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25.09.2017 |  Raffaela Rudigier

Ein Buch wie ein Film - „Die Töchter“ von Dietmar Schlatter

Sie kämpfen ums Überleben, hadern mit ihren Schicksalen, werden missbraucht und üben selbst manchmal Macht aus, sind mehr oder weniger gottesfürchtig, sozial angesehen oder geächtet und manche von ihnen haben besondere Gaben – so oder so ähnlich kann man sich das Leben der Frauen von früher in den Bergdörfern der Alpen vorstellen. Dietmar Schlatter hat das getan. Er schreibt in seinem Erstlingswerk „Die Töchter“ über die Frauenschicksale zweier Familien, die über drei Generationen hinweg miteinander verwoben sind.

Geburt und Tod im selben Atemzug

Alles beginnt mit der Geburt Marias im kleinen Bergdorf Pianz. Sie wird genau in dem Moment geboren, in dem ihre Großmutter Eva stirbt: „Da donnerte und blitzte es beinahe gleichzeitig. Großmutters Ohren schnellten auf, und sie hörte, wie der kleine Körper des Mädchens das Leben einatmete und ihre Ankunft in das Unwetter hinausschrie. Jesu Augen am Kruzifix öffneten sich. Sie legte den Heiland in ihre Augen und deckte ihn sanft mit ihren Augenlidern zu.“

Übernatürliche Dinge

Es geht durchaus seltsam zu in dieser alten Welt: das Mystische spielt in jener Zeit noch eine große Rolle. Zeitlebens wird etwa gerätselt, ob Eva eine Hexe ist und auch die kleine Maria erscheint öfter der Welt entrückt. Ihre Mutter Elisabeth lebt mit Anna unter einem Dach, was im Dorf für heftige Spekulationen sorgt. Außerdem weiß niemand, wer Marias Vater ist.

Ein Buch wie ein Film

Dietmar Schlatter hat ein Buch geschrieben, das sich wie ein Drehbuch liest – innerlich hat man schon ein bisschen die Filmkulisse vor Augen: ein Historien-Drama in den Alpen, drei Generationen schicksalhaft aneinandergebunden, Lust, Gier, Mord, Ächtung, vielleicht mit Tobias Moretti in der Rolle des sündigen Pfarrers Lorenz. Es wäre mit Sicherheit ein sehr erfolgreicher und vor allem kein jugendfreier Film.

Das Buch zieht den Leser jedenfalls unaufhaltsam in die cineastische Geschichte hinein. Der Aufbau der ineinander verschlungenen Storys ist dabei klug überlegt und sorgt für stets anhaltende Spannung. Zeitliche Ebenen werden vermischt, es gibt Vor- und Rückschauen und plötzlich macht alles Sinn. Die 32 Kapitel sind jeweils mit zwei Vornamen überschrieben und klären über die beiden Familienverhältnisse auf: wo sich ihre Wege kreuzten und warum alles so kommen musste, wie es kam.

Alpen-Klischees und großer Showdown

Dabei werden viele der gängigen Klischees vom Leben in den Bergen deftig ausgeschmückt: vom Inzest zwischen Bruder und Schwester, über heimliche Engelmacherinnen, syphilitische Huren, Sodomisten und gefallene Pfarrer bis hin zu tragischen Selbstmorden und heimlichen lesbischen Beziehungen reicht das (sexuelle) Spektrum. Wobei manche dieser Beschreibungen sehr explizit ausfallen. Außerdem gibt es Lawinentote, im Holz Erschlagene, grantige Säufer, gewalttätige Väter, ledige Kinder und Frauen mit seltsamen Fähigkeiten. Dabei ist an Schlatters Roman auffallend, dass die Frauen Großteils positiv beschrieben werden, während es kaum angenehme Männerfiguren gibt.
Tabuthemen werden zuhauf aufgegriffen, Althergebrachtes verliert plötzlich an Bedeutung, neue Orientierungspunkte fehlen. Die Protagonisten kämpfen ums Überleben in einer Welt voller Einschränkungen, Geboten, Neid und Verleumdung.
Zum Schluss kommt es jedenfalls zum gigantischen Showdown mit überraschender Erkenntnis – doch keine Angst: hier wird nicht zu viel verraten – denn das Buch ist durchaus lesenswert.

Zum Autor: Der Montafoner Dietmar Schlatter ist Deutschlehrer und hat neben der Schriftstellerei eine starke Verbindung zum Theater. Er leitet die Theatergruppe „treff.theater Schruns-Tschagguns“, sowie die Schüler-Theatergruppe der VMS Bludenz.

 

 

Dietmar Schlatter, Die Töchter, Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, € 18.50,-, ISBN 978-3-99018-399-1, Bucher Verlag

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