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29.10.2019 |  Raffaela Rudigier

Family Affairs im Tourismus-Kosmos - Neuer Roman von Irmgard Kramer

Eine rasante Geschichte gestrickt aus Komik, Tragik und natürlich Liebe – das ist der neue Roman der Vorarlberger Schriftstellerin Irmgard Kramer. Und nein, es ist diesmal kein Kinder- oder Jugendbuch. Die Autorin hat nun endlich ihren ersten Roman für Erwachsene veröffentlicht. „Liebe ist die beste Köchin“ lautet der vielleicht etwas trivial geratene Titel. Erschienen ist das Buch im Piper Verlag. Das Cover erinnert eher an einen schnulzigen italienischen Liebesroman: Eine von Geranien umrahmte alte Holztür mit schmiedeeisernen Ornamenten, bröckelndem Putz, einer Katze und einem Kaffeehausstuhl sind darauf zu sehen. Als Leserin wünscht man sich, dass das Buch inhaltlich mehr hält, als es äußerlich verspricht. Und bitte atmen Sie auf: Irmgard Kramer enttäuscht natürlich nicht. Wie so oft im Leben darf man nichts auf Äußerlichkeiten geben.

„Für alle, die in der Gastronomie arbeiten“

Dieser Roman ist eine Liebeserklärung an alle Menschen, die in der Gastronomie arbeiten. Humorvoll und detailverliebt schreibt Kramer über die in Vorarlberg sicher vielen bekannte Welt des Tourismus anhand des fiktiven Familienbetriebes Gasthof Lamm in Moos. Erzählt wird von der achtunddreißigjährigen Köchin Johanna Lehner. Sie ist eine von den „wilden Weibern“ vom Gasthaus Lamm. So nennen die eigensinnigen Dorfbewohner die Frauen der Familie Lehner. Johanna führt gemeinsam mit ihren verrückten Tanten und ihrer dementen Mutter das Gasthaus.

Frauen-Wirtschaft und tote Männer

Männer haben es in diesem Frauenverbund nicht besonders leicht, denn: „Männer überlebten uns nicht. So ungefähr könnte man es auf den Punkt bringen. Tante Germanas Mann Egon hatte sich gediegen zu Tode gesoffen. Tante Elisabeths Mann Dieter hatte sich im Badezimmer erhängt, weswegen sie beschlossen hatte, nur noch Jesus zu lieben. Tante Theresias Mann Gottfried, von allen liebevoll Göpf genannt, hatte geglaubt, nach massivem Wintereinbruch, bei dichtem Schneefall und höchster Lawinenwarnstufe, eine lockere Tour machen zu müssen, weil er jeden Sonntag eine lockere Tour machte, weil sein Sturschädel auf lockere Sonntagstouren programmiert war.“ Und: „Tante Francis Männer waren allesamt Armleuchter. Francis hatte ein ausgesprochen gutes Händchen für Armleuchter. Von jedem Armleuchter hatte sie eine Tochter.“ Kein Wunder also, dass es auch Johanna nicht so hat mit den Männern und sich lieber in ihrer Arbeit verkriecht, als diese unglückliche Tradition der Lehner Frauen fortzusetzen.
Eines Tages taucht der Buchhändler Jérôme Morel im Gasthaus Lamm auf und sorgt für Chaos. Doch es ist nicht nur die Liebe, die Johannas Leben komplett verändern sollte, sondern auch noch etwas Anderes. Einschübe aus der Mooser Heimatchronik lassen von Beginn an rätseln, was noch vorfallen wird und womit Johanna beinahe über Nacht berühmt wird: „Unsere preisgekrönte Köchin Johanna Lehner sorgte vergangenen Samstag für eine Sensation. Zur Abwechslung verzauberte sie uns nicht mit ihren Speisen.“
Irmgard Kramer taucht mit ihrem Roman ein in die Welt der Gastronomie, wo auf höchstem Niveau bodenständig und gutbürgerlich gekocht wird, ohne das abgehobene Geplänkel der Haubenküche. Die Autorin hat akribisch recherchiert, hat (laut Nachwort) auch selbst am Herd in verschiedenen Bregenzerwälder Lokalen mitgeholfen und schafft es so, die Arbeit, das Milieu und die Menschen authentisch zu beschreiben. „Ariel Dorner wollte meine Mutter in die Klinik bringen lassen, aber das ging nicht, weil meine Mutter für neunzig Hochzeitsgäste kochen musste. Also nähte er die Wunde und steckte ihre Hand in einen Lederhandschuh.“

Family Affairs

Die Idylle, der Wahnsinn und die Tücken eines touristischen Familienbetriebes werden dabei in vollem Umfang aufgezeigt. Das Gasthaus Lamm kann nur existieren, weil die ganze Familie im Betrieb mithilft, inklusive der nächsten Generationen. Nur wenige Familienmitglieder schaffen einen Absprung. Wenn es um eigene Lebensentwürfe geht, bestimmt die Familie irgendwie immer mit. Denn persönliche Entscheidungen betreffen schlussendlich alle.Liebevoll beschreibt Irmgard Kramer auch die Mutter-Tochter-Beziehung von Antonia und Johanna, die sich vor allem mit der Hiobsbotschaft von Antonias „Alzheimer“ stark verändert. „Meine Mutter tat, was sie konnte, aber es wurde von Tag zu Tag schwieriger. Es trieb mir die Tränen in die Augen, wenn sie einen Apfel auf eine Gabel spießte und versuchte, ihn zu schälen wie eine heiße Kartoffel.“

Allegorie des Tourismus-Kosmos

Das Personal des Romans liest sich beinahe wie eine Aneinanderreihung allegorischer Figuren eines Tourismus-Ortes. Dazu gehören unter anderen: das frühere Ski-Ass, der leutselige Bürgermeister Karlheinz Mohr, den alle Charly nennen, die Gruppe der sportlichen „Laufgazellen“, die mit Teleskopstöcken bewaffnet ihre Fitness-Runden machen, die alleinstehende Lehrerin, die zugeraste Deutsche. Zum Dorf-Inventar gehören natürlich auch Statements wie diese: „Kennst du den Lieblingsspruch von den Moosern? ‚Ich bin doch kein Rassist, nur die Deutschen mag ich nicht.‘“
All das klingt für Menschen, die den Tourismus-Kosmos aus der Nähe kennen, mehr als vertraut. Auch die äußeren Gegebenheiten scheinen überall ähnlich zu sein: die geografischen Sonnen- und die Schattenseiten eines Dorfes, die Pflichttermine in der Kirche, obwohl kaum noch jemand religiös ist und der latente Hang zu Alkohol und anderen stressreduzierenden Substanzen.

Zerfurchte Seelenlandschaften und erstaunliche Parallelen

Dem fügt Irmgard Kramer über verschiedene Handlungsstränge noch eine weitere Komponente hinzu: die Welt der Literatur. Da gibt es den eigenbrötlerischen Schriftsteller Ruben Sauter aus Innsbruck, der alle sieben Jahre seinen Wohnsitz ändert und nun in Moos in einer Waldhütte haust. Hinzu kommt ein charmanter Buchhändler und nicht zuletzt der dörfliche Literaturkreis, der im Gasthaus Lamm tagt: „Sie fingen an zu blättern, steckten ihre Nasen zwischen die Seiten und sprachen über zerfurchte Seelenlandschaften, über einen Sog, für den sie Erklärungen suchten, über eine erstaunliche Parallele mit irgendetwas und eine unerwartete Wendung. Manon behauptete, die Autorin habe es sich verdammt einfach gemacht, und erntete erneut Widerstand.“
Hier hat Irmgard Kramer schon ein Stück weit die Rezension ihres eigenen Buches vorweggenommen, denn das trifft alles auch auf ihren neuen Roman „Liebe ist die beste Köchin“ zu. Die Autorin hat schon in ihren Kinder- und Jugendbüchern bewiesen, dass sie weiß, wie man einen guten Plot strickt und was Roman-Figuren lebendig macht. Die Geschichte entwickelt fortlaufend ihren Sog, schnelle Dialoge lassen die Handlung rasant vorantreiben und Kramers pointierte Schreibweise lässt wenig Platz für Langeweile. Kramer hat eine scharfe Beobachtungsgabe und gießt diese in genaue Formulierungen mit manchmal durchaus eigenwilligen Vergleichen. Doch wenn eine Person namens Manon Andexlinger-Müller als „überzüchtetes verhungertes Nachtschattengewächs“ beschrieben wird, so kann man sich darunter durchaus bildhaft jemanden vorstellen.
Wenn man in diesem Roman unbedingt die Nadel im Heuhaufen suchen möchte, so wäre dies vielleicht die nervige Häufigkeit von Tante Germanas falschen Sprichwörtern und hier und da die ein bisschen dick aufgetragenen gastronomischen Vergleiche. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und warme Empfehlungen müssen nicht nur von Köchinnen ausgesprochen werden – darum: Lesen Sie dieses Buch. Es macht Freude.

Irmgard Kramer, Liebe ist die beste Köchin, Piper 2019, 416 Seiten, ISBN 978-3-492-31320-9, € 10,30  

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