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20.09.2016 |  Raffaela Rudigier

Der ganz normale Wahnsinn - Doris Knechts Erzählungen "Langsam, langsam, nicht so schnell!"

Teenagerprobleme, mütterliche Unzulänglichkeiten und der ganz normale Wahnsinn einer berufstätigen Mutter – Doris Knechts fünfter Kolumnen-Band ist witzig, bissig und manchmal auch ein bisschen bitter.

Die (in Wien lebende) Vorarlberger Autorin Doris Knecht erheitert in ihren Kolumnen schon seit vielen Jahren die geneigte Leserschaft mit wahren und halbwahren Schwänken aus ihrem Leben. Viele davon drehen sich um das Leben mit ihren Zwillings-Mädchen, den „Mimis“. Die sind jetzt gerade ins Teenager-Alter gekommen und stellen ihre Mutter vor völlig neue Dimensionen von Erziehungs-Problemen: Soll man das Smartphone nicht lieber doch verbieten („Ich weiß die Antwort nicht. Ich habe beides probiert, mitunter gleichzeitig, so viel zu meinem konsequenten Erziehungsstil.“)? Wie sehr muss man den Musik-Geschmack des Nachwuchses respektieren? Wie kann eine Mutter noch einigermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben und es trotzdem vor Mitternacht ins Bett schaffen?

Weitere Herausforderungen für Eltern im 21. Jahrhundert: Der rätselhafte Ruhm bekannter Youtuber und der damit einhergehende piefkinesische Sprachgebrauch der Kinder, Smartphones als machtvolle Mobbing-Instrumente und „wie man seine Kinder ordentlich enttäuscht“.

Dass dieses Leben oft mehr als anstrengend ist, liegt auf der Hand: „So, jetzt schnalzt die also auch durch. Aha. So schaut das aus, wenn die die Nerven wegschmeißt, kläglich, tragisch und interessant. Ja, genau, so schaut das aus. Aber der ganze Tag war schon Scheiße. Den ganzen Tag hätte ich schon wegen nichts davonrennen wollen, aber kann man ja nicht machen, geht ja nicht, keine Zeit: arbeiten, Zeug organisieren, Einmaleins üben mit den Kindern. Und man ist bitte erwachsen.“

An den Ansprüchen, die an moderne berufstätige Mütter gestellt werden, kann man nur scheitern: „Das schlechte Gewissen jener Generation von Frauen, die beschlossen hat, alles zu dürfen, alles können zu wollen und alles schaffen zu können, und von denen man das dann auch erwartet. Auch wenn man dann fix irgendwann und immer wieder zu hören kriegt, dass man doch einmal runterkommen soll. Jetzt entspann dich doch mal!“

Nicht zuletzt deshalb hat man inzwischen wohl doch auch Yoga, Schlafen vor Mitternacht und Gartenarbeit für sich entdeckt – und setzt sich damit dem Spießbürger-Verdacht aus. „Natürlich: Das muss man aushalten wollen und können, so ein weitgehend kickfreies Leben. Bzw.: ein Dasein eh voller Kicks, die aber so winzig sind, dass sie für andere mit freiem Auge nicht erkennbar und leicht mit einer Art Wachkoma zu verwechseln sind.“

Umgangsprachlich, direkt


Wer Knechts Kolumnen hin und wieder liest, trifft auch hier wieder auf alte Bekannte: die Mimis, Haemmerli oder die Horwaths. Im neuen Geschichten-Band ist allerdings „der Lange“ abhandengekommen. Hat man was verpasst (ja ok, die zwei vorigen Bücher), schreibt hier plötzlich eine Alleinerzieherin? Keine Ahnung.

Knechts Schreibstil ist umgangsprachlich, direkt und nach wie vor gespickt mit Anglizismen: man ist „full of no coffee“, es ist „alles easy“ und die Osteopathin hat „healing hands“. Zahlreiche östliche Austriazismen könnten dem deutschen Leser vielleicht die Lektüre erschweren: die Tochter ist „schlampert“, „pickiger grind“ klebt in allen Winkeln, das unaufmerksame Publikum wird mit „Gusch“ angeschnautzt und „Oida“ gehört zum Standard-Repertoire.

„first world problems“


Doris Knecht polarisiert mit ihren Kolumnen, wie etwa Kommentarfelder unter ihren Artikeln oder Kunden-Rezensionen ihrer Bücher zeigen. Hier schreibt eine privilegierte Frau der Mittelschicht über ihre „first world problems“, wofür sie natürlich ausgiebig gescholten wird. Gerade in Zeiten öffentlicher (digitaler und meist anonymer) Hasskampagnen, die vor allem (weibliche) Schreiber überziehen, ist es nach wie vor erfrischend, dass hier eine Frau ihre Meinung ins Schaufenster stellt und trotz allem öffentlich über ihr Leben schreibt.

Knechts Themen kann man „bobo“ finden. Klar, nicht jeder lebt zwischen urbaner City-Slicker-Künstler-Gesellschaft und feinem Wochenend-Haus im „Waldviertler Bullerbü-Idyll“ (Brotbacken und Tomaten anbauen inklusive). Doch die mütterlichen Probleme mit Heranwachsenden, Schlafmangel und Jobstress sind weithin bekannt und Knecht beschreibt sie seit Jahren treffend pointiert und schonungslos ehrlich.

 

Doris Knecht, Langsam, langsam, nicht so schnell! – Geschichten vom Leben unter Teenagern, 208 Seiten, € 17,90, ISBN: 978-3-7076-0582-2, Czernin Verlag, 2016

 

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