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12.04.2011 |  Raffaela Rudigier

“Something to tell home about” – Doris Knechts Romandebut „Gruber geht“

Die brillante Kolumnenschreiberin Doris Knecht hat ihren ersten Roman geschrieben. „Gruber geht“ ist ein spannendes, witziges, stellenweise trauriges Buch, das zu lesen sich lohnt. Mit scharfem Blick zerlegt Doris Knecht den Kosmos der modernen Menschen in unseren Breitengraden und trifft dabei voll ins Schwarze.

John Gruber ist ein „Mover und Shaker“ – er lebt ein Jetset-Leben zwischen Businesslounge und teuren Restaurants und findet sich dabei selbst sehr smart, schick und unwiderstehlich. Gruber trägt teure Schuhe, beste Markenkleidung und fährt on top of it einen Porsche. Sein ärgster Feind ist das Spießertum – auch nur annähernd normal zu sein, ist für ihn eine grauenhafte Vorstellung. Er säuft, nimmt Drogen und lässt keine Gelegenheit aus, Frauen aufzureißen. John Gruber ist eigentlich ziemlich unsympathisch. Seit Wochen trägt er einen ungeöffneten Brief aus dem Krankenhaus in der Tasche mit sich herum. Darin steht, dass er einen Tumor im Bauch hat. Gruber weiß das auch so; seltsame Bauchschmerzen begleiten ihn schon viel zu lange. Langsam ändert sich in Folge dessen einiges in und an John Gruber. Er erkennt, dass er nicht ein unverwundbarer Superman ist und eigentlich auch ganz gerne geliebt werden würde. Die Plastic-Fantastic-Welt bricht teilweise ein und der Protagonist durchlebt eine spannende Entwicklung.

Generation Facebook

Willkommen im 21. Jahrhundert! Da sind wir - ständig online übers Iphone, nie um einen coolen Spruch verlegen und kühl berechnend über Facebook: „Hartmann gibt bekannt, was er mit dieser neuen Tatort-Kommissarin alles gerne würde, Jenny bringt zur Kenntnis, dass die Welt voller Arschlöcher sei, speziell männlicher, Mayer zitiert Thomas Mann, die Hermann hat die Wolken gezählt und träumt jetzt den Mond an, die Eichberger ist draufgekommen, dass jemand namens Mick Jagger tolle Musik macht, der Stallinger hat eindeutig zu viel getrunken, denn er beschimpft seine Frau und zwar so, dass sogar seine engsten Freunde in den Kommentaren besänftigend auf ihn einwirken.“
Dabei wird klar, wie sehr das Leben vom Wirken nach außen bestimmt ist, etwa indem man ständig nachdenkt, wie man sich cool oder uncool verhält und dabei sogar absichtlich gegen das eigene Gefühl handelt: „Aber ich rief erst Ruth an, und Ruth sagte, auf keinen Fall. Auf keinen Fall antwortest du dem jetzt. Der hat dich so lange ignoriert, den ignorierst du jetzt auch, dem antwortest du unter keinen Umständen, das hast du nicht nötig. Schon klar, aber ich war so froh, dass der noch da war, und ich wollte sagen: Ich bin auch noch da, ich wollte, dass er aufwacht und eine Nachricht von mir auf seinem Handy findet und sich freut und froh ist (...).“ Man muss heutzutage eben ständig auf der Hut sein vor dem totschlagenden „Uncoolitätsverdacht“.

In a world of man, who are fighting to be warm

Der Leser sieht dem Protagonisten über die Schulter. Es klingt fast ein bisschen so, als würde der eitle Gruber sein Leben selbst kommentieren, indem er von sich nur als „der Gruber“ denkt, während ihn alle anderen John oder Johnny nennen: „Und da es sich Gruber nun einmal aussuchen muss, ob er jetzt a) lebt oder b) kneift und als harmloser, sittenfester, prinzipientreuer Spießer stirbt, entscheidet sich Gruber für Trommelwirbel Trommelwirbel Trommelwirbel: A. Verbeugung, Abgang.“
Das Bild von John Gruber vervollständigt sich, indem er aus verschiedenen weiblichen Perspektiven beleuchtet wird: seine Schwester, eine ehemalige Geliebte und vor allem die smarte Djane aus Berlin durchschauen den Mann und seine Spielchen und schauen ihm dabei in die Seele.

Easy – spooky – overacted

Doris Knechts Sprache ist einzigartig, treffend und erheitert mit ständig neuen Wortgebilden, wie „eine klassische Ficken-und-Shoppen-in-Paris-Tasche“, mit einem „Ich-bin-nämlich-ein-sehr-respektvoller-Gast-Lächeln“ oder einer „Wir-müssen-jetzt-zusammenhalten-Ansprache“. Ganz nebenbei sind im Roman endlos viele Anglizismen eingestreut, ganz so, wie die Coolen eben reden: da ist man „happy together“, oder jemand ist „spooky“, alles ist immer „easy“, auch wenn man sich manchmal „dizzy“ fühlt oder etwas „neverever“ macht, weil man es zu „overacted“ findet.

City Slickers und Musik

Sympathisches Insiderwissen von Wien über Zürich bis nach Berlin belebt den Roman – erfrischend wie Knecht es schafft diese Städte und ihre Bewohner derart pointiert zu charakterisieren. Musikalische Anklänge von Dylan (vor allem Dylan), über Eels bis hin zu Fiona Apple sind gut gewählt und bestens platziert.

Something to tell home about

Die Auseinandersetzung mit Krankheit und der Angst vor dem Tod, der Gesellschaft im 21. Jahrhundert, der Liebe und der Panik der modernen Individualisten sich fest zu legen - Doris Knechts überaus gelungener Debutroman ist absolut lesenswert und „something to tell home about“.

Doris Knecht, Gruber geht, Rowohlt Verlag, Berlin 2011, 240 Seiten, ISBN 978-3-87134-691-0, 16,95 €

Mit scharfem Blick zerlegt Doris Knecht den Kosmos der modernen Menschen in unseren Breitengraden und trifft dabei voll ins Schwarze. © Pertramer.at

Mit scharfem Blick zerlegt Doris Knecht den Kosmos der modernen Menschen in unseren Breitengraden und trifft dabei voll ins Schwarze. © Pertramer.at

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  • Mit scharfem Blick zerlegt Doris Knecht den Kosmos der modernen Menschen in unseren Breitengraden und trifft dabei voll ins Schwarze. © Pertramer.at Mit scharfem Blick zerlegt Doris Knecht den Kosmos der modernen Menschen in unseren Breitengraden und trifft dabei voll ins Schwarze. © Pertramer.at