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31.01.2015 |  Ingrid Bertel

„ein geheimnisvolles Tier, grundsonderbar von Natur“ - Arno Geiger legt ein „Selbstporträt mit Flusspferd“ vor

„Alles über Sally“ war ein Eheroman. „Der alte König in seinem Exil“ war ein Roman über das Alter. Auch in seinem neuesten Werk bleibt Arno Geiger programmatisch: Das Jungsein ist Thema seines „Selbstporträts mit Flusspferd“. Eine „Herzensangelegenheit“ sei ihm dieses Buch, an dem er zwei Jahre lang gearbeitet hat, es gehe ihm um die Besonderheiten der Jugend, betont der Autor im Gespräch. Es gehe um Risikobereitschaft und Neugier; „alles ist offen, alles ist instabil – und darin liegt eine so große Herausforderung“. Wer sage, die Jugend sei ein schwieriges Alter, da müsse man durch, sei schlicht oberflächlich. Der 20-Jährige „wohnt noch in mir“, sagt Arno Geiger. Und er sagt es mit Recht, denn kaum ein Autor ist dem hellen, nervösen Ton, dem offenen Blick, der Verletzbarkeit, dem bisweilen ungelenken, bisweilen überwältigend sensitiven Erleben junger Menschen so nahe gekommen wie Arno Geiger. „Mit halboffenen Augen in der Sonne liegen und die Blätter hören, die Tage sind lang wie Kaugummi“, liest man – und das Faszinosum des Arno Geiger-Tons zieht einen vom ersten Satz an in den Roman.

Julian Birk ist Student der Veterinärmedizin, und Julian Birk ist verzweifelt. Seine Freundin Judith hat ihn gerade verlassen. Wohl hat er selber monatelang auf diese Trennung hingearbeitet, wohl hört er betroffen, dass sie ihm ja nur „die Drecksarbeit“ abnehme. Aber als er seine Sachen aus der gemeinsamen Wohnung abgeholt hat, stürzt er in eine abgrundtiefe Verunsicherung. „Ich bin nichts mehr. In dem Moment, wo ich nicht mehr geliebt werde, bin ich nichts mehr!“ Dieser Gedanke kreist. Er könne sich eben an die eigene Unsicherheit erinnern, daran, „wie unmittelbar die Dinge an einen herankommen“, meint Arno Geiger. Doch empathische Erinnerung ist nur die eine Seite des Autors, die andere heißt Distanz. „Gute Literatur hat in den allermeisten Fällen ein kühles Herz“.

„schön wie ein Segelschiff in finsterer Nacht“


Das Herz der Leserin aber bleibt nicht kühl, denn Geiger hat eine leise surreale und doch ganz bodenständige Idee, Julian ein Spiegelbild zu verschaffen: Es ist ein Zwergflusspferd, das der Student einen Sommer lang pflegt. „Ich weiß nicht, woher das kam“, ist Geiger von der eigenen Intuition überrascht. Aber ein so hässliches, dickes, träges Tier eigne sich hervorragend als Spiegelfläche.

„Mensch, ist das groß!“ flüsterte ich.


In diesem Moment hatte ich die Schönheit dieses rundlichen, schwarzgrünen Geisterwesens natürlich längst erkannt, schön wie ein Segelschiff in finsterer Nacht, schön wie ein Priester im dunstigen Wald. Der Himmel spiegelte sich auf dem blanken, feuchten Rücken des Zwergflusspferdes.“

Ein Zwergflusspferd ist kein bester Freund. Man kann ihm nichts beibringen, man kann nicht mit ihm spielen, man kann es nicht einmal streicheln. Träge geht es seine eigenen Wege, „ein geheimnisvolles Tier, grundsonderbar von Natur“. Indem er die Kreatürlichkeit dieses fremden Wesens annimmt, findet Julian den Mut, zu sich selber zu stehen, sich zu akzeptieren mit allen Mängeln vielleicht sogar, seine eigene Schönheit zu empfinden. Das ist wichtig, denn „man wird unwichtig, wenn man verlassen wird, so kam es mir vor“.

„Weil er die Trennung so heftig empfindet, weil es ein so absolutes Denken ist –– darum findet Julian auch zu so einfachen Erkenntnissen“, betont Arno Geiger: „Der Schmerz gebiert diese Klugheit.“ Es ist aber doch auch die Klugheit des Autors. „Man kann das nie so ganz trennen, so sehr ich es mir wünsche.“

Als sich Julian im Herbst etwas gefangen hat, sitzt er vor dem Fernseher, stundenlang. Terroristen haben die Volksschule der nordossetischen Stadt Beslan überfallen und mehr als tausend Kindern als Geiseln genommen. „Ein älterer Mann, knapp fünfzig, in weiß-schwarzem Kampfanzug mit einem Gewehr am Rücken: er trägt ein etwa achtjähriges Mädchen in den Armen, er drückt sein weinendes Gesicht in den Rücken des Mädchens. Das Mädchen ist ganz dünn, die Beine des Mädchens wirken steif wie auf der Körper, man sieht, das Mädchen ist tot, wie gebadet im Schrecken der letzten Tage, nass, klebrig, blutig, nur in Unterwäsche.“

Unmittelbar darauf folgt Werbung. „Franz Beckenbauer redet über Geldgeschäfte, die Bilder zeigen Franz Beckenbauer beim Golfspielen: Auf dem Platz werden heute mehr Geschäfte gemacht als Abschläge, sagt Franz Beckenbauer. In allen Werbungen geht es um Geld, niemand hat genug davon, auch nicht Franz Beckenbauer.“ Das ist die Welt, in der Zwergflusspferde keinen Platz haben.

„dass die Welt immer wieder neu erzählt werden muss“


Arno Geiger bettet seine Geschichte in ein dichtes Netz aus Verweisen auf den Sommer 2004. Immer wieder hört sich Julian „Hedonism“ von Skunk Anansie an, im Kino laufen „Lost in Translation“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“, im Fernsehen die Olympischen Spiele von Athen. „Wenn man solche Romane ihrer Details berauben würde, dann würde nichts bleiben, was wichtig ist“, meint Arno Geiger. „Das ist vielleicht auch das Schöne für uns Schriftsteller, dass die Welt immer wieder neu erzählt werden muss, dass das Leben immer wieder neu gelebt wird. Sonst hätten wir ja mit „Madame Bovary“ und „Krieg und Frieden“, den tollen Romanen des 19. und 20. Jahrhunderts längst genug.“

„… lieber erst im Winter“


Doch so sehr Julian den Schmerz der Menschen in Beslan empfindet, so zart er die Kreatürlichkeit des Zwergflusspferds respektiert, er ist allemal jung genug, seinem Freund Tibor höchst unbefangen zu begegnen. Und Tibor ist ein rechter Rohling. Er bringt einen Hecht mit, der die Frösche im Flusspferd-Teich fressen soll und breitet dabei gleich den Gedanken aus, auch seine Freundin Claudi zu entsorgen. „Während der Fahrt redete nur Tibor. Er erzählte von dem Fischer, bei dem er den Hecht gekauft hatte, und wie er sich das Geräusch vorstellte, das entsteht, wenn der Hecht den Fröschen die Knochen bricht, und dass er sich von Claudi trennen werde, aber nicht im Sommer, lieber erst im Winter. Er redete ganz natürlich, mit natürlicher Offenheit, ganz unverstellt, es gibt nicht viele, die so sind.“

Arno Geiger umgibt Julians Studenten-WGs mit dem greisen Professor Beham, der sich auf den Tod vorbereitet, und mit dem kleinen Bruder Lauri. Und für Julian, der sich so viel Ungewissem stellen muss, ergibt sich aus dem Geplauder des kleinen Bruders eine Einsicht ohne rosa Masche: „Kinder können mit Ungewissheit nichts anfangen, sie sind herrisch und rechthaberisch. Ich glaube, wenn Erwachsene darüber reden, dass sie sich das Kindliche bewahren wollen, den Kinderblick, dann deshalb, weil sie gerne herrisch und rechthaberisch sind, gegen alle Ungewissheit.“

Julian dagegen will möglichst schnell erwachsen werden. Deshalb geht er zum Karate-Training. Konzentriert atmen, da wird der Kopf frei, da agiert er vollkommen natürlich. Und unvermittelt findet sich der Satz: „So müsste man auch schreiben können, einfach und unpoliert. Ich kenne niemanden, der das professionell beherrscht.“

Das ist, ganz unverstellt, das Credo des Autors Arno Geiger. Und ein zarter Hinweis auf sein Vorbild schmerzt schon beim Lesen: Judith hat Julians Sachen zusammengetragen, damit er sie abholt. Ein Geschenk, das er ihr einmal gemacht hat, liegt dabei. Ein Band mit Erzählungen von Anton Tschechow. .„Ich habe noch einmal hineingelesen“, sagt Judith, „ich schwör’s, es ist alles so trostlos, wie die Bauern da in ihren Hütten sitzen.“
Da ist zwar nicht Julian, aber der Leserin klar: die beiden sind einander „fremd bis zum Rätsel“, und Julian kann sich aufmachen in ein neues Leben – mit vielen Ungewissheiten und einem Flusspferd:
„Ich wollte mich am Strom dieser natürlichen Unbrauchbarkeit aufrichten, mich von ihm hinführen lassen an die Idee, dass das Leben auch gut und schön sein kann, wenn es zu nichts führt. Aber so ist der Mensch nun einmal nicht.“

 

Arno Geiger, „Selbstporträt mit Flusspferd“,  288 Seiten, € 20,50, ISBN 978-3-446-24761-1, Hanser Verlag 2015

©  D. P. Gruffot

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© Katharina Schweitzer

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