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02.11.2016 |  Mirjam Steinbock

Stets zu Diensten alter Bäume: Conrad Amber und die „Baumwelten“

Das Buch „Baumwelten“ wiegt schwer, 3 kg um genau zu sein. Es bedarf daher einer gewissen Achtsamkeit, Conrad Ambers Erstlingswerk auf den Tisch zu legen und die großformatigen Seiten umzuschlagen. Schließlich fühlt man sich hineingezogen in die faszinierende Welt so einzigartiger wie alter Lebewesen.

Ein spontanes Aufschlagen dieses Buches ist genauso möglich und es ist gleichsam spannend, welcher Baum sich einem zufällig offeriert. „Ah, ein Waldahorn. Der steht in Mellau, ein wunderbarer Kraftplatz“, erläutert Conrad Amber begeistert. Zu jedem der insgesamt 700 abgebildeten Naturkunstwerke weiß er eine sagenumwobene Geschichte oder kleine Anekdote zu erzählen. Aus über 30.000 Fotos, die er sechs Jahre lang auf seinen Reisen durch Österreich, Deutschland, die Schweiz und Südtirol machte, suchte er die richtigen aus, um sie in seinem Buch einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. „Es ist mir wichtig, dass meine Botschaft weit gestreut möglichst viele Menschen berührt“, sagt er. 

Die Haltung gegenüber Bäumen hinterfragen

Die Botschaft Conrad Ambers oder vielmehr sein passionierter Appell ist, dass wir unsere Haltung gegenüber Bäumen im Speziellen und der Natur im Allgemeinen hinterfragen und unsere Sinne sensibilisieren. „Ich stelle in diesem Buch fünfzehn Baumarten vor und von jeder Art sind das die ältesten und bekanntesten hier in Mitteleuropa. Ich zeige, wie alt sie werden und welche Wichtigkeit sie für unsere Natur und schließlich für uns selbst haben“, erläutert er seine Vision und verdeutlicht sie an einem Beispiel in seinem ansprechend gestalteten Buch: „Das ist eine Fichte, sie hat einen Stammumfang von acht Metern und ist rund 500 Jahre alt. Bei uns haben die dicksten Bäume vier Meter Umfang, wenn sie gefällt werden. Ich bin schon für Holznutzung, wir sitzen hier auch an einem Holztisch, ich plädiere aber für eine nachhaltige, ohne Raubbau betriebene.“
Zeuge von Raubbau wird Conrad Amber oft und es geht ihm ganz offensichtlich nah, wenn Bäume verletzt oder vernichtet werden. Oft aus Unwissenheit oder schlimmer noch, aus Ignoranz, vermutet der Baumfreund: „Da hat man jahrhundertelang Fehler gemacht und hohle Stämme ausbetoniert oder Bäume gefällt, weil man dachte, sie seien krank. Dabei ist ein hohler Stamm ganz natürlich bei einem sehr alten Baum. Man muss wissen, um eine große Krone zu tragen, ist ein Rohr viel stabiler als ein Vollholzstamm. Und das weiß der Baum. Linden etwa laden sich Pilze und Insekten ein, um ihr Inneres auszuhöhlen. Nach 600 Jahren hat eine Linde Innenwurzeln, eine Innen- und Außenrinde und ist stabil wie nie zuvor. Nur lässt man ihr kaum noch Zeit, das zu machen.“, gibt der Fotograf zu bedenken. 

Einladung zu Entdeckungszügen

Seine eigene Verbindung zu Bäumen zeichnet auch schon einige Jahresringe. Er war zwölf, als sein Vater mit ihm einen Wald im Vorarlberger Ried anlegte. Dieser besteht heute aus 140 Bäumen und Conrad Amber, längst selbst Vater, besucht ihn nun mit seinen eigenen Töchtern. Er wuchs als Jugendlicher quasi im Wald auf. Daher weiß er um dessen Rhythmus und dass es Zeit und Achtsamkeit braucht sich auf ihn einzulassen, um schließlich zu entdecken, was er einem bietet. Am liebsten betrete er ihn barfuß, sagt er, und allein. Lediglich begleitet von seiner Ausrüstung, die, bestehend aus Digitalkameras, den Objektiven, dem Stativ und seiner Wasserflasche, immerhin ein Gewicht von sechzehn Kilo hat. Viele Stunden und Tage verbringt Conrad Amber in schattigen Wäldern, auf sonnigen Wiesen, auf schneebedeckten Hängen und im steinigen Gebirge, um schließlich den einen Baum zu finden. Dieses eine Exemplar, das ihm durch seine äußere Gestalt, durch seinen formenreichen Stamm, durch seine raue Borke, die ausladenden Äste und das Blattwerk ein respektvolles Staunen abringt. Am Ziel angekommen, legt er sich oft für eine Weile hin und schläft nicht selten an eben dem Platz ein, dessen Atmosphäre und Hauptdarsteller er später versuchen wird, im Bild einzufangen. Das sei nicht immer einfach, sagt er. Die nur eine Dimension der Fotografie stehe im Widerspruch zur Dreidimensionalität des Realen. Damit erklärt sich eine weitere Absicht des Baumliebhabers. Das Buch soll den Lesenden auch ein Anreiz sein, selbst Entdeckungszüge zu beeindruckenden Bäumen und Wäldern zu unternehmen. Die jeweils zu den Fotos angeführten Geodaten sowie eine Karte ermöglichen es, diese zu finden. Der Autor freut sich über Rückmeldungen und erhält sie auch von seinen zahlreichen Facebook-Freunden, die so manche Baum-Entdeckung teilen. „Wenn ich lese ‚Wir sind drei Stunden gewandert, endlich war der Baum da, das war der Höhepunkt unseres Urlaubs‘, dann freut mich das sehr. Das ist eine andere Qualität des Erlebens“, schwärmt Conrad Amber. Sein Konzept, viele Menschen für das Thema zu begeistern, scheint aufgegangen zu sein. In nur einem Jahr verkauften sich 12.000 Exemplare der „Baumwelten“, ein zweites Buch steht bereits kurz vor dem Druck.

Den geeigneten Verlag fand der Naturliebhaber mit großer Eigeninitiative, Ausdauer und Geduld. Fähigkeiten, die ihm als Fotograf bekannt sind. Vielleicht legte sein vorheriges Leben als Gründer eines Fachgeschäftes für Künstlerbedarf und einer Agentur für Kunstvermittlung aber auch den Grundstein für seine Herangehensweise. Mit einem Probebuch unter dem Arm setzte er sich in die Vorzimmer einiger Buchverlage, um dort die Chance zu nutzen, den entsprechenden Lektor zu treffen und ihm seine Idee vor Augen zu führen. Der Plan ging auf, schließlich hatte Conrad Amber den Luxus, unter drei Verlagen einen aussuchen zu dürfen. „Du musst nur akzeptieren, dass Du abgewiesen wirst“, lautet sein Credo.

Der Autor vermittelt auch gern in Vorträgen, was zum Leben der Bäume gehört und was wir alle für deren Fortbestand beitragen können. Im Laufe der Jahre hat er sich viel Wissen angeeignet und steht in ständigem Austausch mit Wissenschaftlern und naturverbundenen Vereinen. Seine eigene Begeisterung, verwoben mit Geschichten und Sagen über die riesigen grünen Lebewesen, übertragen sich vermutlich nachhaltig auf diejenigen, die Conrad Ambers Buch betrachten oder die den Autor persönlich beim Erzählen erleben. Wohl ganz in seinem Sinne ist, wenn sich so mit jedem Gang in den Wald hinein auch ganz viele menschliche Wurzeln ihren Weg ins Erdreich suchen.

 

„Baumwelten“
Vortrag von Conrad Amber
im Rahmen der AK Vorarlberg-Reihe „Wissen fürs Leben
4.11. 2016, 19.30 Uhr
AK Feldkirch

 

Conrad Amber, Baumwelten und ihre Geschichten, 448 Seiten, € 49,99 , ISBN 978-3440145944, Franckh Kosmos Verlag, 2015

Sechs Jahre lang machte Conrad Amber auf Reisen durch Österreich, Deutschland, die Schweiz und Südtirol über 30.000 Fotos: Saoseosee im Val Poschiavo

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Nach 600 Jahren hat eine Linde Innenwurzeln, eine Innen- und Außenrinde und ist stabil wie nie zuvor

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  • Sechs Jahre lang machte Conrad Amber auf Reisen durch Österreich, Deutschland, die Schweiz und Südtirol über 30.000 Fotos: Saoseosee im Val Poschiavo Sechs Jahre lang machte Conrad Amber auf Reisen durch Österreich, Deutschland, die Schweiz und Südtirol über 30.000 Fotos: Saoseosee im Val Poschiavo
  • Nach 600 Jahren hat eine Linde Innenwurzeln, eine Innen- und Außenrinde und ist stabil wie nie zuvor Nach 600 Jahren hat eine Linde Innenwurzeln, eine Innen- und Außenrinde und ist stabil wie nie zuvor