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03.07.2019 |  Kurt Bracharz

Eintopf bis zur Vergasung - Sprachkritische Neuerscheinung von Matthias Heine

Ein neues Buch beschäftigt sich mit den Relikten der LTI, der „Lingua Tertii Imperii“ (Victor Klemperer), also des Sprachgebrauchs der Nationalsozialisten, in unserer Alltagssprache: „Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis und wo nicht“ von Mattias Heine im Dudenverlag, Berlin. Matthias Heine ist ein Berliner Journalist, der sprachkritische Bücher verfasst, zuletzt „Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun?“ (2016) und „Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland. Wie der erste Weltkrieg die deutsche Sprache für immer veränderte“ (2018) und „Mit Affenzahn über die Eselsbrücke“ (2019).

„Verbrannte Wörter“ ist ein Wörterbuch mit vielen eindeutig zuordenbaren  Stichwörtern, aber auch Grenzfällen und Wörtern, die heute kaum jemand mit den Nationalsozialisten in Verbindung bringt. Heine hat deshalb jeder Begriffsbestimmung eine kleine Handlungsanweisung angehängt, zum Beispiel:
Lebensunwertes Leben: „Die Formulierung ist durch nichts zu rechtfertigen und wird zu Recht nur noch in historischen Schriften mit Bezug auf die NS-Verbrechen gebraucht.“
Vernegern: „Vernegern ist bei gegenwärtigen Migrationsparanoikern ein wieder häufig gebrauchtes Wort, das gerne in einem Atemzug mit islamisieren genannt wird. Wer es für akzeptabel hält, hat allerdings den historischen Horizont eines Brandenburgers NPD-Stadtrats, der im Schwimmbad seine den Holocaust verherrlichenden Tätowierungen zeigt.“
Plutokratie: „Das Wort ist durch die NS-Zeit mit antiamerikanischen, antidemokratischen und antisemitischen Konnotationen aufgeladen worden. Für sachliche Gesellschaftsanalysen ist es daher ungeeignet.“
Kulturschaffende: „Der Ausdruck ist wohl nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Da es sich um eine relativ neutrale Bezeichnung handelt, ist das aber auch keine Katastrophe. Dennoch schadet es nichts, seinen NS-Ursprung zu kennen und abzuwägen, ob er überall angebracht ist.“
Auffallend ist, dass das Wort „Nazi“ nicht als Stichwort vorkommt. Ich verwende das Wort möglichst wenig, weil es mit seiner i-Endung wie ein Diminutiv klingt, auch wenn es eigentlich keiner ist. Es hat den Vorteil der Kürze, aber es ist zumindest in Zusammensetzungen durch die nicht so putzig klingende Abkürzung NS ersetzbar. Auch Heines Einleitung beginnt mit „Gibt es eine NS-Sprache? Gibt es Naziwörter?“ Ich glaube, auch auf dem Land nennt man heute einen Ignaz „Naze“ mit deutlichem Schluss-e, wie es der Kaspanaze Simma vorgemacht hat.
Der Journalist Heine ist immer auf dem aktuellen Stand der Dinge. Zum Stichwort „Achse“ referiert er zunächst über die Etymologie des „zur ältesten Schicht des urindogermanischen Wortschatzes“ gehörenden Wortes und kommt erst dann auf Mussolinis Rede vom 1. November 1936, wo dieser dem Wort zum ersten Mal eine politische Bedeutung verlieh: „Diese Verständigung [...], diese Vertikale Berlin-Rom ist nicht eine Schnittlinie, sondern vielmehr eine Achse, um die die europäischen Staaten, die vom Willen der Zusammenarbeit und des Friedens beseelt sind, zusammenarbeiten können.“ Nach dem Dreimächtepakt vom 27. September 1940 gehörte dann auch Japan zu den „Achsenmächten“, die also alle drei faschistische Regime hatten. Deshalb erregte Sebastian Kurz im Juni 2017 Befremden, als er von einer „Achse der Willigen“ mit Berlin, Wien und Rom sprach. Heines Handlungsanweisung: „Nicht jeder, der das Wort Achse für eine politische Verbindung benutzt, ist ein Nazi. Aber wie Sebastian Kurz mit seiner ,Achse der Willigen’ zeigt, gibt es Bereiche, in denen man besser zweimal überlegen sollte, ob der Ausdruck angemessen ist.“
Es verwundert vielleicht, das Wort „Eintopf“ in diesem Wörterbuch zu finden. Das hat aber einen guten Grund. Natürlich gab es Eintopfgerichte – also mit sämtlichen Zutaten in einem Topf gekocht – unter regionalen oder lokalen Namen schon lange, aber der Pauschalausdruck „Eintopfgericht“ taucht erst um 1900 in den Kochbüchern auf und kommt ab 1934 im Duden vor. Das Wort „Eintopf“ findet man vor 1933 selten, es wird danach in Zeitungen noch einige Zeit in Gänsefüßchen gesetzt und schafft es auch 1941 nicht in den Duden. Die Nationalsozialisten verlangten ab 1933, dass am ersten oder zweiten Sonntag in den Monaten März bis Oktober in allen Haushalten statt des üblichen Sonntagsessens ein Eintopf auf den Tisch kam. Verzehrte man ihn in einer Gaststätte, konnte man sich das quittieren lassen. „Goebbels und Hitler selbst beteiligten sich an öffentlichen Eintopf-Schauessen und propagierten den Eintopf in ihren Reden. War der Eintopf-Einsatz am Anfang noch freiwillig, wurde er ab 1936 Pflicht.“ Die Ersparnis wurde mit 50 Pfennig festgelegt und von den Blockleitern oder von Hitlerjugend mit Sammelbüchsen für das Winterhilfswerk kassiert. Heine hält das Wort „Eintopf“ für unbedenklich: „Ohnehin darf es längst als entnazifiziert gelten. Sogar Nazis denken beim Eintopf vermutlich nicht mehr an Hitler – jedenfalls nicht mehr als bei jedem anderen Essen.“
Die Kriegsgeneration verwendete bis in die 70er Jahre oft und gerne die Wendung „bis zur Vergasung“. Sie bedeutet, dass eine Tätigkeit bis zum Überdruss betrieben wird, vielleicht – aber nicht unbedingt – unter äußerem Zwang. Ich kann sozusagen als Ohrenzeitzeuge sagen, dass nicht nur ich in den 1950ern nie auf die Idee gekommen wäre, der Holocaust sei damit gemeint. Dafür gab es damals zwei Gründe, erstens gebrauchten die Wendung „alle“, nicht nur die durchaus noch reichlich vorhandenen Alt- und Krypto-Nationalsozialisten, zweitens wurde über den Holocaust nicht nur in den Schulen, sondern auch privat nie gesprochen und man hätte auch keine solche Anspielung gemacht. Heine schreibt, dass „bis zur Vergasung“ schon 1937 in Ludwig Göhrings Buch „Volkstümliche Redensarten und Ausdrücke“ vorkam, dass die Formel auch nicht auf die Giftgasattacken des Erstens Weltkriegs Bezug nahm, sondern dass „Vergasung“ in der Chemie schon im 19. Jahrhundert gebräuchlich war und den Übergang von Stoffen in die Gasform bedeutet. Vertrautes Beispiel: der Vergaser im Auto, bei dem die Brennstoffflüssigkeit zerstäubt und dann bis zur Vergasung erwärmt wird.
Sie können sich also auch einem Grünen mit den Worten „In der Kommune haben wir bis zur Vergasung Eintopf gegessen“ anvertrauen, ohne für einen Identitären gehalten zu werden.
Eine Frage hat mir Matthias Heine nicht beantwortet: Die Kriegsgeneration sagte nach 1945 auch gerne: „Alles Scheiße, Deine Emmy“. Ich schreibe den Namen mit Ypsilon, weil ich mir immer dachte, es müsse Emmy Göring gemeint sein, die ihrem Gatten, dem Luftmarschall Hermann Göring 1944 nach den Luftangriffen der Alliierten solche Telegramme schickte, solange die Reichspost noch funktionierte. Warum sonst „Emmy“? Die Schweizer Emmi-Gruppe kann nicht gemeint sein, die gibt es erst seit 1993.

Matthias Heine, Verbrannte Wörter, Dudenverlag, Berlin 2019, 224 Seiten, ISBN 978-3-411-74266-0, € 18,50

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