Neu in den Kinos: „Ich Capitano“ (Foto: X-Verleih)
Anita Grüneis · 13. Dez 2016 · Theater

Szenen einer Ehe mit Max Frischs „Biografie“ – Ein vergnügliches (Gast-) Spiel des Deutschen Theaters Berlin im TAK

„Stell dir vor, du könntest deine Biografie ändern, wo würdest du anfangen?“ ist eine Frage, die sich so mancher in seinem Leben stellt. Eine Frage, die auch Max Frisch im Jahr 1967 beschäftigte, als er das Stück „Biografie – ein Spiel“ schrieb, das ein Jahr später in Zürich uraufgeführt wurde. 1984 schrieb er eine neue Fassung, die das Deutsche Theater mit einem Gastspiel im TAK Theater Liechtenstein zeigte. Dabei wurde klar, wie aktuell und unterhaltsam dieses „Spiel“ heute noch – oder wieder - sein kann. Das waren zwei Stunden Spannung und Witz und drei hervorragende Schauspieler, die das Zuschauen zum Genuss werden ließen.

Das begann schon beim Bühnenbild – eine Kulisse, die gar nicht fertig zu werden schien, denn bevor das Licht im Zuschauerraum erlosch, waren die drei Schauspieler immer noch damit beschäftigt, Mobiliar, Kostüme und Requisiten hin und her zu bewegen. Die Mitte der Bühne wurde von einer zehneckigen Drehbühne dominiert, die sowohl geschlossene als auch offene Wände hatte. In ihrem Inneren war eine Kamera installiert, die das Spiel von Innen auf zwei große Leinwände ins Außen projizierte. Dieser Drehbühnenpavillon war zugleich eine Art Spieldose, denn in ihm lief stets die gleiche Leier, das alte Spiel. „Figuren, die immer die gleichen Gesten machen, sobald es klimpert, und immer ist es dieselbe Walze, trotzdem ist man gespannt jedesmal“, heißt es im Stück. Das hatte Bühnenbildner Peter Baur optimal umgesetzt.

Aber bitte ohne Ehe

In diesem Pavillon versucht der todkranke Verhaltensforscher Hannes Kürmann (Hans Löw), seine Biografie zu ändern. Unterstützt wird er von einem Registrator (Helmut Mooshammer), der, gleich einem Computer, das ganze Leben Kürmanns aufgezeichnet vor sich hat, inklusive der jeweiligen Gespräche und Handlungen. So bietet er nun wie ein Lebenscoach seinem Klienten an, wo immer er möchte, sein Verhalten zu ändern. Dies sollte für einen Verhaltensforscher eigentlich keine große Sache sein. Dieser will aber nur eines: Seine letzte Ehefrau Antoinette (Judith Hofmann) aus seinem Leben streichen. So wird das Kennenlernen der beiden mehrmals wiederholt, endet aber immer in einer gemeinsamen Nacht.

Wohin mit der Freiheit

Der Registrator konnte noch so viele Möglichkeiten der Spielzüge eröffnen, Hannes Kürmann entschied sich fast immer für das Gleiche. Seine Klimmzüge für dieses Vorhaben, inklusive Rückkehr in die Schulzeit und ins Studium sowie in die erste Ehe, schienen alle nicht zu helfen. Und doch wird seine Biografie geändert werden. Denn als Antoinette an der Reihe war, etwas zu ändern, ließ sie die gemeinsame Nacht mit Hannes nicht geschehen, sondern ging einfach weg. Damit war der Mann von ihr befreit. Aber wozu? Was sollte er mit dieser Freiheit? Diese Frage beantwortete Regisseur Bastian Kraft nicht. Aber die Art, wie Hans Löw aus seiner Wäsche schaute, zeigte klar auf, dass ein Glück über eine gewonnene Freiheit anders aussieht.  
Der moderne Mann leidet
Frischs „Biografie“ gleicht einem Schachspiel, die Figuren sind immer die gleichen, aber die Züge variieren. Und: Die Dame hat die freie Wahl. Der Regisseur hielt sich an diese Vorgaben, ließ dabei aber seinen Schauspielern viel Raum für ihre Entfaltung. Und was da zum Vorschein kam, war höchst vergnüglich. Hans Löw zeigte mit seinem Hannes Kürmann einen sehr modernen leidenden Mann, der überfordert und verunsichert von den vielen Ansprüchen, die an ihn gestellt werden, verzweifelt. Das tut er mit so viel Liebenswürdigkeit, dass ihm das Publikum am liebsten helfen möchte bei der Änderung seiner Biografie und gleichzeitig begreift, dass diese „Szenen einer Ehe“ mit diesem Mann gar nicht anders laufen konnten.

Die entschlossene Frau

Judith Hofmann war eine wunderbare Antoinette, manchmal genervt, manchmal raffiniert spielerisch. Ob sie die alte kranke oder die kecke italienische Haushälterin darstellte, die Ärztin mit klarem Schweizer Akzent (Hofmann ist in Zürich geboren) oder eben Antoinette in den verschiedenen Situationen - mit ihrem trockenem Humor war sie immer voll präsent. Die Dinge am Laufen hielt Helmut Mooshammer als gewitzter Registrator. Er war alt und gebrechlich, wenn er als Kollege von Kürmann auftrat, er war erfrischend jung und dynamisch als Coach von Kürmann, der alles dransetzte, damit sein Klient endlich das selbst gesetzte Ziel erreicht.

Das Leben – ein Spiel?

Diese drei Schauspieler transportierten das Stück auf eine so feinfühlige und zugleich unterhaltsame Weise, dass das Zuschauen ein spannendes Vergnügen wurde und doch der Inhalt des Werkes im Zentrum stand. Und so entließen sie denn auch die Zuschauer mit den Fragen: Was wäre, wenn ...?“ Ist die eigene Biografie eine Möglichkeit oder ist sie zwangsläufig? Machen Handlungen Sinn, weil sie geschehen sind? Ist das gelebte Leben nur ein erster Entwurf oder schon die Reinschrift? Gibt es Schicksal?
 

Die nächste Vorstellung findet am Mittwoch, den 14. Dezember, um 20.09 im TAK in Schaan statt.