Kultiger Beethoven in Feldkirch
Maria Wloszczowska und das Pforte Kammerorchester Plus sorgten wieder für Standing Ovations. Diesmal mit Ludwig van Beethovens Symphonie Nummer Acht.
Nun beginnen jene Abonnementzyklen, deren Konzerte nicht nach Saison, sondern analog zum Kalenderjahr programmiert werden, das Concerto Stella Matutina etwa oder das Kammerorchester Arpeggione. Den Anfang machte aber am Donnerstag und Freitagabend die „Pforte” mit ihrem ersten Abo-Programm im Festsaal der Stella Musikhochschule. Das Jahresmotto lautet diesmal: „Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander.“
Die Kombination von jungen Musiker:innen aus Kolumbien, Südafrika und Student:innen der Stella Musikhochschule mit der polnischen Geigerin und Orchesterleiterin Maria Wloszczowska ist mittlerweile zu einem Markenzeichen der Feldkircher Pforte-Reihe geworden. Insbesondere ihre Interpretationen der Musik Ludwig van Beethovens haben sich fast schon zu einem Kult entwickelt. Nachdem Maria Wloszczowska bereits mit den Symphonien Nr. 3 und 4 sowie dem Violinkonzert für Begeisterung bei Orchester und Publikum gesorgt hatte, stand diesmal Beethovens 8. Symphonie auf dem Programm. Ein Werk, das in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt und deshalb lange Zeit weder verstanden noch geschätzt wurde. Beethoven selbst – glaubt man dessen Schüler Carl Czerny – nannte sie „viel besser“ als seine am selben Abend uraufgeführte Symphonie Nr. 7. Die Achte ist gespickt mit musikalischem Witz, unkonventionellen Wendungen und verblüfft durch ihren unüblichen Aufbau. Statt eines langsamen Satzes steht an zweiter Stelle ein „Allegretto scherzando“, das Assoziationen an eine Uhr oder ein Metronom weckt. Für den letzten Satz fordert Beethoven wie so oft ein irrwitzig schnelles Tempo und sorgt damit sowohl bei Musikwissenschaftler:innen als auch bei Interpret:innen bis heute für Kopfzerbrechen.
Romantik im ersten Konzertteil
Jedes Pforte-Konzert wird durch einen „Impuls um halb“ eingeleitet. Die ursprünglich angekündigte Wiener Pädagogin Ilkay Idiskut war leider erkrankt. Schnell zauberte daraufhin die Pforte-Leitung sechs Orchestermusiker:innen aus dem Hut, die sehr sympathisch und persönlich über ihren Zugang zur Musik sowie über die besondere internationale Atmosphäre im Pforte Kammerorchester Plus sprachen.
Im ersten Teil spielte Maria Wloszczowska das berühmte e-moll Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy und leitete anschliessend als Konzertmeisterin eine Ballettsuite der Komponistin Vilma von Webenau. Nach der denkwürdigen Aufführung des Beethoven-Violinkonzertes vor einem Jahr war man gespannt, wie diese Musikerin Mendelssohns Konzert gestalten würde. Eine Standardinterpretation dieses populären Werkes hat wohl niemand im Saal erwartet. Maria Wloszczowska spielt den Beginn klanglich eher verhalten, verwendet kaum Vibrato und bettet ihren Ton in den Orchesterklang ein. Ein durchgehendes Metrum gibt es nicht, die gesanglichen Passagen werden extrem ausgekostet, mit deutlich zurückgenommenen Tempi und sehr freier Agogik. Der etwas verhaltene Klang weckt Assoziationen in Richtung Historische Aufführungspraxis, spätestens in der Kadenz ist das wieder obsolet, denn nun wurde richtig zugepackt und vibriert. Im langsamen Satz entwickelte Maria Wloszczowska einen ausdrucksstarken Dialog mit dem Orchester und nach dem virtuosen Finale gab es die ersten Standig Ovations.
Uraufführung nach hundert Jahren?
Nach Mendelssohns süffiger, virtuoser und mitreissender Musik hat es jedes andere Stück schwer. An diesem Abend hatte darunter Vilma von Webenau zu leiden, eine Wiener Komponistin und Schülerin von Arnold Schönberg, die bereits mit einigen Kammermusikwerken im Pforte-Programm zu hören war. Wie Klaus Christa, künstlerischer Leiter der Pforte-Reihe, in seiner Moderation erläuterte, handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit bei Vilma von Webenaus „Kleiner Ballettsuite“ um eine Uraufführung, denn es scheint, als ob dieses Stück seit seiner Entstehung noch nie öffentlich zu hören war. Vilma von Webenaus Stil ist hochromantisch, vergleichbar etwa mit Max Reger oder Alexander von Zemlinsky. Das Pforte-Team hat das Konzert mitgeschnitten, nun gibt es von Vilma von Webenaus Suite eine professionelle Videoaufnahme, was die Wahrscheinlichkeit von weiteren Aufführungen begünstigt.
Energiegeladener Beethoven
Nach der Pause dann endlich Beethoven. Und schon beim ersten Ton war alles wieder da, dieser spezielle Beethoven-Sound, den Maria Wloszczowska in ihrer Doppelrolle als Konzertmeisterin und Dirigentin mit dem Pforte Kammerorchester Plus innerhalb weniger Probentage entwickeln kann. Mit einer unglaublichen Verve stürzen sich die durchgehend jungen Musiker:innen hinein ins Geschehen, man wird fast überrumpelt von so viel Unmittelbarkeit. Die ganze Symphonie klingt entstaubt, fast so, als hätte man alle Teile auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Die Zuhörer:innen wissen gar nicht, was sie mehr bewundern sollen, die musikalische Kraft oder die Durchhörbarkeit, die Balance der einzelnen Stimmen oder die makellosen Leistungen der Solobläser:innen. Bravo! Als Zugabe gab es dann noch die Schnellpölka "Vergnügungszug" von Johann Strauss als Ohrwurm für den Nachhauseweg.
Selbstverständlich will man jetzt auch Beethovens Fünfte in dieser Besetzung hören, aber auch die Symphonien 1 und 2 wären zweifellos Highlights in den kommenden Pforte-Programmen. Und irgendwann dann die Neunte. Im Sinne der neuen Kooperationsvereinbarung Pforte – Stella Hochschule wäre das das doch so etwas wie ein Leuchtturmprojekt.
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