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17.02.2021 |  Annette Raschner

Erinnert, erträumt, erzählt - Monika Helfers neuer Familienroman „Vati“

Für die Kritik und die breite Leserschaft war es eines der berührendsten Bücher des letzten Jahres: „Die Bagage“; ein Familienroman, in dem uns Monika Helfer am Schicksal ihrer schönen Großmutter mütterlicherseits – Maria Moosbrugger – teilhaben ließ, deren Mann im Ersten Weltkrieg für den Kaiser kämpfen musste, während sie und ihre Kinder vom Pfarrer und einem Großteil der Dorfgemeinschaft im hinteren Bregenzerwald aufgrund ihrer Armut und Eigenart ausgegrenzt und diffamiert wurden. In „Vati“ steht nun, wie es der Titel bereits verrät, die andere familiäre Linie im Fokus.

„Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern.“Monika Helfers Vater Josef war ein zarter, kleiner und schweigsamer Mann. Für ihren Mann Michael Köhlmeier sieht er auf einem Foto aus „wie der junge Mao Tse-tung“, für sie war er der, „der sich in der Tiefe ausgekannt hat“ und vor dem alle Respekt hatten. Sogar „die Stiere und Halbstiere“.

Bücher waren ihm heilig

Im salzburgischen Lungau als unehelicher Sohn einer Magd geboren, haust Josef mit seiner Mutter in einem armseligen Schopf neben dem Haus des Bauern, der sie geschwängert hatte. „Die Betten waren Pritschen und standen auf hohen Beinen, weil es nach einem starken Regen sein konnte, dass der Boden zu Matsch wurde.“
Josef macht seine schwierige Herkunft mit Intelligenz und Ehrgeiz wett. Der Baumeister Brugger nimmt ihn unter seine Obhut und lässt ihm Zugang zu seiner Bibliothek. „Er drehte das Heft um und schrieb die Namen der Autoren und die Titel der Bücher untereinander hinten ins Heft. Er wollte alle Bücher lesen.“
Der Pfarrer meldet Josef im Gymnasium an und besorgt ihm einen Platz in einem katholischen Schülerheim. Ein halbes Jahr vor der Matura wird er eingezogen, der zweite Weltkrieg ist ausgebrochen. „Soviel ich weiß, gings bald nach Russland. Genaues war nicht herauszukriegen aus ihm.“

Mehr wahr als erfunden

Monika Helfer verfügt zweifelsohne über ein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen, vorhandene Lücken haben alte Fotografien und Gespräche mit Familienmitgliedern, sowie ihre reiche Fantasie geschlossen. „Ich muss näher an die Träume heranrücken, noch nicht Schlaf, aber auch nicht mehr wach, dann funktioniert das Erinnern besser.“
Die Chronologie ist lose und wird immer wieder von spontanen Erinnerungspuzzleteilen aus der jüngeren Vergangenheit aufgebrochen. Noch in den 1990er Jahren hat die Autorin mit ihrem Vater ihre jüngste Schwester Renate in Berlin besucht. In einem Schwulenlokal hatten sie nach Mitternacht noch etwas gegessen, und der Vater hatte sich zu den grell geschminkten Männern gesetzt und mit ihnen geplaudert. „Er war der Kleinste unter ihnen, ein Grauer unter bunten Vögeln.“

Eine Versehrtenliebe

Monika Helfers Eltern waren in vielerlei Hinsicht versehrt. Als Kind und als Jugendliche hatte Grete unter dem Stigma gelitten, ein vermeintliches Kuckuckskind zu sein. Ihr Vater Josef hatte der gehässigen Unterstellung des Dorfes Gehör geschenkt und Zeit seines Lebens mit dem Kind kein Wort gesprochen. Monika Helfers Vater wiederum muss im Lazarett ein abgefrorener Unterschenkel amputiert werden. Grete ist dort Krankenschwester, und sie macht ihm einen Heiratsantrag. „Alles an ihm war gespendet, nichts besaß er. Wirklich nichts.“ Gemeinsam machen sie sich auf, in den hintersten Bregenzerwald zu den Geschwistern von Grete, „in das kleine lumpige Elternhaus mit dem leeren Stall und der leeren Scheune.“

Vom Davor und vom Danach: Teil 1: das Paradies

Die Bagage nimmt Josef als neues Familienmitglied sofort an, sie mögen ihn. Mit Sepp spielt er Schach auf einem selbst gebastelten Brett, im Dorf schätzen ihn die Menschen, weil er sich bei allem Bürokratischen als sehr geschickt herausstellt. Diese Zeit schildert Monika Helfer auf Basis von Gesprächen und Erzählungen. Ihre Erinnerung setzt erst im Paradies auf der Tschengla ein, wo der Vater Verwalter eines Kriegsopferversehrtenheimes wird. Als Achtjährige kennt sie bereits alle Schmetterlinge und Pflanzen beim Namen, gemeinsam mit ihrer Schwester Gretel flicht sie dem kleinen Bruder Richard Haarkränze aus Gänseblümchen. Geradezu legendär sind auch die Vorlesestunden des Vaters. „Hätte ich Worte gehabt, auch ich hätte gesagt: Das ist Glück. Dieses Wort, so will mir scheinen, kommt erst vor, wenn bereits das Gegenteil eingetreten ist.“ Und das ist leider bald der Fall.

Kleines Intermezzo: der unverbrauchte Blick

Biografien, sprich: Annäherungen, in diesem Fall an die eigenen Vorfahren, sind ein heikles Unterfangen. Als eines der gelungensten Beispiele ist Peter Handkes Roman „Wunschloses Unglück“ in die Literaturgeschichte eingegangen. Monika Helfer gelingt die Gratwanderung auf wundersam eigene, ja – durchaus unkonventionelle Art und Weise, die von einer großen Liebe für die Figuren, einem feinen Humor und dem frischen Tonfall eines Menschen gekennzeichnet ist, der den Kontakt zur Innenwelt von Kindern nie verloren hat. Sogar für an sich unaussprechlichen Schmerz findet sie ihre eigene Sprache: unverblümt, schnörkellos und gänzlich unprätentiös.

Teil 2: Das Danach

Es ist letztlich Josefs Bücherbesessenheit, die ihm beinahe zum Verhängnis wird und in einen Selbstmordversuch mündet. Als er nach einem Jahr Krankenhausaufenthalt nach Hause zurückkehrt, ist Monika Helfers jüngste Schwester Renate bereits geboren worden. Die Liebe zwischen den Eltern erblüht noch einmal von Neuem. „Wir waren Luft für ihn. Nur unsere Mutti galt etwas. Nicht etwas, sondern alles. Die beiden saßen auf der Terrasse, als wären sie Sommerfrischler. Und wir bedienten sie. Kakao und Speckbrote. Er las ihr vor.“
Doch viel Zeit sollte den beiden nicht mehr bleiben, und nachdem die Mutter stirbt, werden die Kinder unter den Verwandten aufgeteilt, denn „die Bagage lässt niemanden im Stich.“ Richard kommt zu Tante Irma. „Und die kleine Renate und Gretel und ich? Uns nahm Tante Kathe auf. Wir kamen nach Bregenz. In die Südtirolersiedlung. In die Dreizimmerwohnung, wo bereits fünf Personen lebten.“
Ihren Vater sehen sie lange nicht mehr. „Es war, als ob ein Stück Zeit aus meinem Leben geschnitten worden wäre. Die grausame Schere hat nicht viel übrig gelassen.“
Irgendwann einmal fragt Josef seine Tochter Monika, was sie sich vom Leben wünsche. Ihre Antwort lautet: „Ich wünsche mir, dass irgendwann auf einem Buchrücken mein Namen steht.“ Monika ist zu diesem Zeitpunkt zirka achtzehn Jahre alt. Heute, viele viele Jahre später, ist ihr mit ihrem Familienroman „Die Bagage“ der hochverdiente Bestseller gelungen. Bei „Vati“ wird es nicht anders sein!

Annette Raschner ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Monika Helfer: Vati, Carl Hanser Verlag, München 2021, Hardcover, 176 Seiten, ISBN 978-3-446-26917-0, € 20,60

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