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10.03.2019 |  Raffaela Rudigier

Doris Knechts neuer Roman "weg"

Eine verschwundene junge Frau, verzweifelte Eltern und ein Roadtrip auf Mopeds stehen im Zentrum des neuen Romans „weg“ von Doris Knecht. Das Buch spiegelt den Zeitgeist hervorragend wieder und zerlegt die Gegenwart in genaue Bilder. „weg“ ist ein empfehlenswerter „Pageturner“.

Die Vorarlberger Autorin und Wahlwienerin Doris Knecht hat wieder einen Roman geschrieben. „weg“ so lautet der Titel des Buches, in dessen Zentrum eine junge Frau steht, die plötzlich verschwunden ist. Charlotte heißt die junge Erwachsene, die in Berlin wohnt und von heute auf morgen unerreichbar ist. Ihre Mutter Heidi versucht vergeblich sie zu kontaktieren, anfangs werden die WhatsApp-Nachrichten ihrer Tochter noch abgerufen und die Anrufe nicht abgehoben, später meldet sich direkt die Mailbox und auch die Nachrichten werden nicht mehr gelesen. Lotte hatte als Teenager bereits mit psychischen Problemen zu kämpfen, diese aber eigentlich nicht zuletzt durch erfolgreiche Medikation hinter sich gelassen. Doch das plötzliche Verschwinden der Tochter lässt die Vergangenheit wieder hochkochen. Die Mutter kennt die unberechenbaren Schübe von Charlotte, wenn sie ihre Medikamente selbst absetzt. Dementsprechend schlecht unterdrückt Heidi die aufsteigende Panik und beschließt kurzerhand zu handeln.

Ein Roadtrip auf Mopeds

Ein Roadtrip entfaltet sich, der die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft. Heidi macht sich gemeinsam mit ihrem Ex-Freund Georg auf die Suche nach dem Einzigen, was diese beiden Menschen im Leben gemeinsam haben: ihre Tochter. „... Lotte hatte sie zu lebenslänglich verurteilt, und da waren sie nun, zwei ganz Verschiedene, mit einem gemeinsamen Kind, für immer aneinandergeschraubt.“ Georg und Heidi haben längst neue Familien, wohnen an komplett verschiedenen Orten und haben nichts mehr miteinander zu tun, seit Lotte erwachsen ist. Die Ungewissheit zwingt sie zur gemeinsamen Suche. Das Ziel der Reise ist unbekannt. Schon der Aufbruch gestaltet sich mehr als schwierig: Die deklarierte Stubenhockerin Heidi muss ihr deutsches Kleinbürgerparadies in einer Reihenhaus-Siedlung von Rebenborn verlassen. Dabei stößt sie sehr schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit in Sachen Veränderung. Während Georgs neue Frau Lea nicht sehr glücklich darüber ist, dass er sie mit den Kindern und der Arbeit im gemeinsamen Landgasthof irgendwo im Wiener Umland für unbestimmte Zeit alleine lässt.
Vietnam lautet einer der vagen Hinweise auf den Verbleib von Lotte, denen Heidi und Georg verzweifelt nachforschen. Im Flugzeug, auf Booten und vor allem auf Mopeds reisen sie durch die fremde Welt von Vietnam und schließlich auch Kambodscha.

First-world-problems vs. Armeleuteleid

„weg“ ist ein Entwicklungsroman. Erzählt wird einem Roadmovie gleich, wobei die Reise zur Metapher für die Identitätssuche der ProtagonistInnen wird. Herausgerissen aus ihrem normalen Umfeld, konfrontiert mit der Angst um ihr Kind und gleichzeitig auch mit der Realität armer Länder, werden sie immer wieder zur Reflexion über sich und ihr eigenes Leben gezwungen. Dabei kommt die Frage auf, ob „First-world-problems“ wie die ihren überhaupt berechtigt sind: „Heidi erträgt das immer weniger. Sie hat Mitleid mit ihm, ja, aber sie hat auch ihr eigenes Leid, dessentwegen sie hier ist, sie will nicht auch noch Jims Leid, sie kann nicht noch mehr Leid brauchen, selbst dann nicht, wenn ihres vergleichsweise überschaubar ist. Ist ihr Leid, ihre Sorge denn weniger wert, weil sie eine weiße Frau ist, weil sie aus einem reicheren Land mit einem besseren Sozialsystem kommt, weil sie es sich leisten kann, sich von Jim durch sein Land fahren zu lassen? Nein, ist es nicht. Sie findet nicht, dass ihr Leid deswegen kleiner ist und minder, dass es weniger ernst zu nehmen ist als Jims Armeleuteleid. Sie sorgt sich um ihr Kind, genau wie er.“

Postmoderner Entwicklungsroman

Im Gegensatz zu berühmten Entwicklungsromanen, die als literarische Roadmovies funktionieren, wie beispielsweise Jack Kerouacs „On the road“, in dem unruhige Wanderschaft der Ausdruck des damals modernen Lebensgefühls der 50er Jahre war, haben sich in „weg“ die Zeiten deutlich geändert: Das postmoderne Lebensgefühl feiert Wanderschaft nicht mehr als höchste Freiheit. Im Gegenteil: Die ProtagonistInnen haben sich in ihren jeweiligen Schneckenhäuschen recht gut eingerichtet und wollen eigentlich gar nicht weg. Und die Auswirkungen des globalen Massentourismus bis in die hintersten Winkel der Erde sind mittlerweile abstoßend und demaskieren das exzessive und allgegenwärtige Globetrottertum als nicht länger erstrebenswert.

Perspektive und Sprache

Beim Lesen von Doris Knechts neuem Roman blickt man über die Schulter und auch in die Köpfe der jeweils handelnden Personen. Perspektivenwechsel gibt es teilweise innerhalb eines Absatzes, was der Story einen rasanten Drive gibt, nie verliert man dabei den Überblick über das Geschehen. Der typische Knecht-Ton liest sich wie immer flüssig, samt ihren heimeligen Austriazismen („Sind die deppert?“), den üblichen Anglizismen („whatever“) und ihren Wortneuschöpfungen (schlecht schlafen ist beispielsweise das „Signatureleiden“ der alten Mutter). Dabei stellt sich das Gefühl ein, dass sich die Autorin diesmal mit den Anglizismen mehr zurückhält als in früheren Werken, und auch, dass ihre sonst ausgedehnten musikalischen Ausflüge, samt Songverweisen und Lyrics auffallend reduziert ausfallen.

Beobachtungsgabe und gutes Gespür für Menschen

Knechts Erzählweise ist oft elliptisch, was umgangssprachlich wirkt, Aussagen werden auf das Wesentlichste verkürzt, korrekte Satzbau-Grammatik wird zu Gunsten des lebhaften Erzählstils geopfert: „Mit Gästen über Politik reden: immer schlecht, gefährliches Terrain.“ Die Autorin beweist einmal mehr Beobachtungsgabe, gutes Gespür für Menschen und die sprachlichen Fähigkeiten, diese Feinheiten auch adäquat auszudrücken.
„… und nur Lea, ihr Bruder und ihr Vater hatten ihr ansehen können, wie sie wirklich zu den Waidingers stand, hatten die verborgene Herablassung in ihrem Lächeln erkannt und die zarte, ihr angeborene Höhere-Töchter-Blasiertheit im Verbund mit der leichten Überheblichkeit der alten Achtundsechziger, mit der sie allen Nichtstädtern begegnete, verborgen hinter einer strahlenden Freundlichkeit und mit eleganter Zugewandtheit überspielt. Die Waidingers liebten ihre Mutter. Ihre Mutter liebte sie nie zurück, aber das fiel den Waidingers gar nicht auf.“

Zerlegte Gegenwart

Doris Knecht zerlegt die Gegenwart in genaue Bilder. So ist jedes ihrer Bücher immer auch ein Stück Zeitgeist und Spiegel der Gesellschaft samt ihren Phänomenen: „So ähnlich hat er auch mal ausgesehen. Jetzt minus die wilden Tätowierungen, die jetzt alle tragen, ein totales Durcheinander verschiedener Stile, als hätte man sich blind durch einen Tattookatalog geblättert, das, das, das und diese fünf da, und bitte die da links und rechts auf meinen Waden. Oder als hätten sie jemand anderen über ihre Tätowierungen entscheiden lassen, irgendwen mit seltsamem Geschmack. Sieht scheiße aus, wenn man Georg fragen würde, aber. … Sie wollen lasch aussehen, weich und lieb und secondhand, so auf: Aussehen ist unwichtig, aber natürlich ist es sehr wichtig. Hängende Schultern.“
„weg“ ist Zeitbild und zugleich Entwicklungsroman. Die Protagonisten sind teils zerrissene, widersprüchliche Menschen, die sich selbst am meisten im Weg stehen. Dabei entfalten sie im Laufe dieses Roadtrips zaghaft Entwicklungspotential und sind am Ende der Geschichte nicht mehr die gleichen, als die sie aufgebrochen sind. Ein klassischer „Pageturner“, ein gutes Buch.

Buchpräsentation:
3.4., 19 Uhr, Vorarlberger Landestheater T-Café, Bregenz

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