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07.01.2021 |  Markus Barnay

Braune Spuren unter der weißen Pracht - die „Edition Skispuren“ widmet sich zwei NS-Skistars vom Arlberg

Es hätte eine nette kleine Veranstaltung werden sollen: Am Montag, 16. März 2020, luden die „Friends of Hannes Schneider“ nach St. Anton am Arlberg in „Pepis Skihotel“ ein, um die neueste Ausgabe ihrer „Edition Skispuren“ zu präsentieren. Sie ist zwei Skirennläufern vom Arlberg gewidmet, die zu Lebzeiten nicht nur sportlich von sich reden machten, sondern auch als Aushängeschilder der nationalsozialistischen Propaganda: Willi Walch aus Stuben und Pepi Jennewein aus St. Anton, der Großonkel des heutigen Hotelbesitzers. Aus der netten kleinen Veranstaltung wurde leider nichts, denn drei Tage zuvor war St. Anton in einer später viel kritisierten Hau-Ruck-Aktion unter Quarantäne gestellt worden. Dabei ist es durchaus bemerkenswert, dass sich die Nachkommen von Pepi Jennewein ganz offensichtlich mit der Geschichte ihres Vorfahren beschäftigen und nicht, wie viele andere, sie einfach verdrängen.

Blinde Flecken im Geschichtsbild

Der Ski-Club Arlberg beispielsweise listet zwar die Medaillengewinner unter seinen Mitgliedern auf seiner Homepage auf, unter ihnen natürlich auch Walch und Jennewein, gewürdigt wird dort aber aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nur ein Mitglied: Skipionier, Filmstar und Skilehrer Hannes Schneider, der 1938 von den NS-Schergen verfolgt wurde und bald darauf in die USA emigrierte (die Gründe für die Emigration sucht man im Kurzporträt auf https://www.skiclubarlberg.at allerdings vergeblich). Die „Foundation Friends of Hannes Schneider“ rund um den Dornbirner Industriellen Martin Rhomberg hat sich wohl auch wegen solcher blinder Flecken im Geschichtsbild der „Wiege des alpinen Skilaufs“ der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte des Wintersports im Allgemeinen und des Umfelds von Hannes Schneider im Besonderen verschrieben. In diesem Zusammenhang erschien 2017 eine Ausgabe der „Edition Skispuren“ über Georg Eisenschimmel, den jüdischen Sponsor der katholischen Kirche von Stuben (er hatte eines der großen Glasfenster gestiftet) und 2018 eine über das „Fuchsloch“, das 2015 abgebrochene Geburtshaus von Hannes Schneider.

WM-Medaillengewinner und NS-Propagandisten

In der „Edition Skispuren_N° 3“ geht es jetzt also um die braunen Spuren unter der weißen Pracht, um zwei „NS-Posterboys“ (© Ingrid Bertel, ORF Vorarlberg), die sich der NS-Propaganda und deren Zielen unterordneten, und die beide in jungen Jahren einen „Heldentod“ starben: Willi Walch wurde 1912 in Stuben geboren, startete für den Ski Club St. Anton und gewann unter anderem zwei Silber- und eine Bronzemedaille bei Ski-Weltmeisterschaften (Chamonix 1937 und Zakopane 1939). Vor allem stellte er sich aber als Nachwuchsleiter und Kursleiter für den „NS-Reichsbund für Leibesübungen“ in den Dienst des nationalsozialistischen Sportsystems und trat unter anderem in Skilehrfilmen auf: „Walch wurde auf diese Weise zu einem Vorbild für die junge Skigeneration im Nationalsozialismus, die in Skilehrkursen der HJ mithilfe der Lehrfilme im Skilauf instruiert und auf den Winterkrieg vorbereitet wurde“, schreibt Andreas Praher in seinem Beitrag über Walch und Jennewein.
Es deutet einiges darauf hin, dass Walch die Nationalsozialisten nicht nur propagandistisch unterstützte, sondern auch an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein könnte: Das Gebirgsjägerregiment 98, dem Walch angehörte, ging beim Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 mit äußerster Brutalität ans Werk und „machte keine Gefangene“, sprich: tötete Kriegsgegner, die im Lauf eines Gefechts verwundet wurden. Ob Walch auch an den von Wehrmachtssoldaten begangenen Massakern in den eroberten Dörfern beteiligt war, geht aus den bisher bekannten Quellen nicht hervor. Sicher ist, dass er dazu nicht lange Gelegenheit hatte – er war einer der ersten Gefallenen seiner Kompanie.

„Erbgesund“ an der „Ordensburg“

Etwas länger überlebte der zweite Star vom Arlberg, der von der NS-Propaganda lange als „leuchtendes Vorbild“ (so der NS-Berichterstatter Günther Flaig) herumgereicht wurde: Der 1919 in St. Anton geborene Pepi Jennewein gewann 1939 bei der Ski-Weltmeisterschaft in Zakopane eine Gold- und zwei Silbermedaillen. Auch er stellte sich freiwillig in den Dienst der NS-Propaganda und bewarb sich erfolgreich um die Aufnahme an der nationalsozialistischen „Ordensburg“ in Sonthofen, einer Ausbildungsstätte für den sportlich ambitionierten und „erbgesunden“ Nachwuchs, der zugleich ideologisch und militärisch geschult werden sollte: „Der deutsche Skisport (wird) sein Ziel erst dann erreicht haben, wenn der deutsche Sportler vom deutschen Soldaten nicht mehr zu unterscheiden sein wird“, hieß es 1941 im „Burgbrief“ der Sonthofener Ordensburg (zitiert von Christof Thöny in seinem Beitrag über diese Ausbildungsstätte).
Pepi Jennewein war nicht der einzige Skisportler aus St. Anton am Arlberg, der in Sonthofen im Allgäu ausgebildet wurde: Auch sein Bruder Peter und die Rennläufer Pepi Gabl, Karl Margreiter und Albert Pfeifer wurden dort geschult. Pfeifer und Jennewein erlitten ein ähnliches Schicksal: Beide hatten sich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet, beide starben nach einem Abschuss bzw. einer misslungenen Notlandung im Sommer 1943 – der eine (Pfeifer) nach einem Einsatz über England, der andere (Jennewein) an der Ostfront. Doch auch im Tod war Jennewein der größere Star: Ihm wurde noch posthum das Ritterkreuz verliehen, weil er vor seinem Tod viele gegnerische Flugzeuge abgeschossen hatte. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt.  

120 Jahre Skiclub Arlberg: Geschönte Geschichte?

Die „Edition Skispuren“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Wintersports zu erforschen. Dazu gehört natürlich auch die Untersuchung der Verbindung zwischen Spitzensport und Nationalsozialismus und die Tatsache, dass sich die einen (Jennewein, Walch und Co.) davon vereinnahmen ließen, während andere – wie Hannes Schneider – dagegen auftraten und ihre Heimat verlassen mussten (Schneider hatte sich den Zorn der Nazis ja bekanntlich zugezogen, weil er mit seinem Freund Rudolf Gomperz, dem jüdischen Tourismuspionier von St. Anton, zusammenarbeitete und in seiner Skischule gegen illegale Nazis vorgegangen war). Im Jänner 2021 feiert übrigens der Skiclub Arlberg sein 120-jähriges Bestehen, im September findet die – wegen der Covid-Pandemie verschobene – 120. Generalversammlung statt. Man darf gespannt sein, ob sich dann nicht nur die kleine „Foundation Friends of Hannes Schneider“ den problematischen Aspekten der Vereinsgeschichte widmet, sondern der SCA selbst.

Markus Barnay ist Redakteur des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Andreas Praher/Christof Thöny: Pepi Jennewein und Willi Walch. Zwei Spitzenläufer im NS-Machtgefüge. Edition Skispuren N°3. Lorenzi Verlag Bludenz, ISBN 978-3-9504113-8-6

Freitags um 5 mit Christof Thöny: Geschichts-Dialog über „Nansens Nachfolger und ihre Spuren. Die Anfänge des Skilaufs in der Bodenseeregion“
22.1.2021, 17 Uhr, vorarlberg museum

Pepi Jennewein am Galzig (© Fam. Steffi Jennewein)

Pepi Jennewein am Galzig (© Fam. Steffi Jennewein)

Willi Walch bei großdeutschen Skimeisterschaft, Slalom, in Kitzbühel 1939

Willi Walch bei großdeutschen Skimeisterschaft, Slalom, in Kitzbühel 1939

Blick auf die Ordensburg, nationalsozialistische Ausbildungsstätte in Sonthofen, 27.06.1938 ( © Eugen Heimhuber)

Blick auf die Ordensburg, nationalsozialistische Ausbildungsstätte in Sonthofen, 27.06.1938 ( © Eugen Heimhuber)

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  • Pepi Jennewein am Galzig (© Fam. Steffi Jennewein) Pepi Jennewein am Galzig (© Fam. Steffi Jennewein)
  • Willi Walch bei großdeutschen Skimeisterschaft, Slalom, in Kitzbühel 1939 Willi Walch bei großdeutschen Skimeisterschaft, Slalom, in Kitzbühel 1939
  • Blick auf die Ordensburg, nationalsozialistische Ausbildungsstätte in Sonthofen, 27.06.1938 ( © Eugen Heimhuber) Blick auf die Ordensburg, nationalsozialistische Ausbildungsstätte in Sonthofen, 27.06.1938 ( © Eugen Heimhuber)