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09.11.2011 |  Ingrid Bertel

„Ökologische Architektur in Vorarlberg“ von Dominique Gauzin-Müller

Die Architektin und Architekturkritikerin Dominique Gauzin-Müller beschreibt in einer umfangreichen Studie die lokale Baukultur als soziales, wirtschaftliches und kulturelles Modell für Europa. Jetzt ist ihr Buch auch ins Deutsche übersetzt worden.

Ui! Das Vorwort hat’s in sich! „Vorarlberg ist heute in Europa das überzeugendste Vorbild für die Durchführung einer umweltbewussten Entwicklung auf regionaler Ebene“, schreibt Dominique Gauzin-Müller. Ihre These lautet, dass die Vorarlberger Baukultur wirtschaftlichen Aufschwung mit einem guten sozialen Klima und kultureller Entfaltung in einer natürlichen Umgebung von hoher Lebensqualität verbinde. Das ist mal ein dichter Lorbeerkranz, aber die Autorin weiß, was sie da zusammenflicht. In sechs detailgenau recherchierten Führungen beschreibt sie die wesentlichen Bauten zwischen 1960 und 2010.

„Hasaställ“ und „Vogelhüsle“

Dominique Gauzin-Müller vergleicht die internationale Wirkung der Vorarlberger „Baukünstler“ mit jener des „Bauhaus“ Weimar und Dessau: Beide Bewegungen seien ähnlich in ihrer Radikalität und Nachhaltigkeit; beide hätten eine grundlegende Architektur-Debatte ausgelöst. Und zwar nicht durch spektakuläre Einzelbauten, sondern durch raumgreifende Baukultur.
Von Beginn an war Holz das bevorzugte Baumaterial der Vorarlberger  Baukünstler. Damit verbunden ist, so Bruno Spagolla, der Anschluss an die handwerklich hochstehende Zimmermannskultur. Er erst ermöglicht eine nicht traditionell verstandene Holzbauweise. Nicht wenige Vorarlberger Architekten haben eine Ausbildung als Zimmermann (Johannes Kaufmann) oder Schreiner (Wolfgang Ritsch). Die Pioniere der 1960er-Jahre – Hans Purin, Leopold Kaufmann, Jakob Albrecht – stießen mit ihren Holzbauten allerdings auf Widerstand, bei der Bevölkerung ebenso wie bei den Behörden. Ihre bewusst funktionalen, einfachen Bauten wurden verhöhnt, das Flachdach geriet zum absoluten „No-Go“.

Wachsende Zahlen

Mittlerweile hat sich die Zusammenarbeit mit den holzverarbeitenden Berufen als einträglich erwiesen, rechnet Gauzin-Müller vor: Zwischen 1997 und 2004 stieg der Umsatz der Unternehmen um 60, die Exporte stiegen um 40 Prozent. Gleichzeitig – und das mag von der Tradition der Barockbaumeister geprägt sein – gibt es bei den Handwerkern ein klares Interesse an modernen Techniken und am Design. Koordinierende Aktivitäten übernehmen hier Institutionen wie der „werkraum bregenzerwald“ oder „holzbau_kunst“.

„Extrem banale Baukultur“

In den 1970er-Jahren, meint der Architekt Wolfgang Ritsch im Gespräch mit Gauzin-Müller, seien 95 Prozent des Baugeschehens von einer „extrem banalen, gesellschaftlich akzeptierten Baukultur“ dominiert gewesen, die sich in öden Wohnhochhäusern, monotonem sozialem Wohnbau, pseudoalpinen Hotels und einer geradezu grotesken Hässlichkeit öffentlicher Bauten zeige. Damals gab es in Vorarlberg etwa 20 Architekten. Heute, so Gauzin-Müller, beschäftigen 120 Planungsbüros etwa 700 Mitarbeiter. Das heißt: Auf 520 Einwohner Vorarlbergs kommt ein Architekt. Was ist da passiert?

Die Gruppe 16

„Während das Phänomen der Vorarlberger Bauschule sich auszuweiten begann, geriet die österreichische Bundeskammer der Architekten in Unruhe. Unter diesen Baukünstlern, deren Reputation schnell wuchs, führten einige den Titel des Diplomingenieurs, andere aber nur den des Magisters, einem (sic!) somit unzureichenden Abschluss, ein (sic!) zu Baubefugnis nicht ausreichender Titel!“ 1984 drohte die Kammer, einige Bauvorhaben für illegal zu erklären. Daraufhin schlossen sich 16 Architekten zusammen, um für eine liberalere Regelung einzutreten – unter ihnen Carlo Baumschlager, Dietmar Eberle, Helmut Kuess, Hans Purin, Wolfgang Ritsch und Bruno Spagolla.

Ohnehin hatten die Ölkrisen 1973 und 1979 ein neues ökologisches Bewusstsein geschaffen. Vorarlberg hat nach Wien die größte Bevölkerungsdichte, wobei ein Viertel der Menschen in der Rheinebene leben, die nicht mehr als 17 Prozent der Fläche ausmacht. Das führte bereits in den frühen 1970er-Jahren zu Überlegungen, wie eine Grünraumzone geschaffen werden könnte. Denn die negativen Auswirkungen der dichten Verbauung auf das Ökosystem sind deutlich spürbar. Dass die „Gruppe 16“  sich durchsetzen konnte und auch größere öffentliche Aufträge bekam, mag zu einem Sinneswandel mit beigetragen haben.

„3-Liter-Haus“ als nächster Schritt

Seit Beginn der 1990er-Jahre wird das Konzept des Energiesparhauses ständig verfeinert. 1995 wurden in Vorarlberg bereits 65 Prozent der vom Land subventionierten Wohnungen so gebaut, dass sie weniger als 55 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und Jahr verbrauchen. Die nächste Stufe war das „ 3-Liter-Haus“ mit seiner optimalen Nutzung von passiver Solarenergie, kontrollierter Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung und verstärkter Gebäudeisolierung. Walter Unterrainer, einer der Hauptinitiatoren des „3-Liter-Hauses“ betont hier die Vorteile der Holzskelettkonstruktion, bei der die Dämmung zwischen die Ständer integriert werden kann.

Auf dem Weg zum Passivhaus

Mittlerweile geht es um den Passivhaus-Standard, d.h. einen Verbrauch von weniger als 15 kWh pro Quadratmeter und Jahr. Für Frankreich, so klagt Gauzin-Müller, ein Fernziel: „In Frankreich verbrauchen die vor 1975 gebauten Häuser, die einen großen Teil des Wohnparks ausmachen, durchschnittlich noch 365 kWh pro Quadratmeter und Jahr.“ Nach der Konzentration auf Energieeinsparung und die Verwendung heimischen Holzes richtete als erster Christian Walch den Blick auf den Einsatz gesundheitlich unbedenklicher Materialien und ein schadstofffreies Raumklima. Das schließt Industrieholzderivate aus, bedeutet Dämmung durch Schafwolle und Zellulose, Mikro-Blockheizkraftwerk und Komposttoilette. Ein „Ökopass“ für die vom Land erteilten Wohnbau-Förderungen erlaubt die Evaluierung der Qualitäten eines Gebäudes nach 22 Kriterien.

„Vom Tisch“

Die Diskussion um moderne Architektur sei mittlerweile „vom Tisch“, betont Gerhard Gruber im Gespräch mit Gauzin-Müller. „Die Bauherren sind interessiert und gut informiert. Sie sind empfänglich für unsere Argumente und denken rational.“ Gruber meint damit etwa den Bürgermeister von Sulzberg, Helmut Blank. Denn in Sulzberg hat er unter anderem das multifunktionale Gemeindehaus – es beherbergt neben der Gemeindeverwaltung auch Post, Tourismusamt und einen Probenraum für Musiker – errichtet, ohne den „Öko-Aktivismus“ der mittleren Generation, wie Gauzin-Müller spitz anmerkt, aber mit dessen Ergebnissen.
Ähnlich konstruktiv verlief die Zusammenarbeit zwischen Architekten und Bürgermeistern etwa in Zwischenwasser (Solarvolksschule Dafins, Lehmbaukapelle Batschuns) oder Ludesch, wo Paul Amann das über zehn Jahre währende Bürgerbeteiligungsverfahren initiierte, das zum Bau von Hermann Kaufmanns vorbildhaftem Gemeindezentrum führte.

Sozialkapital

Dem Zusammenhang zwischen Sozialkapital und Bautätigkeit hat sich vor allem Wolfgang Ritsch gewidmet, indem er das Konzept der „lernenden Region“ entwickelte. Die zentralen Fragen: Wie bilden sich Gemeinschaften? Was macht das gemeinsame Gedankengut aus? Wie entsteht die kritische Masse, die eine Region verändert?

Wo sie entstehen könnte? Zum Beispiel in der von Baumschlager/Eberle 1998 errichteten Öko-Hauptschule Mäder. Die Ökologisierung der Schule war für Bürgermeister Rainer Siegele ein Anliegen, denn: „Eine nachhaltige Veränderung des Lebensstils der Bevölkerung kann nur über die Jugend erfolgen – deshalb hat sich die Gemeinde damals für die Errichtung eines Niedrigst-Energie-Gebäudes entschieden.“ Der Unterricht an dieser Schule wird erweitert um ein aktives, sich am lokalen Kontext orientierendes Wissen.

Schubkraft für ganz Europa

Gauzin-Müller hat ihr Buch in erster Linie als Appell an ein französisches Publikum geschrieben, aber auch in der Hoffnung, aus der Region Vorarlberg Schubkraft für das „gesamthafte ökologische Bauen in Europa“ zu gewinnen. Wie gesagt: ein üppiger Lorbeerkranz – aber einer mit Berechtigung: „Die Kompetenzübertragung hat bereits begonnen: Hermann Kaufmann, Preisträger des ersten Global Award for Sustainable Architecture 2007, hat einen „pavillon d’acceuil“ in Chanteloup-les-Vignes gebaut; sein Cousin Oskar Leo Kaufmann entwarf für ein Ehepaar aus der Touraine ein Haus aus vier SuSi Modulen. Fortsetzung folgt…“

 

Dominique Gauzin-Müller, Ökologische Architektur in Vorarlberg. Ein soziales, ökonomisches und kulturelles Modell, Springer Verlag, Wien/New York 2011, 408 Seiten, 1000 Abb., Hardcover, ISBN 978-3-7091-0239--8

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