlage war und also Tonfilme vorführen konnte, und dass ebendort 1931 auch der erste Farbfilm lief. Was wir freilich nicht erfahren, ist die Anzahl der Kinos, die es zu einem bestimmten Zeitpunkt in Vorarlberg gab – waren es 13, wie eine Aufzählung der zwischen 1930 und 1946 „entstandenen“ Kinos nahelegt, oder sogar mehr? Und waren das im Vergleich zu anderen Regionen viele oder wenige? Gab es im Bregenzerwald tatsächlich nie ein Kino? Welche Bedeutung hatten die Kinos für das soziale Leben in Vorarlberg? Waren sie gut besucht? Eine „Kulturgeschichte des Kinos in Vorarlberg“ sollte vielleicht versuchen, auch solche Fragen zu beantworten, aber das tut sie leider nicht. Selbst das Kapitel über die Eröffnung des Cineplexx Hohenems im Dezember 1998 und deren Folgen für die Kinolandschaft bringt keine neuen Erkenntnisse – da zitiert sich Fink selbst aus einem Artikel aus dem Jahr 1999.

„Verderblicher Einfluss gewisser Verbrecherfilme“

So bleibt das interessanteste – oder zumindest das am leichtesten nachvollziehbare - Kapitel des Buches wieder einmal das über die weit über Vorarlberg hinaus berüchtigte Filmzensur vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Da erfährt man zum Beispiel, dass „laut Statistik 90% aller jugendlichen Verbrecher auf das Conto des Kino zu buchen“ seien – jedenfalls laut einer Eingabe der katholischen Jugendvereine im Jahr 1923. Dreißig Jahre später war die Landesregierung noch immer ähnlicher Ansicht: „Eine Analysierung der Gründe für die fortschreitende Jugendverwahrlosung verweist nicht zuletzt auf den verderblichen Einfluss gewisser Verbrecherfilme auf die Jugend“ (Schreiben an die Bezirkshauptmannschaften im Februar 1952). Die Folgen waren dramatisch: Zwischen 1955 und 1989 wurde in Vorarlberg die Vorführung von 341 Filmen verboten – und am deutschen Bodenseeufer lebten laut Norbert Fink mindestens 17 Kinos „vor allem von der Zensur oder der Selbstzensur in Vorarlberg“.  Heute muss man nicht mehr nach Lindau fahren, um verbotene Filme zu sehen – aber anscheinend, um Bücher zu publizieren: Der auf Re-Prints von bereits publizierten Büchern spezialisierte Unikum Verlag in Lindau wird freilich von zwei Vorarlbergern, den ehemaligen Rußmedia-Mitarbeitern Dietmar und Marion Hofer, geführt.

Norbert Fink (unter Mithilfe von Peter Pienz): Jugendverbot. Das Vorarlberger KINO Buch, 300 Seiten, € 29,90, ISBN 978-3-84570-319-0, Unikum Verlag Lindau, 2016