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16.09.2020 |  Annette Raschner

Die Vergangenheit als der wahre Möglichkeitsraum – Sammelband „Kulturelles Erbe. Was uns wichtig ist!“ hrsg. von Sabine Benzer

Unser kulturelles Erbe stellt einen Bezug zur Vergangenheit her. Es muss in der Gegenwart interpretiert und für die Zukunft bewahrt werden. Dies konstatiert die Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin Sabine Benzer in dem von ihr herausgegebenen Buch „Kulturelles Erbe – Was uns wichtig ist!“; einer Sammlung von sieben Expert*innengesprächen zum Thema. Es ist im Folio Verlag erschienen.

Kollektive und kulturelle Identität

Annette Raschner: Nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit stellt nach Ansicht der deutschen Buchautorin Judith Schalansky den wahren Möglichkeitsraum dar. Sie formulieren es so: Das kulturelle Erbe ist für eine Gesellschaft von immenser Bedeutung, weil es der Identifikation mit einem kollektiven Selbstbild dient. Was meinen Sie damit?Sabine Benzer: Die kollektive Identität ist für uns alle sehr wichtig, um uns zu verorten. Welche Bedeutung dabei Kunst und Kultur zukommt, wissen wir alle. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den in der Schweiz tätigen Kulturvermittler Felipe Polanía Rodríguez verweisen. Er sagt: In unserer vielfältigen Zuwanderungsgesellschaft ist die kulturelle Identität DER Knackpunkt für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Da stelle sich die Frage, wer das kulturelle Erbe definiere, und die Antwort lautet natürlich: Die Mehrheitsgesellschaft. Das bedeutet aber, dass etwa Minderheiten ausgeschlossen werden. Rodriguez kritisiert vehement die UNESCO dafür, dass sie mit ihren Konventionen eine starke Definitionsmacht besitzt und konstatiert, dass sich Europa immer noch viel zu wenig mit der Geschichte des Kolonialismus und der weißen Vorherrschaft auseinandergesetzt hat.

„Sowohl an Wissen als auch an Vermittlungsformaten hat sich sehr viel getan“

Raschner: Sie haben Gespräche mit sieben Expertinnen und Experten geführt. Im ersten Interview kommt mit der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann eine Archäologin des kollektiven Gedächtnisses zu Wort, die die Wichtigkeit betont, dass das kulturelle Erbe immer wieder neu ausverhandelt wird. Denn es geht neben der Frage der Kontinuität auch um jene der Veränderung.
Benzer: In der Vorbereitung auf dieses Buch hat mich Aleida Assmanns Aussage, dass das kulturelle Erbe jedes Mal aufs Neue ausverhandelt werden kann und auch muss und nicht fixiert ist, sehr begeistert. Sie gibt uns meines Erachtens eine hoffnungsvolle Perspektive auf das Ganze. Lange Zeit war der Begriff des kulturellen Erbes negativ besetzt, er galt als wertkonservativ. Aleida Assmann hat diesbezüglich im Gespräch auf ihre Sozialisation als junge westdeutsche Wissenschaftlerin verwiesen. Als sie zu studieren begonnen habe, sei das kulturelle Erbe völlig verpönt gewesen, weil der Begriff im Nationalsozialismus derart diskreditiert wurde. Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs sei es langsam wieder möglich geworden, sich damit zu befassen. Ich war erst unlängst in der Ausstellung „Das Ende der Zeitzeugenschaft“ im Jüdischen Museum Hohenems, wo die Kuratorin Annika Reichwald die Bedeutung der Öffnung der Ostarchive für das Thema des Holocaust hervorgehoben hat. Sowohl an Wissen als auch an Vermittlungsformaten hat sich sehr viel getan.
Raschner: Ohne das kulturelle Erbe wären wir alle Barbaren, sagt Philosoph Konrad Paul Liessmann, der mit kritischen Worten vor allem an der aktuellen Bildungspolitik nicht spart. Die – so Liessmann – kompetenzorientierten Lehrpläne kennten keine Inhalte mehr. Eine solche Bildungspolitik befördere die Barbarei.
Benzer: Das ist ein Thema, das Konrad Paul Liessmann schon sehr lange beschäftigt und das zu Recht! Es ist wichtig, den Finger immer wieder in diese Wunde zu legen. Denn wenn man bedenkt, dass die so genannte Faro-Konvention des Europarates in das Jahr 2005 zurückreicht und vierzehn Jahre später die humanistische Bildung, die eine Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe ermöglicht, noch weiter in den Hintergrund gerückt ist und stattdessen Kompetenzorientierung im Fokus des Bildungssystems steht, dann kann man nur sagen: Das ist sehr bedauerlich!

Auszug aus dem Gespräch mit Konrad Paul Liessmann:

Es hat ja niemand etwas dagegen, dass unseren Kindern alle möglichen Kompetenzen vermittelt werden, aber gleichzeitig sollte man doch auch Fähigkeiten entwickeln, um dann bestimmte Dinge – bleiben wir jetzt beim kulturellen Erbe – um dieses kulturelle Erbe überhaupt wahrnehmen zu können. Natürlich geht es darum, so etwas wie eine musikalische Kompetenz zu erwerben. Zuhören zu können, vielleicht sogar ein Instrument spielen zu können. Aber dann kommt es auch auf die Frage an, welche Ziele verfolgt werden. Wenn es um das kulturelle Erbe, um kulturelle Überlieferungen geht, die für uns bedeutsam sind. Zu meiner Idee von kultureller Bildung gehört, dass der Schüler nicht nur eine abstrakte Vorstellung davon entwickelt, sondern sich auch ein bisschen in der Tradition der Musik auskennt. Er ein Lied von einer Opernarie unterscheiden kann und die paradigmatischen Werke und Komponisten zumindest in Grundzügen und in Auszügen in exemplarischen Formen kennengelernt hat und in den Lehrplänen solche programmatischen Vorstellungen, was Bildung eigentlich soll, enthalten sind.

Difficult Heritage

Raschner: Dass das Kulturerbe nicht nur eine historische Sammlung, sondern Teil eines fortlaufenden Gesprächs ist, betont die Ethnologin Sharon Macdonald, und sie steht dafür ein, auch das so genannte Dark- oder Difficult Heritage zu erhalten. Was ist darunter gemeint und was hat es mit der Strategie des Überschreibens auf sich?
Benzer: Das schwierige Erbe ist ein spannendes Thema, weil das kulturelle Erbe primär positiv konnotiert ist. Tatsächlich haben wir aber auch kulturelles Erbe, das stark belastet ist, wenn man an den Nationalsozialismus denkt. Im Laufe unseres Gesprächs hat Sharon Macdonald betont, dass zurzeit in Deutschland die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus stark vorangetrieben wird, ähnlich wie in Frankreich. Bei der Frage, wie diese von statten gehen soll, hat sie auch Vorschläge gemacht.
Nach dem zweiten Weltkrieg hat man belastetes Erbe ja vorwiegend zerstört. Man wollte nichts mehr davon wissen. Das hat sich geändert. Bei der Strategie der Überschreibung erhält ein Gebäude wie etwa ein ehemaliges Gestapogefängnis eine neue Funktion, indem darin etwa Ämter und Büros eingerichtet werden. Das kann man beispielsweise in Berlin sehr gut sehen.
Raschner: Wie inspirierend ist das Gespräch mit Autor Franz Schuh verlaufen?
Benzer: Franz Schuh kann man zu fast jedem Thema befragen, und ich wollte unbedingt wissen, welchen Zugang er zum Thema des kulturellen Erbes findet. Er hat die vielen Widersprüche im kulturellen Erbe aufgedeckt.

Auszug aus dem Gespräch mit Franz Schuh:

Es gab Jahrzehnte, in denen Friedrich Schiller der Dichter schlechthin war. Es hat eine Zeitlang gedauert, bis Goethe der Dichter schlechthin war. Später wurde von den Nationalsozialisten Schillers Pathos wieder gefeiert. Die Widersprüche im kulturellen Erbe sind geradezu chronologisch aufzeigbar. Sie weisen aber nicht einmal diese dialektischen Kanten auf, die Widersprüche sonst haben. Einzelne Ansätze folgen aufeinander beziehungslos, bestimmte Negationen sind nicht die Regel. Gäbe es in der Tradition nichts Widersprüchliches, dann wären die Kultur und das so genannte kulturelle Erbe über einen Kamm geschoren. Dann wäre sie zwar eine widerspruchsfreie Sache, aber keine kulturelle mehr, kein kulturelles Erbe mehr. Von diesem Erbe ist vieles einem gegenwärtigen Bewusstsein verloren gegangen. Es gibt versunkenes Kulturgut und es gibt zum Versinken gebrachtes Kulturgut. Und es gibt einen ständigen Kampf, aus dem kulturellen Erbe Akzente herauszuholen, die die Kraft von Aktualität haben könnten.

Raschner: Der Vorarlberger Kulturwissenschaftler Bernhard Tschofen, der an der Universität Zürich lehrt und forscht, ortet schon seit längerem eine Konjunktur des kulturellen Erbes. Im Moment forscht er über Wölfe in der Schweiz und meint dazu: Das Thema hat durchaus auch etwas mit dem kulturellen Erbe zu tun! ...
Benzer: Der Kulturbegriff ist natürlich ein weiter, wofür das Wolfsbeispiel ein gutes ist. Einst gab es ein Miteinander von Wolf und Mensch, dann wurde der Wolf immer weiter zurückgedrängt. Jetzt kehrt er wieder zurück.
Raschner: Wie sehen Sie in unserer Region die Beschäftigung mit dem Thema?
Benzer: Es wäre absolut wünschenswert, sich mehr damit zu befassen. Aber wenn ich etwa an Renate Breuss denke: Sie ist in Vorarlberg DIE Expertin dafür! Was ihr mit dem Werkraum Bregenzerwald gelungen ist, ist einfach großartig. Ich hätte sie auch sehr gerne interviewt, aber da ist mir die Zeit etwas davongelaufen.

Annette Raschner ist Redakteurin des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Sabine Benzer (Hg.): Kulturelles Erbe. Was uns wichtig ist! Beiträge von Aleida Assmann, Bernhard Tschofen, Felipe Polanía Rodríguez, Franz Schuh, Konrad Paul Liessmann, Ruth Wodak, Sharon Macdonald, Folio Verlag, Wien 2020, broschiert, 161 Seiten, ISBN 978-3-85256-796-9, € 16

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