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26.04.2011 |  Ingrid Bertel

„Verdammt in alle Seeligkeit“ – Stephan Alfares Roman „Der dritte Bettenturm“

In den Büchern von Stephan Alfare wird spätestens ab Zeile zehn verlässlich Bier getrunken. Daran hat sich auch im jüngsten Roman nichts geändert. Allerdings, für den Helden mit dem sprechenden Namen Victor Flenner, ist bald Schluss mit Rausch und Gaudi. Er liegt auf der Intensivstation und kämpft um sein Leben. „Der dritte Bettenturm“ zeigt eine grundlegend neue Facette von Alfares Schreiben.

Säufer und Junkies sind sie alle zusammen, Victor Flenner und seine Schwester Leira, Jean, der Maler, Elvira, die Hausiererin und der einäugige Korbflechter – eine trübe Gesellschaft, die in ihrer Zugedröhntheit meist nicht viel mehr als die eigene Angst wahrnimmt. Am übelsten ist Flenner beisammen. Getrunken hat er schon als Junge, aber wirklich schlimm wurde es nach dem Erscheinen seines letzten Buches. „Man sollte meinen, einer freue sich drüber, wenn er gedruckt wird“, meint Leira ratlos. „Ich jedenfalls würd Luftsprünge machen.“ Flenner kann von Luftsprüngen nicht einmal mehr träumen. Nach einer Notoperation wurde er in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Vielleicht bleibt er ein Pflegefall, ein Leben lang, kann nicht mehr gehen, nicht mehr sprechen. Jedenfalls bleibt er auf unbestimmte Zeit auf Ebene 17, Station A, dritter Bettenturm.

Am Leben leiden

Weil sie ihm anders nicht helfen können, putzen die Freunde Flenners völlig verdreckte Wohnung. Jean, mittlerweile abstinent, knipst jeden Winkel, vor allem die Orte, an denen Flenner beinahe verblutet ist. Leira öffnet den Küchenschrank und kann den Blick nicht vom vergammelten, von Maden übersäten Schweinebraten abwenden. Faulig, von Maden übersät wird sie auch ihren Geliebten Bedrich finden, der seinen Depressionen mit Tabletten ein Ende bereitet hat. Alfare kennt die Zerfallsprozesse des Körpers genauestens – und er richtet einen bangen Blick darauf, denn in seinen Figuren steckt ebenso viel Lebensgier wie Lebensangst, ebenso viel Selbstekel wie Mitleid.
Am Leben leiden sie alle. Flenner wendet den Blick still zur Decke und zählt die Dämmplatten, während er die künstliche Ernährung und den CPAP-Helm zur Sauerstoffzufuhr erträgt, einen weiteren epileptischen Anfall und eine  Lungenentzündung, er verliert sich in schwammigen Erinnerungen – während Leira in eine alkohol- und diazepambenebelte Dumpfheit verfällt und Juliette ihren rückfällig gewordenen Jean aus der gemeinsamen Wohnung schmeißt. Orientierungslos pendeln die Kinder zwischen diesen Welten – Elviras mongoloider Sohn, Leiras buckliger Computerjunkie Félix und Marcel, der seinem Vater Jean in den schlimmsten Rausch-Ängsten beisteht.
„Was werden Sie tun, wenn Sie aus dem Krankenhaus entlassen werden?“ fragt ein Psychiater Flenner, „was haben Sie vor?“ Und Flenner antwortet: „So viel wie gar nichts, Doktor. So, wie’s immer gewesen ist.“
Sie leben eben so dahin. Nur eine trotzt der Selbstzerstörung – die Malerin Juliette. Aber Alfare bringt ihr kein großes Interesse entgegen. Lieber entwirft er mit Jean Kunsttheorien und mit Flenner Schreibfreude. Allerdings: Schreiben ohne Zigaretten Marihuana und Bier – das hat für Flenner keinen Sinn. Aufzählen, was er sieht, die Gegenstände ebenso genau beschreiben wie die Handlungen der Menschen, so schreibt Alfare - ziellos, unvoreingenommen, traurig. „Verdammt in alle Seeligkeit“.

Stephan Alfare, Der dritte Bettentrum, Luftschacht Verlag, Wien 2011, 320 Seiten, ISBN 978-3-902373-66-3, 22 €

Stephan Alfare – seine Romanfiguren nehmen in ihrer Zugedröhntheit meist nicht viel mehr als die eigene Angst wahr © David Prascaits

Stephan Alfare – seine Romanfiguren nehmen in ihrer Zugedröhntheit meist nicht viel mehr als die eigene Angst wahr © David Prascaits

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  • Stephan Alfare – seine Romanfiguren nehmen in ihrer Zugedröhntheit meist nicht viel mehr als die eigene Angst wahr © David Prascaits Stephan Alfare – seine Romanfiguren nehmen in ihrer Zugedröhntheit meist nicht viel mehr als die eigene Angst wahr © David Prascaits