Veronika Dirnhofer Ausstellung: „Connected" bis Ende März 2023 Haus BE 2226 (Lustenau)
Peter Niedermair · 15. Jän 2015 · Literatur

„Wir schleppen immer noch Lustenauer Senf hinüber“ - Ingrid Klosers Erzählung „Nur zu Hause“

Es gilt auf ein kleines aber wichtiges Büchlein hinzuweisen. Ingrid Kloser legt eine komplex verschränkte Erzählung vor, in der sie der Auswanderungsgeschichte ihrer Harder Großeltern, Franz und Stefanie Kloser, nachgeht, die sich jedoch nicht um sozialhistorisches Material konstruiert. Dieser Art Geschichten sind historisch aufbereitet, u.a. 1996 von Werner Dreier, der mit „Colónia Áustria. Bairro da Seda“, die Geschichte Vorarlberger Auswanderer nach Brasilien erzählt.

„Nur zu Hause“ ist das erzählende Eintauchen der Enkelin in ein Familiennarrativ, das über das Individuelle hinaus Modellhaftes repräsentiert. Die offene Erzählweise holt die transgenerationellen familialen Erzählstränge ein Stück weit an die Oberfläche, wenngleich, wie es die Erzählung eindrücklich belegt, damit noch längst nicht alles Sagbare und die historischen Einbettungen ans Licht kommen.

Das Lebensgefühl, der eigentliche Topos der Erzählung, wird zwischen Hard und der Kolonie so intensiv parallel changierend geführt, dass ich beim Lesen mitunter gar nicht mehr recht wusste, an welchem Ort die Erzählung gerade spielt. Die Fotos, die die Großeltern beim Weggehen mitnahmen, werden in der landwirtschaftlichen Siedlung der Colónia Áustria an die Wände der selbst gezimmerten Hütte geheftet und sind so etwas wie eine Selbstvergewisserung, der Bodensee und die Schwäne und die Orte dort, von wo man sich Post erhofft, oft vergebens. Es ist manchmal fast so, als teilten sie ihre Leben fiktiv auf, wie in einer erinnernden Gegenüberstellung, die die Erzählstränge assoziativ und im Konjunktiv weitertreibt, „wenn es doch jetzt einen Löffel Riebel gäbe“, oder „Glück wäre, wenn …“ sagte sie. Der anspruchsvolle Text konstituiert sich aus den Spannungspolen des Hier und Dort, hier nichts mehr erwarten, dort die Männer, die zwar in der ersten Reihe stehen, doch die Frauen alles tragen. „Wir dürfen nicht verkommen, hatte die Mutter immer wieder gesagt.“ Sehr viele Szenen gehen gerade durch das Stilmittel der Reduktion unter die Haut, deutlich in den Gewaltszenen. Viele frauenspezifische Aspekte tauchen auf, die, wie man weiß, alle Emigrationssnarrative stark prägen; wer trägt wofür Verantwortung, wer ist für das Leben zuständig?

Die Suche nach Glück


Die Großeltern wanderten 1925 in die 1921 gegründete Colónia Áustria aus, Lustenauer, Harder und ein paar Bregenzerwälder auf dem Schiff, das von Genua ablegte, nach Santos, dem brasilianischen Kaffeeumschlagplatz. Die Suche nach Glück ist das eigentliche Motiv; der Glücksbegriff wird denn auch in zahlreich auftauchenden Perspektiven variiert, umschrieben „Es soll Familien geben, die Glück hatten. Hier ist Glück Regen und eine gute Ernte.“ (S. 39) Stefanie und Franz Kloser aus Hard lebten bis in die vierziger Jahre in der „Colónia Áustria“, gingen dann nach Itararé, in die Stadt. 1950 kehrten sie nach Hard zurück. Sprachlich ist Franz Kloser in Brasilien ein Harder geblieben. Er weigerte sich, auch nur ein Wort Portugiesisch zu lernen. Auch wenn Franz etwas Gold fand, bescheiden, Glück wäre anders, oder.

 

Lesung am 22. Jänner 2015, 19 Uhr, Bibliothek Lustenau, Pontenstraße

 

Ingrid Kloser, Nur zu Hause. Erzählung, 84 Seiten, € 13,50, Softcover, ISBN 978-3-99018-261-1, Bucher Verlag, Hohenems, 2014