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Ingrid Bertel · 23. Feb 2022 · Literatur

Ein ordinärer Hund und eine ängstliche Katze

Michael Köhlmeier reimt 100 humoristische Vierzeiler über 100 Tiere und Lorenz Helfer malt dazu Grizzly, Dino und so weiter.

Die Gans sieht aus wie Onkel Waldo aus den „Aristocats“, kurz bevor er „die halbe Nachbarschaft“ zusammenreit. Lorenz Helfer malt seine Tiere schwarz und blau auf weißem Grund, figurativ, stilisiert, mit leichten Anklängen an Comics. Da sehen wir etwa eine Giraffe und einen tänzelnden Dinosaurier, wie sie einander beobachten, und Michael Köhlmeier schreibt:

Mir kommt die Fauna seltsam vor.
Drum frag ich Doktor Melchior.
Der zeigt mir alle Viecher her,
als ob er selber eines wär.

100 Vierzeiler in vierhebigen Jamben reimt Dr. Melchior, changierend zwischen Kindergedicht und den exquisiten Gedankensprüngen eines Robert Gernhardt.

Der Tiger tigert voller Gier
von Osnabrück hinab nach Trier.
George Clooney macht das wenig Stress,
denn er wohnt in Los Angeles.

So viel zu den detaillierten zoologischen Kenntnissen des Dr. Melchior. Köhlmeiers Reime dürfen auch gern einmal richtig holpern – das gehört zu einer lustvollen Blödelei, und eine kleine Prise Derbheit darf auch nicht fehlen.

Vermeide „Barsch“ im Tiergedicht!
Was Frommes reimt sich darauf nicht.
Soll‘s unbedingt was Frommes sein,
dann setze das Lamm Gottes ein.

Akkurat das Lamm aber fehlt unter den 100 Tieren. Das Titelbild des Buches zeigt einen Grizzly, der mit einem Lachs im Maul auf die Betrachter zugeht. Wahrscheinlich hat ihn Lorenz Helfer nach einem Foto gemalt. Schließlich ist es nicht so einfach, Körperhaltung und Bewegungen von Tieren malerisch festzuhalten, und so wirken Pferd und Zebra irgendwie eingefroren. Das allerdings passt zu Dr. Melchiors Blick auf die Tiere, denn der brave Doktor scheint ein rechter Bücherwurm.

 Die Mücke tut, als kennt sie nicht
von Brecht ein einziges Gedicht.
Vor dessen Werk ist sie gehemmt,
denn einmal war sie eingeklemmt!

Besondere Vorliebe für das eine oder andere Tier lässt Dr. Melchior nicht erkennen, eher schon eine Abneigung, und zwar gegenüber Hunden. Die äußert er gar im Pluralis Majestatis:

Kaum trafen wir in Salzburg ein,
da brunzte uns ein Hund ans Bein.

Die Katze bekommt da wesentlich zärtlichere Blicke:

Die Katz hingegen fürchtet sich
vor kleinen Kindern fürchterlich.

Michael Köhlmeier: Dr. Melchiors lustige Tiere.
Illustrationen von Lorenz Helfer. Verlag Leykam, Graz 2022, Hardcover, 120 Seiten, ISBN: 978-3-7011-8225-1, € 20 (erscheint am 17.2.22)