Im Blechbläserklang die Freiheit leben
Die Brassband Vorarlberg bescherte den Zuhörenden ein mitreißendes Geburtstagskonzert
Als Jan Ströhle vor zehn Jahren die „Brassband Vorarlberg“ ins Leben rief, war die Begeisterung bei allen Mitwirkenden groß. Und obwohl sich in der Zwischenzeit die Besetzung stark verändert hat, hielt diese bis jetzt an. Das war beim Jubiläumskonzert im Cubus in Wolfurt eindrücklich zu spüren. Als Geburtstagsgeschenk vergab die Brassband einen Kompositionsauftrag an Philip Yaeger und setzte bei der Uraufführung mit dem Trompeter Martin Eberle als Solisten einen mitreißenden Höhepunkt des Konzertes sowie der Bandgeschichte. Mit weiteren Werken, unter anderem von Dmitri Schostakowitsch, Philip Sparke und John Williams, feierten die voll motivierten Musiker:innen unter der Leitung von Benjamin Markl und das Publikum den speziellen Blechbläsersound gebührend.
Die speziellen Klangeigenschaften einer Brassband lassen niemanden kalt und verströmen eine mitreißende Wirkung. In dieser Formation erklingen nicht die herkömmlichen Blechblasinstrumente, wie sie allseits in den Blasorchestern und Musikvereinen erklingen, sondern die in der englischen Tradition etablierten Cornets. Diese Instrumente sind durch ihre Bauweise für aberwitzig schnelle Läufe prädestiniert, und sie mischen sich mit ihrem obertonreichen Klang in allen Stimmregistern besonders gut. Für das an der Orgel und auch am Chorgesang orientierte Klangideal verantwortlich sind nicht zuletzt die sogenannten Althörner, die in anderen Formationen „ausgestorben“ sind. Einer Brassband verleihen sie jedoch eine chorische Qualität, die ihresgleichen sucht. All diese Spezialitäten kristallisierte die Brassband Vorarlberg mit einer ausgeklügelten Werkauswahl heraus.
Freunde, die sich bestens verstehen
Der Posaunist und Komponist Philip Yaeger schrieb für den Trompeter Martin Eberle das Werk „The Weather in 10 Years“ und traf dabei sowohl den Nerv der Brassband als auch den des Solisten. Die beiden kennen sich schon lange, sie sind im Jazzorchester Vorarlberg miteinander verbunden und mit ihrem Wirken auch in Vorarlberg präsent. Auf den ersten Blick wirkte deshalb die Idee, genau Philip Yaeger mit einem neuen Werk zu beauftragen, nicht sonderlich originell. Nun aber, nach der Uraufführung im Cubus in Wolfurt, ist klar, dass der Brassbandgründer und Obmann Jan Ströhle genau die richtige Entscheidung getroffen hat.
„The Weather in 10 Years“ ließ Philip Yaeger zehn Jahre Revue passieren und schuf ein Werk, das in abwechslungsreichen musikalischen Bildern einesteils Gemütszustände und andernteils die Kommunikation und das Zusammenwirken im Kollektiv zueinander in Beziehung stellte. Bereits der Beginn mit dem im Sekundabstand sich generierenden Klanggrund, aus dem allmählich die melodischen Linien herauswuchsen, zog die Zuhörenden in den Bann. Martin Eberle ‚sang auf der Trompete und wurde dabei in einer feinsinnigen Klangbalance von der Band getragen. Hervorragend proportioniert wuchs der Klangfluss allmählich an und entwickelte mit treibenden Rhythmen einen mitreißenden Flow. Einer der spannendsten Momente des mitteilsamen Werkes war dabei jene Passage, in der das stabile Klanggewebe allmählich ins Wanken geriet und im Tutti abbrach. Mit Luftgeräuschen, Flatterzunge und tremolierenden Pianissimopassagen ließen Martin Eberle und die Brassband wieder Neues entstehen. Reizvoll spielten die Musiker:innen dabei mit der Zeit. Das Trompetenkonzert endete tänzerisch und mit einem harmonisch strahlenden Klang.
Martin Eberle ist 33 Jahre alt und hat sich als Jazztrompeter mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Die Art, wie er den Klang auf seinem Instrument nuancierte, sprechend variierte und mit einer mitreißenden Technik in höchste Lagen führte, wirkte souverän und verlieh dem Solopart des Werkes „The Weater in 10 Years“ ein einzigartiges Profil. Als Zugabe und zur Entspannung formierte sich ein kleines Ensemble und präsentierte den Bossa Nova „Chega de Saudade" von Johannes Morrison in einem Arrangement von Jan Ströhle.
Die Festliche Ouvertüre von Dmitri Schostakowitsch in einem Arrangement von Michael Antrobus bot der Brassband Vorarlberg und Benjamin Markl eine ideale Gelegenheit, um die Zuhörenden mit wirbelnder Virtuosität, bombastischen dynamischen Klangtürmen zu begeistern. Allein in der dynamischen Gestaltung dieses Werkes zeigte sich, worauf die Brassband besonders viel Wert legt: nämlich auf die Klangbalance und den von unten stark gestützten Gesamtklang. Schnelle Finger waren bei den wirbelnden Themen gefragt. Alle Musiker:innen brachten gute Voraussetzungen für die enormen Anforderungen mit und stellten diese eindrücklich unter Beweis. (An den ersten Pulten: Matthias Klocker, Principal Cornet; Martin Sillaber, Sopran Cornet; Marcel Metzler, Repiano Cornet; Peter Gmeiner, Flügelhorn; Dieter Bischof, Solo Althorn; Markus Mikusch, 1. Euphonium; Jan Ströhle, 1. Posaune; Bob Sibich und Michael Metzler; 1. Tuba; Wolfgang Wehinger, 1. Schlagerker). Durch den großen Enthusiasmus gingen zwar mitunter an Nahtstellen Details „verloren“, doch das hohe Energielevel der Musiker:innen tat den Unwägbarkeiten keinen Abbruch.
Musik im Zeichen des Glücks
Passend für das Naturell der Brassband und in Erinnerung an das Debütkonzert – auf den Tag genau vor 10 Jahren – erklang wieder das berühmte Werk „Year of the Dragon“ von Philip Sparke. Markig artikulierten die Musiker:innen die Themen, mit exakten Phrasierungsbögen und stark ausgeprägtem Schlagwerkpart. Schön jonglierte die Band zwischen den Klangfarben, erstrahlte auch in piano geführten Passagen und wurde von poesievollen Soli bereichert. Die gute Intonation der Brassband kam besonders im Interlude zur Geltung. Im Finale war anfangs die Balance zwischen der Band und den ornamentalen Umspielungen des Principal- sowie des Soprancornets nicht optimal. Doch im Laufe der ausdrucksstark durch die Register geführten melodischen Linien stellte sich ein schönes Gleichgewicht ein.
Mit „Songs of the Morning“ von Eric Ball und dem ersten Abschnitt der „Nordic Polska“ von Anders Edenroth und Matti Kallio zelebrierten die Musiker:innen ihre Leidenschaft für sinnliche Kantilenen, die sie mit einem in sich ruhenden Gesamtklang abrundeten. Tänzerisch und froh gelaunt endete das inspirierende Konzert. Für Abwechslung und klangliche Vielfalt sorgten die Musiker:innen durch die unterschiedlichen Musizierhaltungen, beispielsweise zum Publikum hingewendet, in den Klangkörper hinein oder solistisch an der Rampe.
Benjamin Markl dirigiert die Brassband seit dem Jahr 2017. Dass die Chemie zwischen den Musiker:innen und der Freude am gemeinsamen Gestalten gut harmonieren, war bei sämtlichen Werkdeutungen spür- und hörbar. Zur guten Stimmung im Saal trug auch die Moderatorin Bettina Barnay-Walser bei. Sie stellte humorvoll und informativ eine persönliche Verbindung zwischen den Bandmitgliedern, dem Dirigenten und dem Publikum her.