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05.09.2022 |  Annette Raschner

Eine Ikone weiblicher Kunst – Gabriele Katz nähert sich in einer Romanbiographie Angelika Kauffmann

Bis Ende Oktober ist im Angelika Kauffmann Museum in Schwarzenberg die Ausstellung „Eine von uns. Angelika Kauffmann verehrt und vereinnahmt“ zu sehen. In ganz Europa bewundert, gilt sie auch als Vorreiterin des modernen Feminismus und Weltbürgertums. Schon als Kind war Angelika Kauffmann viel unterwegs und wechselte häufig den Wohnsitz. Ihre Londoner Zeit, wo sie in die höchsten Sphären des Kunstbetriebs aufstieg, steht im Mittelpunkt einer Romanbiografie der deutschen Kunsthistorikerin und Autorin Gabriele Katz, die unter dem Titel „Angelika Kauffmann. Eine Ikone weiblicher Kunst“ im Südverlag erschienen ist.

Gabriele Katz interessiert sich nach eigener Aussage insbesondere für weibliche Biografien und Lebenswege, die – wie sie sagt – in kein Schema passen. In der Vergangenheit hat die promovierte Kunsthistorikerin unter anderem über die beiden Spielzeugpionierinnen Margarete Steiff und Käthe Kruse sowie über die Malerin Marie Ellenrieder geschrieben. Vor zehn Jahren verfasste sie ein Sachbuch über Angelika Kauffmann; „fasziniert von ihrem riesigen Werk, ihren Neuansätzen in der Historienmalerei, ihrer exquisiten Porträtmalerei“. Mit der Romanbiografie habe sie sich ihrem ungewöhnlichen Leben noch stärker annähern wollen.

Bodenständig und erfolgreich

„Angelika Kauffmann kannte die richtigen Leute, und sie arbeitete nicht nur überragend, sondern suchte ständig nach neuen Bildideen. Ihre Werke hingen bald in den berühmten englischen Landhäusern, die wir alle aus den Verfilmungen der Jane-Austen-Romane kennen. Aus ihren späteren Lebensjahren existieren Briefe, die zeigen, dass sie auch ein ganz bodenständiger Mensch war. Eine interessante Spannung, die ich beim Aufbau der Hauptfigur auszuloten versucht habe. Ich habe mich als Rahmen an die Fakten gehalten, die sind schon spannend genug. Und da gibt es ja auch noch die Bilder!“

The whole world is angelicama

„The whole world is angelicamad”, lautet eine Formulierung, die sich auch darauf bezog, dass Angelika Kauffmanns Bilder unendlich oft reproduziert wurden; als Grafiken, auf Porzellan oder Stoff. In London porträtierte sie adelige, junge Damen, und sie porträtierte die Königin. Sie wies ihre Kontrahenten in die Schranken und etablierte einen weiblichen Blick in der Kunst: starke Heldinnen. Unterstützt wurde sie dabei von den sogenannten Bluestockings, den emanzipierten und intellektuellen Frauen der Londoner Gesellschaft. Zitate aus Originalquellen setzt die Autorin im Buch kursiv: „Gott sei Dank, meine Umstände erlaubten es mir immer, frei zu bleiben!“

Der Mensch als Spiegel seiner Seele

Wer nicht alle Details in Leben und Werk von Angelika Kauffmann kennt, kann den Unterschied von Fiktivem und Nicht-Fiktivem nicht ausmachen, und das ist in einer Romanbiografie auch völlig in Ordnung. Darüber hinaus erweist sich Gabriele Katz als versierte Kunstkennerin. Etwa, wenn sie detailliert das Gemälde beschreibt, auf dem sich Pallas Athene für den Kampf um Troja rüstet. Angelika Kauffmanns Verdienst sei es unter anderem gewesen, den Menschen im Porträt als Spiegel seiner Seele exquisit zu inszenieren. Damit ist die Künstlerin ihrer Zeit weit voraus. Auch in ihrem Bestreben, mit ihren Bildern unendlich viele Geschichten zu erzählen und Johann Joachim Winckelmanns berühmte Formulierung edle Einfalt, stille Größe für ihre Kunst geltend zu machen. „Der einzige Weg für uns groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten“.

Heldinnen der Geschichte

Für ihre Historienbilder zeichnet die Kauffmann nach den männlichen Nackten und brüskiert damit die Männerwelt. Denn Frauen sollten Historienbilder eigentlich gar nicht malen können, glaubt auch der mit ihr befreundete und in sie verliebte Malerfürst Joshua Reynolds, seines Zeichens Maler des englischen Adels und Zeremonienmeister von Noblesse und Eleganz. Doch Angelika Kauffmann will sich in London nicht nur als Historienmalerin etablieren, sondern auch Frauen zu Heldinnen der Geschichte machen. „Die Herren Kollegen verbannten Frauen ja meist an den Rand, in den Bildhintergrund, in den Schatten oder ließen sie sogar ganz weg.“ Und was zeigt Angelika Kauffmann auf einem ihrer Historienbilder? Coriolan, der von seiner Mutter und seiner Frau angefleht wird, auf den Krieg gegen sein Volk zu verzichten. Der Fokus liegt auf den Frauen, und die Mutter kniet nicht einmal! Die Künstlerin konstatiert: „Ich habe alles für meine Kunst getan. Ich würde mich niemals einem Mann unterordnen, außer meinem Vater.“

Corragio

Ihr Vater Johann Joseph Kauffmann, der Wandermaler aus Vorarlberg, ist es, der ihr Lehrmeister war und sie über viele Jahre in Italien ausbilden ließ. „Corragio. Du musst mit dem Herzen malen.“ Einst hatte er eine junge Bündnerin geheiratet. Es sollte beim einzigen gemeinsamen Kind bleiben. Cleophea starb, als Angelika vierzehn Jahre alt war. Im Prolog blickt die 60-jährige Künstlerin zurück. „Das große Bild der Krönung Mariens war sicherlich bereits in der Kirche im Heimatort des Vaters im Bregenzerwald eingetroffen. An die Wände des Langhauses hatte sie als junges Mädchen Apostelbilder als Fresko gemalt. Dann hatte der Vater an zwei Gerüsthaken der Decke eine Schaukel montiert. Wie ein Engel war sie über ein Lichtermeer aus Kerzen hinweggeflogen.“

Liebe ihres Lebens

Kurz bevor Angelika Kauffmann London verlässt, heiratet sie den Venezianer und Maler Antonio Zucchi, laut Gabriele Katz die Liebe ihres Lebens. Mit ihm lebt sie ein mondänes Leben in ihrer Luxusvilla in Rom mit Arbeit, Festen und vor allem vielen Bildern. Zucchi wird eine Art Managerfunktion für seine berühmte Frau einnehmen. Allzu oft werde er als Langweiler dargestellt, meint die Autorin. Auch deshalb habe sie es sich nicht nehmen lassen, daraus eine nicht wenig komplizierte Liebesgeschichte zu machen. Den Heiratsschwindler hat es auch gegeben, aber der habe Angelika Kauffmann nicht das Herz gebrochen, da sei sie sich ganz sicher!

Gabriele Katz: Angelika Kauffmann. Eine Ikone weiblicher Kunst. Südverlag, Konstanz 2022, 360 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-87800-158-4, Euro 23,50 (erscheint am 5.9.)

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