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Tamara Ofner · 09. Mär 2017 · Literatur

Der Puer Robustus - Ein wilder Knabe im Blickfeld - Dieter Thomä im Theater am Saumarkt

Dieter Thomä, Professor für Philosophie an der Universität in St. Gallen, hielt im Rahmen der Tangenten im Theater am Saumarkt in Feldkirch einen Vortrag über sein neu erschienenes Buch „Puer Robustus“ und ist damit auf dem Weg zu einer Philosophie des Störenfrieds.

Ich werde mich in diesem Beitrag lediglich mit dem Vortrag am Saumarkt und nicht mit dem gesamten Buch von Dieter Thomä befassen. Ich denke, der Vortrag ist bereits gehaltvoll genug, um in eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Typus des Störenfrieds – dem Puer Robustus, dem „Wilden Knaben“ oder genau übersetzt dem „kindischen Mann“ – zu treten, den Dieter Thomä in der philosophischen Literatur nach weitgehender Vergessenheit wiederentdeckt und ans Licht gebracht hat.

Es ist angebracht, die Arbeit und den Vortrag von Dieter Thomä mit Achtsamkeit zu betrachten und das aus zwei Gründen. Achtsamkeit tut der Figur des Puer Robustus not, denn sie ist jene Figur, die wahrscheinlich enormen Einfluss auf das Weltgeschehen hat und der wir im Moment so gut wie an keinem Ort entkommen. Demzufolge ortet Dieter Thomä auch, dass der Puer Robustus mittlerweile zu einem Massenphänomen geworden ist. Der Puer Robustus kann entweder ausufernd Gewalt verbreiten oder noch vor der Entfaltung des guten Potentiales verderben und damit der ganze Mensch dahinter. Genau betrachtet ist der Mensch in beiden Fällen seelisch zerstört und oft genug mit ihm noch weite Teile des Umfeldes. Er kann jedoch auch eine neue Ordnung – und in vielen Fällen sogar eine gerechtere Ordnung – bewirken.

Der zweite Grund für eine achtsame Auseinandersetzung mit der Arbeit von Dieter Thomä liegt darin, dass wir alle wissen, dass ein Gedanke und vor allem ein guter philosophischer Gedanke reifen muss, lange und in Sorgfalt. Das Potential zu einer umfassenden Philosophie dieses „wilden Knaben“ – oder der Puella Robusta in der weiblichen Form – ist auf jeden Fall vorhanden. Dennoch, eine philosophische Auseinandersetzung sieht anders aus und auch Thomä ist sich dessen bewusst, dass seine Auseinandersetzung noch keine philosophische Arbeit ist, sondern vorwiegend eine Aufzählung und die Auswertung literarischer Figuren, die den Grundgedanken des Puer Robustus enthalten, wenn auch nicht umfassend, denn sowohl Robin Hood, als auch der Kasperl fehlen, ebenso wie eine eingehende Auseinandersetzung mit der weiblichen Form. Es ist aber durchaus Arbeit gerade die aufgezählten Figuren in der Weltliteratur zu entdecken, beachten und zu klassifizieren.

Der Puer Robustus als philosophische Gestalt wurde von Thomas Hobbes beschrieben und benannt und danach nur noch selten in der Philosophie aufgegriffen. Genau genommen ist sie laut Thomä später noch bei Engels zu finden und bei einem in Vergessenheit geratenen Studenten der „100 Blumen Bewegung“ im Peking des Jahres 1957.

Für Hobbes war der Puer Robustus ein Störenfried der gängigen Ordnung und politisch betrachtet, bezeichnet Thomä das vergangene Jahr 2016 in diesem Sinne als ein Hobbes-Jahr, in dem sich der Großteil der Gesellschaft – wie Hobbes - nach Ordnung und Sicherheit sehnte. Anders ist die Rolle des Puer Robustus in den Jahren der Wirtschafts- und Finanzkrisen und noch einmal anders im Arabischen Frühling zu betrachten. Und hier trifft Thomä wesentliche Unterscheidungen; findet vier Typen des Puer Robustus.

  • Jener, der aus purem Eigeninteresse und ökonomischem Profitstreben stört, wie zum Beispiel die Hauptakteure der Finanzkrise.
  • Dann gibt es den Typ des Puer Robustus, der stört, um beengende Verhältnisse zu lockern, wie beispielsweise Wilhelm Tell oder die Akteure des gescheiterten Arabischen Frühlings – und damit dem Ganzen dienen.
  • Ein Puer Robustus, der von der Sehnsucht nach Schönerem und Besserem getrieben ist wie Heinrich von Kleist, der schlussendlich den Freitod wählt: „Mein Herz gleicht dem Keim einer Südfrucht, die im hohen Norden nicht zur Reife kommen kann“.
  • Und schlussendlich der exzentrische oder gestörte Störenfried, der stört, um der Störung – und Zerstörung - willen. Thomä nennt ihn auch den brisanten oder gestörten Störenfried.
  • Eine weibliche Form – die Puella Robusta – sieht Thomä in der Figur von „Nora“ aus Henrik Ibsens Puppenheim: „Ich will auch ein Mensch sein“, sagt sie und schlägt die Tür hinter sich zu.

 

Der „gute“ und der „böse“  Störenfried


Dieter Thomä stellt sich in seiner Arbeit wesentliche Fragen. Zunächst einmal die Frage, gibt es den „guten“ und den „bösen“ Störenfried und bezieht sich dabei auf Stuart Miller, der befindet, dass eine gesunde Gesellschaft auch den Exzentriker braucht. Ja. Auf der anderen Seite der Skala steht dann jedoch eben der gestörte Störenfried, der diktatorische, ja tyrannische Machtansprüche stellt und auch noch aus Freude an der Bosheit in den Wunden der Opfer bohrt. Damit kommt Thomä zur Frage, wann Revolution legitim wird und auf welche Art. Ich möchte hier daran erinnern, dass auch Jesus, Ghandi und Martin Luther King zum Typ des Puer Robustus zählen – und Revolution ganz klar auch friedlich sein kann. Klar ist auf jeden Fall, dass der Puer Robustus immer eine politische und politisch motivierte Figur ist. Menschen vom Schlag eines Jack Unterweger oder Anders Behring Breivik gehören ganz sicher nicht in diese Kategorie. Aber das hat Thomä auch nicht gesagt.