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02.07.2019 |  Peter Füssl

Gianluigi Trovesi / Gianni Coscia: La misteriosa musica della Regina Loana

Das Nahverhältnis des brillanten italienischen Duos Gianluigi Trovesi & Gianni Coscia zum 2016 verstorbenen Umberto Eco war bekannt, hatte der renommierte Schriftsteller und Philosoph doch zu vielen Alben der beiden höchst originelle Booklet-Texte verfasst. Nun revanchieren sich die beiden im Spannungsfeld von italienischer Tradition, Jazz und Improvisationsmusik beheimateten Vollblutmusiker mit einer nicht weniger einfallsreichen Hommage, die auf dem 2004 erschienenen, fünften Roman Ecos, „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“, basiert.

Dieser ist extrem autobiographisch gefärbt: Der nach einem Unfall unter Gedächtnisverlust leidende Antiquar Yambo begibt sich, um wieder an seine Erinnerungen zu gelangen, an die Orte seiner Kindheit und Jugend zurück und durchlebt anhand von gefundenen Dokumenten und Erinnerungsstücken nochmals die Zeit des Faschismus, den Zweiten Weltkrieg, den Widerstandskampf der Partisanen und die Gymnasialzeit samt ersten Liebesabenteuern in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Hinter den meisten Episoden steckt Ecos eigene Geschichte und seine vielen Verweise auf musikalisches Zeitkolorit dienen Trovesi und Coscia als Ausgangspunkt für ihre eigenen Erinnerungsreisen, die schließlich in einem breit angelegten Panoptikum aus Tönen und Stimmungen resultieren. Am Anfang steht mit „Interludio“ ein Stück, an dem die Kinderfreunde Eco und Coscia schon als 13- bzw. 14-jährige Hobbymusiker in ihrer Heimatstadt Alessandria gefeilt hatten. Die ersten Jazz-Einflüsse werden mit einem voller Herzblut so richtig auf Italienisch zum Swingen gebrachten „Basin Street Blues“ oder Glen Millers „Moonlight Serenade“ gefeiert. Das faschistische Durchhalte-Lied „Inno dei sommergibili“ („Lied des U-Boot-Matrosen“) steht neben Reminiszenzen an die Partisanenhymne „Bella ciao“, ein melodienseliges Schlager-Medley aus der bis 1946 existierenden ersten italienischen Rundfunkanstalt EIAR neben einer spritzigen Version des im Roman öfters erwähnten 1930er Jahre-Schlagers „La Piccinina“ und unsterblichen Filmmelodien aus „Bel Ami“ und „Casablanca“. Ecos Vorliebe für Nebelbilder wird mit drei Fragmenten aus Leoš Janáčeks „Der Nebel“ gehuldigt, und Gianluigi Trovesi hat mit Mitteln der kabbalistischen Gematrie aus den Buchstaben des Namens „Umberto Eco“ zwei Musikstücke komponiert. Ecos wort- und bildreiche Meditation über die Natur der Erinnerung hat im vierten ECM-Album dieses formidablen Duos also eine nicht weniger eindrucksvolle musikalische Entsprechung gefunden. Trovesi und Coscia zünden musikantische Feuerwerke, schwelgen im besten Sinne in nostalgischen Erinnerungen und nähern sich dem zu würdigenden Jahrhundert-Schriftsteller mit viel Gefühl, geistreichem Witz und enormer Kreativität. Coscia meint ja, Eco zitierend, eine Berührung der Königin Loana führe zu einem langen Leben, wenn nicht zur Unsterblichkeit. Das gilt sicher auch für dieses Album.

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)

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